Richard Dikau und Juergen Weichselgartner: Der unruhige Planet. Der Mensch und die Naturgewalten. Darmstadt 2005. 191 S.

Die Tsunami-Katastrophe zur Jahreswende 2004/05 bietet den immer noch aktuellen Einstieg in die globale Problematik der Naturkatastrophen, deren Bedeutung kurz vor der Drucklegung durch den Hurrikan Katrina im Süden der Vereinigten Staaten auf traurige Weise noch unterstrichen worden war.

Titel und Untertitel lassen die Fokussierung auf das Kernthema Naturkatastrophen nicht so deutlich hervortreten, wie es wünschenswert gewesen wäre. Das Buch beginnt mit einer weltweiten Übersicht über Naturkatastrophen. In einem zentralen Kapitel sind natur- und sozialwissenschaftliche Ansätze im Blick auf das Katastrophenmanagement gegenübergestellt. Hier werden gewissermaßen die konzeptionellen Leitgedanken für die folgenden vier Hauptkapitel ausgebreitet. Es geht um die ganzheitliche Auseinandersetzung mit Naturkatastrophen, der insbesondere auch nicht die soziale und gesellschaftspolitische Dimension fehlt. Auf rund 55 Seiten sind nacheinander Naturgefahren nach ihrer Entstehungsursache vorgestellt: meteorologische, hydrologische und Naturgefahren der festen Erde (Erdbeben, Vulkanismus, Tsunamis, Massenbewegungen). Die erdwissenschaftlichen Zusammenhänge sind kompetent und allgemeinverständlich dargelegt. Erläuternde Beispiele sind vortrefflich ausgewählt und übersichtlich aufbereitet.
Da Naturereignisse nur durch Schäden als Katastrophen wahrgenommen werden, stellen die Autoren die Gefahren-, Risiko- und Katastrophenwahrnehmung durch Gesellschaften in den Mittelpunkt des vierten Kapitels. Kulturelle Differenz, die gesellschaftliche Verfassung, Entwicklungsstand und Medienberichterstattung beeinflussen die Wahrnehmung. Derart vorbereitet wendet sich der Leser nochmals dem Katastrophenmanagement zu, und zwar werden sowohl nationale als auch internationale Konzepte vorgestellt, die bei der Katastrophenvorsorge beginnen, über den Katastrophenfall zur -nachsorge reichen und im Idealfall - dem Prinzip nachhaltiger Entwicklung verpflichtet - zu einem sich stetig verbessernden Umgang mit potentiell oder tatsächlich katastrophalen Naturereignissen führen. Im vorletzten Kapitel ist an regionalen Beispielen die Diskrepanz der Katastrophenwirkungen in Industrieländern mit hohen monetären Schäden und in armen Regionen der Welt mit besonders großen Verlusten an Menschenleben verdeutlicht. Das abschließende Kapitel lenkt den Blick auf die sich durch globale Klimatrends verändernde Gefährdungssituation. Zwangsläufig müssen die Ausführungen ‚spekulativ' bleiben; die Autoren lassen die nötige Vorsicht walten, wenn sie das Ineinandergreifen der an Naturkatastrophen beteiligten Prozesse auf unterschiedlichen räumlichen, zeitlichen und sozialen Skalen betonen und darauf aufmerksam machen, dass durch die Fixierung auf Schäden die zeitlichen und sozialen Komponenten ignoriert worden seien. Sie mahnen eine vorsorgende Risikokultur an, für die das Buch einen überzeugenden Beitrag bietet. Ein Glossar enthält 45 Schlüsselbegriffe, das Literaturverzeichnis listet rund 329
Titel auf und ist mit wenigen Ausnahmen auf deutsch- und englischsprachige Literatur des letzten Jahrzehnts konzentriert.
Das Buch richtet sich an einen breiten Leserkreis und unterliegt doch nicht der Gefahr, unzulässig zu vereinfachen; auch wirken die zahlreichen Sachinformationen nicht langweilend enzyklopädisch, sondern sie sind im Layout abgesetzt, lockern auf und manchem Leser vermögen sie als Fundgrube zum Nachschlagen dienen.
Das Buch ist hervorragend ausgestattet mit mehrfarbigen Diagrammen, Tabellen und Farbfotos. Gelungene Schaubilder strukturieren die Materie, die Beispiele sind aktuell und instruktiv; überaus reichhaltige Hinweise auf Internetseiten fehlen in keinem Artikel. Die Publikation bietet einen umfassenden Zugang zur Durchdringung der vielschichtigen Analyse und Bewältigung von Naturkatastrophen. Insgesamt liegt hier ein Musterbeispiel einer populärwissenschaftlichen Publikation vor.    
Autor: Harald Zepp

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 2, S. 190-191

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