Maggi Wai-Han Leung: Chinese Migration in Germany. Making Home in Transnational Space. Frankfurt a.M., London 2004 (Beiträge zur Regional- und Migrationsforschung 4). 183 S.

Untersuchungen zu Migrationsprozessen, ihren vielfältigen Erscheinungsformen, Ursachen und Folgen, haben derzeit Hochkonjunktur. Dabei geht es einerseits um Fragen der Integration von Migranten in die Aufnahmegesellschaft oder auch um die Wechselbeziehungen zwischen Migration und demographischem Wandel. Ein weiterer, in jüngster Zeit wieder intensiv diskutierter Problemkreis betrifft die Verankerung zahlreicher Migranten in mehreren Gesellschaften und Kulturen, wenn man so will einem Leben in "transnationalen Räumen".

Die Studie von MAGGI LEUNG, eine an der Universität Bremen entstandene Dissertation, lässt sich in die letztgenannte Forschungsrichtung einordnen, widmet sie sich doch dem Thema der Lebensverhältnisse, Identitäten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so genannter transnationaler Migranten. Frau LEUNG untersucht diese Thematik am Beispiel chinesischer Migranten in Deutschland, ein Vorhaben, für das die Autorin in besonderer Weise prädestiniert ist, da sie, in Hong Kong geboren, aber mit Studienerfahrungen in den USA und langjährigen Kenntnissen der Situation in Deutschland, gleichsam selbst eine "Transmigrantin" ist.
Die Untersuchung ist in acht Kapitel und einen kurzen zusammenfassenden Epilog gegliedert. In der knappen, aber stringenten Einleitung (Kap. 1) werden die theoretischen und methodischen Grundlagen der Studie erläutert. Eine wesentliche Rolle spielen hierbei die Konzeptionen "Transnationalität" und "Diaspora", die letztlich dazu verwendet werden, den sehr komplexen und vieldimensionalen Begriff des "home-making" einzuführen. Die Verfasserin nutzt für ihre Studie ein ethnographisches Vorgehen, in dessen Zentrum
68 nicht-standardisierte, aber überwiegend leitfadengestützte Tiefeninterviews mit Chinesen bzw. Personen chinesischer Abstammung in einer Reihe deutscher Großstädte stehen. Statistische Repräsentativität war weder erreichbar noch angestrebt - dennoch wurde bei den Interviewpartnern auf eine angemessene Streuung nach Geschlecht und Alter, nach
sozialem Status und Aufenthaltsdauer geachtet. Kapitel 2 gibt einen historischen Überblick über den bis heute relativ schmalen Strom chinesischer Migranten nach Deutschland, von den ersten Anfängen im 19. Jahrhundert (chinesische Seeleute) bis zur aktuellen, sehr differenzierten chinesischen Migrantenpopulation. Kapitel 3 befasst sich mit den verschiedenen Dimensionen von Heimat/"home". Hierbei zeigen sich höchst unterschiedliche Weisen der sozialräumlichen Verankerung, wobei die Mobilität von einigen Befragten als Privileg, von anderen als schwere Belastung empfunden wird. Kapitel 4 (On Being Chinese) korrigiert erfolgreich das verbreitete Vorurteil der Homogenität der chinesischen Bevölkerung in Deutschland und dekonstruiert das Stereotyp einer allumfassenden chinesischen Identität. Allein schon durch die Verankerung in der Volksrepublik China, in Taiwan oder auch als Mitglieder chinesischer Ethnien in Singapur oder Indonesien werden, dies belegt die Autorin eindrucksvoll, sehr differenzierte und keineswegs spannungsfreie Identitäten erzeugt.
Die Kapitel 5 bis 8 befassen sich mit der ethnischen Ökonomie und dem ethnischen Unternehmertum der Chinesen in Deutschland. Hierbei orientiert sich LEUNG primär am
mixed embeddedness-Ansatz von KLOOSTERMAN et al. Eine Bereicherung des theoretisch-konzeptionellen Gehalts hätte hier möglicherweise die Überlegungen BOURDIEUs zum kulturellen und sozialen Kapital auf die Untersuchungsgruppe der Autorin erbringen können. Die Verfasserin weist nach, dass die Gründung eines eigenen Unternehmens keineswegs in allen Fällen der "Königsweg" zum sozioökonomischen Aufstieg ist. Dies trifft nicht zuletzt auf die Vielzahl der chinesischen Restaurants in Deutschland zu, die in starkem Maße auf die Mobilisierung informeller Aktivitäten (mithelfende Familienangehörige, Verwandte) angewiesen sind. Nicht selten als Aussteiger aus dem gastronomischen Sektor haben sich chinesische Reisebüros entwickelt, die einerseits Rei-
sen nach China organisieren und sich hierbei die nostalgischen Gefühle und die Heimatsehnsucht der Chinesen in Deutschland zunutze machen, zum anderen aber auch zunehmend den Markt chinesischer Touristen in Deutschland im Blick haben. Ein wiederum völlig anderer Typ chinesischer Unternehmen in Deutschland ist die dynamisch wachsende IT-Branche, für die LEUNGs Studie hochinteressante Einsichten in die Standortwahl und die ethnisch differenzierten Rekrutierungsstrategien von Arbeitskräften liefert.
Die Autorin setzt sich für ihre Untersuchung drei Ziele:
Es sind dies erstens die Dekonstruktion des Stereotyps "der Chinesen" als homogene "ethnische Gruppe", zweitens die Analyse der Bedeutung und der vielfältigen Erfahrungen von "home" (Heimat/Daheim-Sein) in der Diasporasituation und drittens die Aufdeckung und Erklärung der verschiedenen Wege des "home-making" in Deutschland, vor allem unter Berücksichtigung der ethnischen Netzwerke und Organisationsformen in der ethnischen "community" sowie der Funktion des ethnischen Unternehmertums. Diese Ziele werden in überzeugender Weise erreicht, wobei insbesondere die vielfache Differenzierung der chinesischen Bevölkerung nach Herkunft, sozioökonomischem Status, Alter und Aufenthaltsdauer in ihren Auswirkungen auf die multiple Identität dieser Personen eindrucksvoll herausgearbeitet wird.
Die Untersuchung von MAGGI LEUNG gewinnt ihren Wert im Wesentlichen aus zwei Gründen: Zum einen widmet sich die Autorin ihrem Untersuchungsgegenstand konzeptionell sowie methodisch stringent und mit beeindruckender Sensibilität. Besonders überzeugt nicht nur der verständnisvolle und einfühlsame Umgang der Autorin mit ihren Interviewpartnern, sondern auch die gute Kenntnis der politisch-institutionellen Rahmenbedingungen der deutschen Gesellschaft für die chinesische Minderheit. Zum anderen beleuchtet sie mit dem Phänomen chinesischer Migranten in Deutschland einen Aspekt der Migration, der zwischen der Analyse von Einwanderern aus traditionellen Anwerbeländern einerseits und der ebenfalls intensiv untersuchten Migration sog. hoch qualifizierter, häufig temporärer Migranten aus den klassischen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften andererseits bislang zu wenig Aufmerksamkeit gefunden hat.
Die interdisziplinär angelegte Studie von MAGGI LEUNG leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der transnationalen Migration und verdient Aufmerksamkeit nicht nur in der sozialgeographischen Migrationsforschung, sondern auch in den Bereichen der Ethnologie und Soziologie.
Autor: Günter Thieme

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 2, S. 195-196




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