Hans H. Blotevogel (Hg.): Fortentwicklung des Zentrale-Orte-Konzepts. Hannover 2002 (Forschung- und Sitzungsberichte ARL 217). S. 331 S.

"Welche Rolle kann und soll das Zentrale-Orte-Konzept in der Raumordnungspolitik von heute und morgen spielen?" Dieser erste Satz im Vorwort des Herausgebers beschreibt sehr treffend den Problemkontext und die Zielsetzung der Publikation, die in eindrücklicher Form die Ergebnisse eines von HANS H. BLOTEVOGEL geleiteten Ad-hoc-Arbeitskreises der Akademie für Raumforschung und Landesplanung dokumentiert und zusammenfasst.

Die von WALTER CHRISTALLER im Jahre 1933 vorgelegte regionalökonomische "Theorie der Zentralen Orte" als neoklassische Theorie der optimalen Standorte haushaltsorientierter Funktionen des tertiären Sektors erlebte - nachdem sie bereits während des Dritten Reiches in den Plänen zur "Neuordnung" der besetzten Gebiete Ostmitteleuropas Anwendung gefunden hatte - in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine bemerkenswerte Transformation zu einem zentralen Leitbild der Raumordnungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Dieses Leitbild, das zur systematischen Abgrenzung von dem Theoriegebäude CHRISTALLERs als "Zentrale-Orte-Konzept" (ZOK) bezeichnet wird (S. 10ff.), passte sehr gut zum damals dominierenden gesellschaftlichen Konsens eines weit reichenden Steuerungsanspruchs des Staates in der Raumentwicklung. In jüngerer Zeit ist das ZOK allerdings zunehmend in die Kritik geraten, wenn nicht sogar obsolet geworden. Als eine Ursache hierfür kann sicherlich gelten, dass die Theorie CHRISTALLERs immer weniger geeignet erschien, die konkreten und sich ständig neu formierenden Standortmuster tertiärwirtschaftlicher Aktivi-täten in der postindustriellen Gesellschaft überzeugend zu erklären. Noch bedeutender ist jedoch, dass die Legitimitätskrise der klassischen Raumordnungspolitik sowie der Wandel der Planungsphilosophie hin zu einer stärker auf Kooperation, Konsensbildung und dezentrale Steuerungsformen ausgerichteten Politik das als starr und "zentralistisch" bewertete Zentrale-Orte-Konzept massiv in Frage stellten, obwohl sich dieses Konzept in der Praxis nach wie vor großer Beliebtheit erfreute.
Vor diesem Hintergrund der Legitimitätskrise einer lange Zeit tragenden Säule der Raumordnung in Deutschland wurde ein Arbeitskreis aus Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen sowie aus Praktikern gebildet, der prüfen sollte, ob und in welcher Form das ZOK noch als zukunftsfähig zu betrachten sei. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind in den beiden Hauptteilen des Buches zu finden. Der erste, umfangreichere Teil versammelt unter der Überschrift "Bestands-aufnahme" zunächst 13 grundsätzliche Arbeiten zu den
Themenbereichen "Veränderter raumordnungspolitischer Kontext", "Politik und Zentrale-Orte-Konzept", "Entwicklungstendenzen der Siedlungsstruktur" sowie "Trends und Rahmenbedingungen von Konsum, Einzelhandel und Dienstleistungen". Diese werden ergänzt durch fünf regionale Fallstudien aus sechs Bundesländern. Die in ihrer Qualität durchaus differierenden Beiträge decken nicht nur ein breites Spektrum von Themen ab, sie vertreten auch sehr unterschiedliche Positionen hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit des ZOK. Am stärksten wird dieses Konzept von H. GEBHARDT in seiner Arbeit über den Einfluss neuer Konsumstile und der Veränderungen des aktionsräumlichen Verhaltens auf das ZOK in Frage gestellt, während in den beiden Texten von H. H. BLOTEVOGEL die Überzeugung vorherrscht, dass mit einer gründlichen Reformulierung und Modernisierung das Konzept durchaus zu retten sei. Die verschiedenen Texte lassen vermuten, dass in der Kommission heftige und kontroverse Diskussionen geführt wurden.
Umso bemerkenswerter, weil aus einem Guss, sind die auf knapp 75 Seiten im zweiten Teil des Bandes dargelegten "Empfehlungen zur Fortentwicklung des Zentrale-Orte-Konzepts" als Ergebnis der Beratungen. Obwohl nicht namentlich gezeichnet, darf H. H. BLOTEVOGEL als der maßgebliche Autor dieses Abschnitts angesehen werden. Diese "Empfehlungen" liefern eine in der Tat weit ausgreifende "Fortentwicklung" im Sinne der "Anpassung" des ursprünglich recht eng gefassten Konzepts sowohl an die Wandlungen in der Planungskultur und an das übergeordnete Leitbild der Nachhaltigkeit als auch an die veränderten Strukturen der Verdichtungsräume ("Zwischenstadt") und ländlichen Regionen sowie die Entwicklungen der Standorte des Einzelhandels. Dabei wird, um nur einige Punkte zu nennen, bei der Rangordnung der zentralen Orte für die Einführung der "Metropolregionen" als oberste Hierarchiestufe plädiert sowie die Berücksichtigung von Städteverbünden empfohlen. Auf die Ausweisung von Verflechtungsbereichen solle in Zukunft ebenso verzichtet werden, wie auf die Bindung des Zentrale-Orte-Begriffs an politische Gemeinden.
Nach Auffassung der Kommission stellen die vorgelegten Empfehlungen, auf die hier nicht weiter im Detail eingegangen werden kann, eine den gegenwärtigen wie auch zukünftigen raumordnungspolitischen Anforderungen durchaus gerecht werdende Weiterentwicklung des Zentrale-Orte-Konzepts dar. Doch es ist Skepsis angebracht, denn das revidierte Konzept, das eine "mittlere Linie" pragmatischer Modernisierung verfolgt, gerät, wie von den Autoren des Bandes selbst gesehen, von zwei Seiten unter Bedrängnis: Den Traditionalisten mag die Revision einer unzulässigen Aufweichung, ja Demontage eines bewährten Instruments der Raumordnung gleich kommen, die Kritiker des Konzepts aber werden den Schlussfolgerungen den Vorwurf der Halbherzigkeit und Inkonsequenz nicht ersparen. Der zukünftige Diskurs in den Wissenschaften wie auch die konkrete Planungspraxis werden zeigen, ob sich die vorgestellten "Empfehlungen" als wirklich tragfähig erweisen. Zu dieser Diskussion einen maßgeblichen und umfassenden Beitrag geleistet zu haben, ist das große Verdienst des von H. H. BLOTEVOGEL herausgegebenen Bandes.
Das Buch ist sorgfältig ediert und ausgesprochen leserfreundlich. Wer sich schnell über die wichtigsten Thesen und Ergebnisse informieren will, sei auf die zweisprachige Kurzfassung der "Empfehlungen" zu Anfang des Bandes sowie auf die Zusammenfassungen im Anhang verwiesen. Die ganze Breite der Einsichten und Argumente erschließt sich allerdings nur dem geduldigen Leser.    
Autor: Hans Dieter Laux

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 2, S. 196-197




Kommentar schreiben