Frank Rathje: Umnutzungsvorgänge in der Gutslandschaft von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Eine Bilanz unter der besonderen Berücksichtigung des Tourismus. Kiel 2004 (Kieler Geographische Schriften 109). 330 S.

Für das östliche Hügelland Schleswig-Holsteins und fast das gesamte Mecklenburg-Vorpommern ist die Gutslandschaft, bestehend aus landwirtschaftlichen Großbetrieben und einem Gebäudeensemble aus Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, typisch. Im Zuge wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen begann schon in den 1920er und 1930er Jahren die Erhaltung der Bausubstanz der Gutshöfe schwierig zu werden. Diese Problematik hat sich in der jüngeren Zeit durch den landwirtschaftlichen Strukturwandel und weitere gesellschaftliche Veränderungen (z.B. Abkehr von der Großfamilie, Funktionsverlust von Wirtschaftsgebäuden oder Gesindehäusern) noch drastisch verschärft. So sind zahlreiche Gebäude abgerissen worden, verfallen oder befinden sich in einem schlechten Erhaltungszustand. Viele andere Gutsgebäude haben eine Umnutzung erfahren, um durch alternative Einkommen einen Erhalt der Gebäude zu gewährleisten oder um ungenutzte Gebäudeteile oder Wirtschaftsgebäude (z.B. Scheunen, Remisen) wieder einer Nutzung zuzuführen.
Die vorliegende Dissertation behandelt diesen Problemkreis sehr ausführlich und kenntnisreich. Nach einer kurzen Darstellung des Problems der Erhaltung von Gutsanlagen (Kap. 1) wird die Gutslandschaft in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern in ihrer historischen Entwicklung, ihrer regionalen Verbreitung, dem Zustand der Gebäude und den Eigentumsverhältnissen dargestellt (Kap. 2). Dazu wurden für das Untersuchungsgebiet knapp 3.200 derzeit noch vorhandene Gutshäuser und andere Hauptgebäude aufgenommen. Ein Abgleich mit durch Auswertung topographischer Karten, Güterverzeichnissen und anderen Quellen gewonnenen Daten zeigt, dass zwischen 1900 und 2003 in Schleswig-Holstein rund 11% und in Mecklenburg-Vorpommern mehr als 25% verloren gegangen sind. Für die letztgenannte hohe Verlustrate sind die politischen Entwicklungen mit verantwortlich, denn die
Bodenreform nach 1945 hat zur Zersplitterung der Eigentumsverhältnisse der Gutshöfe geführt. Durch die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR hatten zahlreiche Gutsgebäude ihre landwirtschaftliche Funktion verloren und wurden nicht weiter gepflegt.
In Kapitel 3 werden die Situation und Perspektiven des Tourismus im Untersuchungsgebiet analysiert, um daraus das Potenzial für die touristische Umnutzung der Gutsgebäude abzuschätzen. Die theoretischen Grundlagen der Umnutzung (einschl. Baurecht, Steuerrecht, Fördermittel) werden in Kapitel 4 erörtert. Anschließend wird in Kapitel 5 die tatsächliche Umnutzung dargestellt. Dabei überrascht die Vielfalt der aufgefundenen Nutzungsarten, die sowohl verschiedene touristische als auch andere gewerbliche Nutzungen umfasst. Diese werden ausführlich mit ihren Motiven sowie den Vor- und Nachteilen für die Erhaltung der Bausubstanz bzw. des Erscheinungsbildes ganzer Gebäudegruppen diskutiert. Bei den verschiedenen Nutzungsformen ist auch wiederum regional zu differenzieren. So liegt in Mecklenburg-Vorpommern ein touristisches Angebot in Form von Schlosshotels vor, wie es in Schleswig-Holstein nicht einmal ansatzweise vorhanden ist. Andererseits sind viele Gebäude durch die Bodenreformen und die spätere Eigentumsübertragung in das Eigentum der Kommunen übergegangen und werden durch diese genutzt. In Schleswig-Holstein spielen dagegen die Nutzungen als Ferienwohnungen oder für den Urlaub auf dem Bauernhof eine große Rolle, weil dort die ursprüngliche Verbindung der Gutsgebäude mit der landwirtschaftlichen Nutzung noch weitgehend erhalten geblieben ist. Sehr interessant sind auch die Übersichtskarten, die die Verbreitung ausgewählter Nutzungen im Untersuchungsgebiet zeigen.
In Kapitel 6 werden fünf ausgewählte Gutshöfe als Detailstudien vorgestellt, um die dort abgelaufenen Umnutzungsmaßnahmen in ihrem zeitlichen Verlauf, den Motiven und den aufgetretenen Problemen oder weitergehenden Zielsetzungen im Detail darzustellen. Konzeptionelle Überlegungen zur effektiveren Vermarktung der touristischen Potenziale
der Gutslandschaft, insbesondere durch Bündelung der Angebote, werden in Kapitel 7 unterbreitet.
Diese Studie stellt eine sehr detaillierte Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation der Gutslandschaft von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern mit den jüngeren Entwicklungstendenzen dar und gibt Hinweise zur effektiveren touristischen Nutzung sowie Vermarktung für die Zukunft. Zahlreiche Abbildungen, vor allem Fotos, ergänzen den umfangreichen Text, der eine Fülle von Informationen bietet. Für den am Thema interessierten Leser wären noch Angaben zur Methodik der Arbeit interessant gewesen, wie eine derartige Fülle an Informationen zusammengetragen werden konnte. Aber leider werden dazu kaum Erläuterungen gegeben, möglicherweise ist ein entsprechendes Kapitel aufgrund des ohnehin großen Textumfangs der Kürzung zum Opfer gefallen.    
Autor: Werner Klohn

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 2, S. 197-198



Kommentare   

#1 Dr. Frank Rathje 2017-06-13 20:46
Es wurden im Wesentlichen die zuständigen Amtsverwaltungen in Schleswig-Holstein sowie Mecklenburg-Vorpommern befragt und eine Internet-Recherche vorgenommen.
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