Elke Tharun, Thomas Berge und Christian Langhagen-Rohrbach (Hg.): Raumentwicklung und Raumplanung in Europa. Vorträge eines Symposiums in Frankfurt a.M. aus Anlass der Emeritierung von Herrn Prof. Dr. Klaus Wolf und des 25-jährigen Bestehens der "Regio-Rhein-Main" am 25. Juni 2004. Frankfurt a.M. 2004 (Rhein-Mainischen Forschungen 125). 115 S.

Festschriften sind üblicherweise umfangreich und inhaltlich heterogen. Davon macht der vorliegende Band, der KLAUS WOLF zur Emeritierung gewidmet ist, in doppelter Hinsicht eine Ausnahme: Zum einen umfasst er nur 115 Seiten mit drei Fachbeiträgen, zum anderen lässt er sehr deutlich ein inhaltliches Gesamtkonzept erkennen.

Das Thema des Bandes "Raumentwicklung und Raumplanung in Europa" orientiert sich an einem zentralen Forschungsbereich von KLAUS WOLF, u.zw. in der für ihn charakteristischen Art und Weise, nämlich als Zusammenführung von Wissenschaft und Praxis (deshalb auch die Verbindung mit dem Jubiläum der von ihm gegründeten "Gesellschaft für regionalwissenschaftliche Forschung (Regio-Rhein-Main) e.V."). Mit seinen eigenen Worten: "Alle Prob-leme und Lösungsansätze [sind] so anzugehen, dass sich die Akteure in ihrem Handeln immer bewusst sind, dass alles Handeln in einem endlichen räumlichen Kontext stattfindet und alle Problemlösungen Verantwortung für einen ethisch orientierten Umgang mit dem Raum einschließen" (S. 103).
Konsequenterweise geht es in diesem Band daher nicht um Entwicklungen in der Raumplanung aus objektiv-distanzierter Sicht, sondern bewusste Wertsetzungen in Verantwortung für räumliche Entwicklungen führen zu folgender inhaltlichen Leitfrage: Wie kann sich auf dem Hintergrund von zunehmenden Konkurrenzen zwischen Standorten und Regionen und einem Paradigmenwechsel in der Raumordnung vom Ausgleichs- zum Entwicklungsziel trotzdem die so notwendige "Kultur der Kooperation" behaupten?
Diese Leitfrage wird an drei sehr unterschiedlichen Räumen - Schweizer Eidgenossenschaft, Großregion SaarLorLux und Region Rhein-Main behandelt, die dabei so ausgewählt sind, dass sie auf exemplarische Weise relevante Aspekte der Leitfrage thematisieren. Und da alle drei Autoren im Grenzbereich von Wissenschaft und Praxis zu Hause sind, sind drei sehr kenntnis- und aufschlussreiche Beiträge entstanden.
HANS ELSASSER (Geographisches Institut der Universität Zürich) berichtet über den Wandel in der Schweizer Raumplanung seit den 1960er Jahren bis heute. Für Nicht-Schweizer ist diese knappe, aber sehr gelungene Übersicht sehr hilfreich, um den "strategischen Paradigmenwechsel" der Regionalpolitik, in dem die Schweiz derzeit steckt (S. 42), zu verstehen. Auch in der Schweiz wird das Ausgleichsziel immer mehr in Frage gestellt und wird die "Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Teilräume" immer stärker hervorgehoben; allerdings sind die (schwierigen) Lösungen, die HANS ELSASSER vorstellt, immer noch dadurch geprägt, dass das Ausgleichsziel nicht fallen gelassen wird. Erst im Jahr 2005 engagieren sich zwei materialreiche Publikationen und einschlägige Lobbygruppen offen für die völlige Abschaffung des Ausgleichszieles - die Schweizer Alpen mit Ausnahme der Tourismusdestinationen als "alpine Brache"! -, was von außen gesehen für viele als völlig unverständlich erscheinen mag. Der Beitrag von HANS ELSASSER ist jedoch sehr hilfreich, um diese neue Entwicklung von innen heraus besser zu verstehen, deren Ergebnis derzeit noch völlig offen ist und worüber noch sehr heftig gestritten werden dürfte.
PETER MOLL (Leiter der Abteilung Europa in der Staatskanzlei des Saarlandes) thematisiert die Probleme der Zusammenarbeit in der SaarLorLux-Region, wobei er zahlreiche, teilweise unveröffentlichte Karten präsentiert, die sehr inhaltsreich sind. Gerade weil diese Region keine naturräumlichen oder kulturellen Gemeinsamkeiten besitzt und weil sie geopolitisch gesehen im Abseits liegt (nur Randbereiche gehören zur "Blauen Banane"), kommt einer effektiven Zusammenarbeit ein zentraler Stellenwert zu, um die negativen Auswirkungen der zahlreichen Grenzen zu überwinden. Die Analysen der Blockaden der Zusammenarbeit und konkrete Vorschläge zu ihrer Überwindung stehen im Zentrum dieses Beitrages. Allerdings zielen die Lösungen nicht in die Richtung, einen fehlenden Metropol-Status zu beklagen und deshalb entweder selbst Metropolregion zu werden oder sich einer Nachbarmetropolregion anzuschließen, und auch nicht dahin, alle Grenzen aufzuheben, sondern gleichzeitig "Grenzen überwinden - Grenzen erhalten" (so der programmatische Untertitel), denn "nichts wäre nachteiliger als ein Mischmasch unidentifizierbarer und unattraktiver Nivellierungen" (S. 69). Die eigenen Stärken können nur dann realisiert werden, wenn Teilregionen mit spezifischen Ausprägungen systematisch miteinander kooperieren und dabei ihre Spezifika stärken, und nicht, wenn alle grenzenlos miteinander konkurrieren und sich dabei bis zur Unkenntlichkeit wechselseitig nivellieren.
JENS SCHELLER und CHRISTIAN LANGHAGEN-ROHRBACH (Institut für Kulturgeographie der Universität Frankfurt und Regio-Rhein-Main e.V.) analysieren die Probleme der Zusammenarbeit der Rhein-Main-Region. Raumordnung ist hier besonders wichtig, weil sich die Siedlungsentwicklung seit 1987 stark auf den Zweiten Suburbanen Ring konzentriert, wodurch die Verkehrsströme stark vergrößert und die Stadt-Umland-Probleme in eine "noch größere Schieflage" gebracht wurden (S. 88). Obwohl für die Zukunft innerhalb des Ballungsraumes noch genügend Reserveflächen für Wohnen und Gewerbe zur Verfügung stehen - und daher das weitere Randwachstum verhindert werden könnte - ist diese wünschenswerte Entwicklung nur sehr schwer politisch umzusetzen, weil in diesem polyzentrischen Verdichtungsraum schon beinahe traditionell eine "Kultur der Konkurrenz" herrscht, die alle Kooperationen fast verunmöglicht (S. 94). Zur Stärkung der Kooperation braucht es Aktivitäten, die über die klassischen Instrumente der Regionalplanung weit hinausgehen. Damit kreisen alle drei Beiträge um die genannte gemeinsame Leitfrage und der Vergleich zwischen ihnen ist dabei zusätzlich sehr aufschlussreich.
Zum Schluss soll noch eine auf den ersten Blick persönliche Stellungnahme von KLAUS WOLF zur aktuellen Universitätsreform in seinem Schlusswort (S. 97-104) erwähnt werden: "Mit der stärkeren Einflussnahme außeruniversitär besetzter Beratungsgremien [...] und der zwingenden Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen verlässt die deutsche Universität endgültig das mich noch prägende Humboldt'sche Ideal, das von Einheit von Forschung und Lehre (u.zw. in dieser Reihenfolge!) ausging und wird, pointiert formuliert, zur nachgeordneten Ausbildungsbehörde" (S. 103). Allerdings hängt diese Bewertung - wie ELKE THARUN in ihrer Einführung (S. 11-12) betont - unmittelbar mit dem Thema dieses Bandes zusammen: Ebenso wie in der Raumordnung die starken Standorte und Regionen sollen auch an den Universitäten vorrangig die derzeit marktgängigen Disziplinen und Exzellenzcluster gefördert werden - beide Male dominiert dann die Konkurrenz über die Kooperation, was letztendlich zur wechselseitigen Nivellierung und zum allgemeinen Qualitätsverlust führt.    
Autor: Werner Bätzing
Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 2, S. 203-204

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