Anke Väth: Erwerbsmöglichkeiten von Frauen in ländlichen und suburbanen Gemeinden Baden-Württembergs. Qualitative und quantitative Analyse der Wechselwirkungen zwischen Qualifikation, Haus-, Familien- und Erwerbsarbeit. Heidelberg 2001 (Heidelberger Geographische Arbeiten 115). 386 S.

Die Arbeit ist Teil eines interdisziplinären, geographisch-kulturwissenschaftlichen Forschungsprojektes zum Thema "Räumliche Mobilität und Orientierung von Frauen aus dem ländlichen und städtischen Raum", das am Geographischen Institut der Universität Heidelberg sowie am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen 1997/1998 durchgeführt wurde.

In der Einleitung stellt die Autorin das vielschichtige, sozioökonomische Spannungsfeld, in dem sich die Erwerbstätigkeit von Frauen abspielt. Dabei haben sich familiäre
Gegebenheiten, tradierte Rollen- und Wertvorstellungen und individuelle Motivationen und Wünsche als ebenso entscheidende Faktoren herausgestellt wie gesellschaftliche Entwicklungen, gesetzliche Rahmenbedingungen, formale Qualifikationen und Arbeitsmarktsituationen, denn nach wie vor sind Frauen beinahe ausschliesslich für Familien- und Frauenarbeit zuständig.
Der ländliche und suburbane Raum weist einige charakteristische Strukturen auf. So sind junge, ledige Frauen, aber auch Ehefrauen und Mütter häufiger erwerbstätig als in Verdichtungsräumen, auch ist der Anteil der vollerwerbstätigen Mütter höher. Vermutete Gründe: kürzere Ausbildung, Notwendigkeit der Finanzierung des Eigenheims und mangelnde Teilzeitstellen. Andererseits fehlt es oft an Einrichtungen für die Kinderbetreuung und die Erschliessung mit öffentlichen Verkehrsmitteln lässt zu wünschen übrig. Die dadurch notwendige Anschaffung eines Pkw bedingt zusätzliches Einkommen und die Hol- und Bringdienste für Kinder bedeuteten eine Mehrbelastungen für die Mütter.
Am Beispiel von vier Gemeinden im Südwesten des Großraums Stuttgart sollten in der Arbeit Fragen zur Erwerbstätigkeit von Frauen nachgegangen werden, so zum Einfluss des veränderten schulischen und beruflichen Qualifikationsniveaus auf die Erwerbstätigkeit von Frauen, zur Rolle der Nähe von Stuttgart, zur innerfamiliären Arbeitsteilung, zur Bedeutung von Wohngemeinden als Arbeitsorte, zum Einfluss der Frauen auf die Arbeitszeitgestaltung oder zu den Berufslaufbahnen von Frauen.
Im Kapitel 2 wurden theoretische Erklärungsansätze zum Erwerbsverhalten von Frauen aufgearbeitet. Es werden verschiedene, teils auch gegensätzliche Theorien vorgestellt. Stark ökonomische Ansätze wie die Humankapitaltheorie berücksichtigen Frauen in ihrer sozialen Rolle nur sehr ungenügend, andere hingegen stellen interessante Ansätze dar, wie die Theorien zur Segmentierung von Arbeitsmärkten (z.B. KRECKEL 1992). In der Frauen- und Geschlechterforschung wurden andere Erklärungsmuster mit dem Ziel entwickelt, der besonderen gesellschaftlichen Situation von Frauen möglichst gerecht zu werden, so das Konzept des weiblichen Arbeitsvermögens oder Ansätze, die Geschlecht als soziale Konstruktion begreifen. Aus feministischer Sicht bedeutend ist der Ansatz der "doppelten Vergesellschaftung der Frauen", der den Zusammenhang zwischen Erwerbsarbeit und Familienarbeit oder anderen gesellschaftlich notwendigen Reproduktionsarbeiten herstellt.
Im Kapitel 3 werden die in der Untersuchung angewandte Methodologie und die dahinter stehenden Konzepte und die Datenerhebungsmethoden erläutert: Gespräche mit Schlüsselpersonen und ausführliche Interviews mit ausgewählten Frauen. Ausserdem wurden die Frauen gebeten, über einen bestimmten Zeitraum Tagebuch zu führen, denn es sollten nicht nur Informationen über Frauen zusammengetragen werden, sondern auch von Frauen. Die in die Untersuchung eingeschlossenen Frauen wiesen sehr unterschiedliche Lebensläufe auf: Frauen zwischen 18 und über 60 Jahren, Ledige, Verheiratete und Alleinerziehende, Frauen mit oder ohne Kinder, Einheimische und Zugezogene, Frauen mit unterschiedlichen Schulabschlüssen und aus verschiedensten Berufsgruppen, Erwerbstätige und "Hausfrauen". Es wurden sowohl quantitative wie qualitative Forschungsmethoden angewandt, denn, wie die feministische Forschung seit längerem bewiesen hat, sind den qualitativen Methoden in Bezug auf sozialgeographischen Fragestellungen oft Grenzen gesetzt; für die Arbeitsmarktforschung hingegen erwies sich die quantitative Erhebungsmethode für die vorliegende Untersuchung nach wie vor angezeigt.
In den Kapiteln 4 bis 7 werden die Resultate aus den empirischen Untersuchungen in den Testgemeinden vorgestellt und diskutiert: in Kapitel 4 die Rahmenbedingungen zur Erwerbstätigkeit, wie Schulbildung und Berufsausbildung, in Kapitel 5 die Erwerbsbeteiligung der Frauen und ihre Motive für eine Erwerbstätigkeit, in Kapitel 6 die weiterhin bestehende geschlechtsspezifische Segregation auf dem Arbeitsmarkt, außerdem die Arbeitsorte, Arbeitswege und die benutzten Verkehrsmittel ebenso wie die Wochenarbeitszeit und die Verteilung über die Woche, in Kapitel 7 die
Berufslaufbahnen von Frauen mit ihren typischen Brüchen und Unterbrechungen.
Dabei ergaben sich einige interessante Resultate:
- Nach wie vor ist die Arbeitsteilung in der Familie sehr stark nach Geschlechtern geordnet und die Tätigkeiten sind klar zugeordnet, was nicht sehr verwunderlich ist.
- Für viele erwerbstätige Frauen in ihrer "doppelten Vergesellschaftung" ist Zeit ein knappes Gut, aber sie haben die Bedeutung von Zeit für ihre Autonomie erkannt und fordern diese auch zunehmend von ihren Partnern ein.
- Die Segregation auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich sehr ausgeprägt im Zusammenhang auf die Arbeitszeiten, wenn auch die Arbeitzeitarrangements innerhalb der Gruppe der Frauen erhebliche Unterschiede aufwiesen. Es ist ein deutlicher Trend zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten zu beobachten. So hat die Teilzeitarbeit für Frauen zugenommen, ebenso wie die Tendenz zu Gleitzeitregelungen. Für einen beträchtlichen Teil der Männer hingegen läuft die Arbeitszeitflexibilisierung auf eine Verlängerung der Arbeitszeit und vermehrte Überstunden hinaus. "Die Erwerbsarbeit und die damit verbundene soziale Absicherung ist somit trotz steigender Erwerbsbeteiligung von Frauen sehr ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt" (S. 292).
- Unter dem Gesichtspunkt der formalen Qualifikation können Frauen als Gewinnerinnen der Bildungsexpansion bezeichnet werden. Trotzdem konzentrieren sich die Frauen bei der Berufswahl noch immer auf eine weitaus geringere Anzahl von Berufen als die Männer.
- Und mit Blick auf die Aufgabenteilung in Partnerschaft und Gesellschaft muss festgestellt werden, dass die traditionellen Verhaltensmuster noch immer dominieren und Veränderungen nur ganz allmählich einsetzen. "Dies führt dazu, dass für die Frauen auf dem Arbeitsmarkt noch kein Ende der Segregation in Sicht ist" (S. 336).    
Autorin: Elisabeth Bäschlin

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 2, S. 204-205




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