Hubert Kiesewetter: Industrielle Revolution in Deutschland. Regionen als Wachstumsmotoren. Stuttgart 2004. 307 S.

Über die Entwicklung Deutschlands im sogenannten "langen" 19. Jahrhundert gibt es zu Recht eine Fülle von Literatur, denn in der Zeit von 1815 bis 1914 hat sich Deutschland politisch, ökonomisch und gesellschaftlich stärker verändert als während des gesamten Jahrtausends davor.

Es liegt daher nahe, sich intensiver mit den Ursachen dieser Entwicklung zu befassen. Die vorliegende Veröffentlichung, es handelt sich um die ergänzte, überarbeitete und erweiterte zweite Auflage einer 1988 erschienenen Arbeit, rückt die zentrale Stellung der Regionen im Industrialisierungsprozess in den Vordergrund der Betrachtung. Als vergleichende regionale Industrieforschung möchte sie nicht nur beschreiben, sondern auch erklären - allerdings noch nicht analysieren. Damit sind die Stärken und die Schwächen der Untersuchung angesprochen. Sie enthält zweifellos weit mehr regional verortete Beispiele als etwa die Standardwerke von Wilhelm Treue, Knut Borchardt und Friedrich-Wilhelm Henning, aber eine vergleichende Betrachtung von Regionen, wie sie, allerdings grenzüberschreitend, für die Textilindustrie von S. Pollard oder die Metallverarbeitung von L. Magnusson (beide sind nicht nachgewiesen) bereits vorliegen, wird nicht geleistet. Dafür fehlen die Vergleichsmaßstäbe. Knut Borchardt hat allerdings schon Mitte der sechziger Jahre mit beachtenswertem Erfolg Möglichkeiten des Vergleichs geschaffen und es nicht bei der Feststellung belassen, dass ehemalige Gewerberäume wie die Eifel sich entleerten und große Teile Frankens ökonomisch zurückfielen (ein einschlägiger Verweis fehlt im Literaturverzeichnis). Denn selbst noch so gute Lokal- und Regionaluntersuchungen führen nicht weiter, wenn sie keine Vergleiche mit anderen Räumen gestatten.
Die vorliegende Untersuchung ist in zwei Teile gegliedert. Der erste behandelt die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und die Grundzüge der Entwicklung. Betrachtet werden die Voraussetzungen und Widerstände für die industriellen Revolutionen (sic!) sowie die Veränderungen in der vorindustriellen Phase des take off, während des Gründerbooms und der nachfolgenden Krise, während der "Großen Depression" und schließlich ab 1895, als Deutschland zur Weltmacht aufstieg. Der zweite Teil enthält Beispiele für den sektoralen Strukturwandel. Dabei wird nicht, wie meist üblich, nach den großen Wirtschaftssektoren gegliedert, sondern nach Branchen und Wirtschaftszweigen; selbst die Bevölkerungsentwicklung findet hier Berücksichtigung. Merkwürdigerweise wird bei der Post aber nicht regional differenziert (es werden Daten nur für die Jahre 1887 und 1911 genannt), dasselbe gilt für das Telegrafenwesen (Telegrafen- und Fernsprechwesen werden getrennt, aber die Automobilisierung hinzugenommen). Feststellungen, dass sich alle Regionen (mit Ausnahme der Mark Brandenburg und Thüringens) in der Industrialisierung bis 1914 behauptet haben (z.B. bezogen auf die Entwicklung der Baumwollindustrie), dass es interregionale Standortverlagerungen gegeben, aber keine Region sich völlig neu entwickelt hat, sind zweifellos beachtenswert. Auf die Frage nach den Gründen dafür lässt der Autor den Leser jedoch allein. Dass mit unternehmerischem Handeln Erfolg und Misserfolg untrennbar verbunden sind, ist keine neue Erkenntnis. Für die mit Hinweis auf Kant und im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Erfolg oberschlesischer Adelsfamilien getroffene Feststellung, dass ein Edelmann darum nicht sofort ein edler Mann wird, bleibt allenfalls die Charakterisierung als geistreiche Formulierung. Zuzustimmen ist der Aussage, dass neben vielen anderen Faktoren die regionale Differenzierung - in politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht - für die unterschiedliche Entwicklung in Deutschland von Bedeutung gewesen ist. Ob allerdings der regionale Wettbewerb die Erklärung für die ebenso rasche wie erfolgreiche Industrialisierung Deutschlands gewesen ist, - der Autor liefert für dieses Argument Beispiele und Gegenbeispiele - lässt sich auf der vorgelegten Grundlage nicht entscheiden.
Auor: Horst A. Wessel

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 50 (2006) Heft 3/4, S. 278-279

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