Michael Flitner und Julia Lossau (Hg.): Themenorte. Münster 2005 (Geographie 17). 200 S.

Wäre zum Beispiel der "Palast der Republik" in Berlin ein Thema für die Geographie? Er ist als Gebäude von materieller Substanz, er hat eine Lage und eine Funktion, ist also "Raum" in jeder Hinsicht. Zugleich wird dieser "Raum" derzeit (2006) abgerissen - ist er aber damit kein Thema für die Geographie mehr?
Der "Palast der Republik" ist/war ein Ort mit einem bestimmten Thema, er war "zu seiner Zeit" eine strategische Inszenierung. Neben einer Funktion für die Öffentlichkeit (Sonntagskaffee, Feiern und Bälle) war er der Ort der Volkskammer der DDR und damit eine ganz eigenartige Zurschaustellung politischer Positionen und Machtverhältnisse. Er sollte eine Lesart (oder Legende) von der Gleichzeitigkeit staatlicher Macht und frei zugänglicher Volksnähe erzeugen. Diese Symbolgeladenheit hatte sich materialisiert, hatte Größe und Stabilität, war sozial verankert. Aber: Diese Ortsbedeutung hat sich mit der Wende 1989 ff. mehrfach gewandelt, von der vorsichtigen teuren Asbestsanierung über Moratorien und spektakuläre Zwischennutzungen bis hin zur auch politisch-symbolisch begründeten Entfernung aus dem Stadtraum Berlin im Jahre 2006.
Die Rede ist also nicht nur von einem materiellen "Raum" und "Ort", sondern auch von Prozessen der Produktion, der Konsumtion und der Symbolisierung; es ist die Rede von kollektiven Vorstellungen, von Images und von Bedeutungswandel; es ist die Rede von Macht, von alltäglicher Politik, von Kulturen und Subkulturen auf Zeit; es ist auch die
Rede von verschiedenen "Themen", die diesem "Raum" innewohnen.
Vom Beispiel "Palast der Republik" ist im hier zu besprechenden Sammelband gar nicht die Rede. Aber die Inspiration aus diesem Buch müsste dazu taugen, Fälle dieser Art zu beobachten und zu erklären. Wäre es nur das (ehemalige) Gebäude und seine nunmehr erloschene Funktion und Lagebeziehung, wäre es für die Geographie nur mehr ein Thema der Stadtgeschichte; den "Rest" würden Soziologen und Politologen mithilfe ihres eigenen spatial turn und dem Paradigma des policy making bearbeiten.
Das werden auch traditionelle Geographen nicht ohne weiteres hinnehmen und damit sind wir bei den vielfältigen gegenwärtigen Bemühungen, Geographie neu zu denken. Das Thema der Geographie ist selbstverständlich nicht "ohne Raum", aber auch nicht einfach "als Raum". "Räume" werden produziert, angeeignet, gelesen, beherrscht und damit zu Orten, zu Symbolen, zu Bedeutungsträgern; dies geschieht in Prozessen und sozial differenziert; es ist sichtbar u.a. durch Handlungen von Subjekten, aber auch durch geronnene Zuordnungen und Blickwinkel und durch deren Wandel. Aus dem banalen Objekt "Palast der Republik" wird eine Hinsicht auf den Palast "als etwas". Er wird als Konstruktion verstanden und offen gelegten Interpretationen unterzogen.
Aus Arbeiten zum Berner Geographentag 2003 ist der Sammelband hervorgegangen. Ist man bei einem Kongress bei alternativen Angeboten noch unter sich, stellt sich das neue Denken eines cultural turn in einer Handlungszentrierung und alltäglicher Regionalisierung in der Geographie aber seit einigen Jahren als Paradigmenwandel heraus, mit aller ihm innewohnender Gruppen- und Fraktionsdynamik.
In drei Teilen werden im Sammelband Orte "themenzentriert" betrachtet: Der Teil "Produkte" ist der Herstellung von Bedeutungen gewidmet, an Bahnhöfen als Funktionsort mit postmodernen Konsumlandschaften und zentralen Demarkationslinien für Inklusion und Exklusion (CLAUDIA WUCHERPFENNIG), in der "Industrie-Kultur-Landschaft Ruhrgebiet" als einem gemachten Bild einer Region bis hin zur "Nostalgiopolis" und einem gemachten Prozess der "Industriekultur" in der Ruhrtriennale (ACHIM PROSSEK), am Canyon Country als Wechselspiel von Inszenierung und Aneignung der Themen des "Mythos West" und des Tourismus (HEIKE EGNER).
Der Teil "Kontexte" befasst sich mit den strategischen Unterscheidungen, mit denen Räume für Inklusion und Exklusion "gemacht" werden: Soziale Brennpunkte in (Münchner) Großwohnsiedlungen als Orte (oder gar mit der Zuschreibung "Gegenorte") notwendiger Intervention etwa im Programm "Soziale Stadt" (SABINE HAFNER). Die historische Altstadt von Salzburg wird einem romantischen Diskurs, einer bestimmten schwärmerischen Lesart als "Schöne Stadt" unterworfen und später durch eine Altstadterhaltungssatzung zu einer objektiv und universal wertvollen Stadt normiert, das hegemoniale Raumbild ist aber nicht zugleich Konsens, und so erscheint Salzburg einigen lokalen Akteuren als "museales Gefängnis" (THOMAS JEKEL u. FRANZ HUBER). Die Serengeti als vermeintlich überhistorische "gereinigte Natur" wird in ihrer (filmischen) Konstruiertheit analysiert; ein postkolonialer Erinnerungsort blendet zugleich die Perspektive auf heutige Umwelt- und Nutzungskonflikte aus, die auch für den Prototypen des afrikanischen Nationalparks stehen (MICHAEL FLITNER). Landschaften können auch durch das Thema "Nahrungsmittel" besetzt werden, in konservativer Programmatik ist dann die Natur eines Lebensmittels Teil des Gesamtcharakters einer Landschaft bis hin zur "Landschaftsharmonie", das Terroir als "Ausdruck regionaler Kultur, Identität und Vielfalt" (EVA GELINSKY).
Der dritte Teil steht unter dem Titel "Medien". Räume werden durch die Produktion von Bedeutungszuschreibungen gemacht, im Objektmarketing für Immobilien oder das "neue Berlin" etwa durch Mythentransfer in Zeitgeist-Konzepte und Weltanschauungen, aber auch in flüchtige Präsenzkulturen (SVEN RICHTER). Stadtviertel werden neu erfunden/rekonstruiert über die Mobilisierung von Bildern und Erinnerungen; wenn dies über künstlerische Medien geschieht, kann dies aber zur sperrigen und unterschiedlichen Aneignungen führen, z.B. bei der Stadterneuerung im Stadtteil Gorbal/Glasgow als dem "berüchtigsten Slum der Britischen Inseln" (JULIA LOSSAU). Das Beispiel der von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen in Afghanistan regt an, Prozesse der vielfachen Transformationen und Verzweigungen bei der Entstehung von Themenorten zu beforschen; auch hier geht es nicht einfach um die "objektive" Substanz, die mit der Zerstörung/Entfernung "gegenstandslos" geworden wäre (MICHAEL HOYLER u. HEIKE JÖNS).
Orte werden gemacht, sind verbunden mit Bedeutungen und deren Wandel, sind repräsentiert durch Symbole und in Prozessen und bei Subjekten, historisch und sozial differenziert also und damit immer auch eine jeweilige Realität. Das sollte auch traditionelle Geographen nicht kränken, sowenig wie ein Sprachwissenschaftler dadurch irritiert ist, dass sein Objekt, die Sprache, neben dem wohl organisierten System zugleich ein Prozess ständiger Performanz, also von sozialer Praxis und von ständigem Wandel ist.
Die Beiträge des Sammelbandes sind durchweg essayistisch verfasst und sehr leicht lesbar; die große Theorie findet v.a. in der Einleitung und im letzten Beitrag (HOYLER u. JÖNS) statt. Sie sind damit auch für Skeptiker als Inspiration zu einem dynamischen Denken über Räumlichkeit und Gesellschaft geeignet. Er wird zum entspannten Studium empfohlen.   
Autor: Tilmann Rhode-Jüchtern

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 3, S. 297-298

Kommentar schreiben