Heinz Heineberg: Einführung in die Anthropogeographie/Humangeographie. Paderborn 2003. 440 S.

In den letzten Jahren sind eine Reihe von Einführungswerken zur Humangeographie/Anthropogeographie erschienen: die Humangeographie von KNOX und MARSTON (2001), die Allgemeine Anthropogeographie von SCHENK und SCHLIEPHAKE (Hg.) (2005) sowie die hier zu besprechende Einführung des Münsteraner Ordinarius HEINZ HEINEBERG.

Während das Buch von KNOX und MARSTON seine einzelnen Kapitel im Wesentlichen längs des Leitmotivs von Globalisierung und Lokalisierung entwickelt und dabei weltweite Beispiele behandelt, werden in dem sehr umfangreichen Lehrbuch von SCHENK und SCHLIEPHAKE ausführlich Konzepte und Gegenstände der einzelnen humangeographischen Teilgebiete (Bevölkerungsgeographie, Siedlungsgeographie, Politische Geographie etc.) abgehandelt, welche in einer eher kurzen Einführung zusammengebunden, aber durch eine gelungene disziplingeschichtliche Darstellung ergänzt werden.
Das Lehrbuch von HEINEBERG hingegen ist von einem einzigen Autor verfasst und letztlich aus seiner langjährigen Vorlesungserfahrung in Münster hervorgegangen. Das erleichtert eine Gesamtschau und Gewichtung der einzelnen Kapitel. Relativ ausführlich werden im Eingangskapitel auf knapp 40 Seiten Aufgaben, Teildisziplinen und Hauptentwicklungsphasen der Anthropogeographie/Humangeographie vorgestellt. Der Schwerpunkt liegt auf den Ansätzen
der Geofaktorenlehre der allgemeinen Geographie sowie der Darstellung der wichtigsten Teildisziplinen (Bevölkerungsgeographie, Wirtschaftsgeographie, Siedlungsgeographie etc.). Der Überblick über die Hauptentwicklungsphasen folgt der von RUPPERT und SCHAFFER (1969) bzw. von HEINEBERG in seiner Stadtgeographie (2000) entwickelten Systematik (von der geodeterministischen Phase bis zur handlungsorientierten Sozialgeographie nach BENNO WERLEN). Ein lesenswerter Abschnitt über Raumkonzepte in der Geographie beschließt das Kapitel. Sehr nützlich gerade für den studentischen Leser sind die am Schluss der einzelnen Kapitel eingefügten Literaturübersichten. Auch erleichtert eine Vielzahl von Abbildungen das Verständnis.
Die folgenden Hauptkapitel des Buches sind den großen Teilgebieten der Humangeographie gewidmet. In Kapitel 2 werden die zentralen bevölkerungsgeographischen Themen Bevölkerungsverteilung und -struktur sowie die natürliche Bevölkerungsentwicklung und räumliche Mobilität behandelt. Auch hier erleichtern eine Vielzahl von eingeschobenen Exkursen und Erklärungen zu Indexziffern oder Formeln das Lesen. Man muss sich allerdings schon Zeit nehmen, das alles genau zu lesen, denn der Text ist nicht nur informativ, sondern auch "dicht" geschrieben.
Die Einführung in die Wirtschaftsgeographie und Zentralitätsforschung (Kap. 3) folgt der gängigen Untergliederung der Wirtschaft in primären, sekundären und tertiären Wirtschaftssektor (Agrar-, Industriegeographie sowie Geographie des tertiären und quartären Wirtschaftssektors und Zentralitätsforschung). Eingeleitet wird das Kapitel durch eine Reihe von Begriffsbestimmungen, fortgeführt in einer Darstellung der wichtigsten regionalen Wachstums- und Entwicklungstheorien. Auch hier stecken in den Kästen wichtige Zusatzinformationen (z.B. im Kasten über staatliche Steuerung von Wirtschaft, 3.5.). Etwas kurz kommen die jüngeren Ansätze einer relationalen Wirtschaftsgeographie, u.a. zur Pfadabhängigkeit von wirtschaftlichen Entwicklungen etc.
Relativ breiter Raum wird im vorliegenden Buch der Verkehrsgeographie gewidmet (Kap. 4), einer Teildisziplin, zu der bisher kaum Lehrbuchdarstellungen für Studierende vorliegen. HEINEBERG benennt auch hier zunächst grundlegende Begriffe und Aufgabenfelder und unterscheidet in den folgenden Kapiteln Verkehrsnachfrage und -angebot sowie die räumlichen Wirkungen durch den Verkehr. Dabei werden einige ausgewählte Verkehrsträger näher behandelt (Binnenschifffahrt, Eisenbahn, Stadtbahn-Systeme).
Den Abschluss des Lehrbuches bilden die beiden Kapitel zur geographischen Siedlungsforschung, den ländlichen Siedlungen und Fluren sowie der Stadt. Auch hier wird der "Wissens-Grundwortschatz" zu diesen Teilgebieten in übersichtlicher Form dargeboten (Typisierung von Siedlungen, Haus- und Gehöftformen sowie Fluren), wobei im Kapitel über ländliche Siedlungen Mitteleuropa im Mittelpunkt steht. Das Kapitel über die Stadtgeographie schließlich bringt ausgewählte Themen des umfangreicheren Lehrbuches von HEINEBERG zur Stadtgeographie (2000). HEINEBERGs Darstellungen zur geographischen Stadtforschung sind wohl an den meisten Geographischen Instituten inzwischen zur Standardlektüre geworden; im vorliegenden Buch werden u.a. Forschungsrichtungen der Stadtgeographie, Dimensionen der Verstädterung, Städtesysteme sowie Modelle und Theorien der Stadtentstehung behandelt.
Man muss dem Verfasser für seine breite Belesenheit und kompetente Kenntnis der doch sehr unterschiedlichen Teilgebiete der allgemeinen Anthropogeographie schon Bewunderung zollen. Ich kenne kein anderes Lehrbuch, dem es gelungen wäre, so ausgewogen und auch didaktisch geschickt das "herrschende" Wissen unseres Faches für Studierende aufzubereiten. Das Buch bietet damit eine gute Grundlage für Studierende zur Vorbereitung auf allfällige Examina.
Allerdings sollten die Studierenden nicht nur den "HEINEBERG" lesen, denn wie jedes Lehrbuch setzt auch das vorliegende - bewusst oder unbewusst - Akzente. In diesem Falle liegt der Schwerpunkt sehr deutlich auf dem raumwissenschaftlichen bzw. analytisch-szientistischen Paradigma, welches von DIETRICH BARTELS in den 1960er Jahren angestoßen wurde und dem sich HEINEBERG sicherlich in besonderem Maße verpflichtet fühlt. Jüngere Ansätze des interpretativ-verstehenden Paradigmas werden nur kursorisch oder gar nicht dargestellt. Auch ist das Buch in seinen Beispielen sehr viel stärker "europazentriert" als andere Darstellungen.
Man kann an jedem Buch etwas nachzufragen finden. Im vorliegenden Fall stellt sich vor allem die Frage, weshalb z.B. Entwicklungstheorien und Probleme der ungleichen Entwicklung in einer globalisierten Welt, Konflikte um die Schlüsselressourcen Erdöl, Wasser oder andere Rohstoffe, man-made hazards in einer "Risikogesellschaft" sowie eigene Kapitel über Sozialgeographie, Politische Geographie oder Historische Geographie keinen Platz gefunden haben. Aus der Sicht einer modernen Humangeographie hat das Lehrbuch von HEINEBERG zweifellos Lücken.
Damit wird allerdings nicht nur ein Problem des vorliegenden Lehrbuches, sondern ein generelles Problem unseres Faches berührt. Gerade mit seinen vielfältigen Beispielen
und Themen erinnert uns das Einführungswerk von HEINEBERG nachdrücklich daran, dass Geographie ein Fach mit "akkumulierten Paradigmen" ist (LESER u. SCHNEIDER-SLIWA 1999), in dem (mitunter kaum kompatible) Denkfiguren und Inhalte sehr unterschiedlicher Provenienz ihren Platz finden. So wird es wohl jeden "Nichtgeographen" ein wenig verblüffen und auch ratlos zurücklassen, wenn er liest, was Geographen so alles als Lehrbuchstoff ihres Faches ansehen und was nicht, weshalb z.B. Siedlung, Verkehr oder Energieversorgung als wichtige Gegenstände des Faches gelten, nicht aber Wissen, Arbeit, Gesundheit, Literatur und Musik oder Religion in ihrer räumlichen Dimension. Aber dieses Problem ist gewiss nicht dem verdienstvollen Lehrbuch von HEINEBERG anzulasten.
Die von HEINEBERG herausgegebene Lehrbuchreihe "Grundriss der Allgemeinen Geographie", in der inzwischen Bände zur Stadtgeographie, zur Geomorphologie, zur Wirtschaftsgeographie etc. erschienen sind, hat es geschafft, für wichtige Teilgebiete unseres Faches in übersichtlicher Form das Lehrbuchwissen zu einem sehr "humanen" Preis zur Verfügung zu stellen. Dies gilt auch für die Anthropogeographie/Humangeographie von HEINEBERG, dem eine weite Verbreitung und gründliche Lektüre durch die Studierenden unseres Faches zu wünschen ist.
HEINEBERG, H. (2000): Stadtgeographie. Grundriss Allgemeine Geographie. UTB 2166. Paderborn.
KNOX, P. L. u. MARSTON, S. A. (2001): Humangeographie. Hg. von GEBHARDT, H.; MEUSBERGER, P. u. WASTL-WALTER, D. Heidelberg.
LESER, H. u. SCHNEIDER-SLIWA, R. (1999): Geographie - eine Einführung. Aufbau, Aufgaben und Ziele eines integrativ-empirischen Faches. Das Geographische Seminar. Braunschweig.
RUPPERT, K. u. SCHAFFER, F. (1969): Zur Konzeption
der Sozialgeographie. In: Geographische Rundschau 21, 205-214.
SCHENK, W. u. SCHLIEPHAKE, K. (Hg.) (2005): Allgemeine Anthropogeographie. Gotha, Stuttgart.    
Autor: Hans Gebhardt

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 3, S. 300-301

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