Egon Becker und Thomas Jahn (Hg.): Soziale Ökologie. Grundzüge einer Wissenschaft von den gesellschaftlichen Naturverhältnissen. Frankfurt am Main 2006. 521 S.

Wer sich im deutschen Sprachraum mit sozialwissenschaftlicher Umwelt- oder Nachhaltigkeitsforschung befasst, wurde sicherlich schon mit der Programmatik der sozial-ökologischen Forschung konfrontiert. Mit dem vorliegenden Buch, das von wissenschaftlichen MitarbeiterInnen des Instituts für sozialökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt verfasst wurde, wird nun dem Desiderat entsprochen, Theorie und Praxis der Sozialen Ökologie systematisch und umfassend darzustellen. Aufgrund seiner ebenso vielschichtigen wie eigenwilligen Ordnung, lässt sich die "Logik" der Sozialen Ökologie nur unzureichend aus dem Aufbau des Werkes erschließen. Deshalb soll den Ausführungen zum Inhalt des Buches eine Zusammenfassung des Ansatzes der Sozialen Ökologie nachgestellt werden.

Nach einer Einleitung, die herausstellt, dass sich die Soziale Ökologie als Kind der ökologischen Krise versteht, führt der erste Teil "Neuland des Wissens" in die Vielfalt philosophischer und wissenschaftlicher Bezüge ein, an denen sich die Soziale Ökologie affirmativ oder kritisch orientiert. Dabei wird ein weiter Bogen vom Cartesischen Dualismus über die Social Ecology der Chicago School, Uexkülls Umweltbegriff und Bertalanffys Systemtheorie bis hin zur Kritischen Theorie von Adorno und Horkheimer geschlagen. Ein zweiter Bogen schließt die Aspekte der Auseinandersetzung mit Natur und ökologischer Krise in den Debatten seit den 1960er Jahren ein. Daran schließt eine erste Bestimmung des Programms der Sozialen Ökologie an: Sie erklärt die Beziehungen von Gesellschaft und Natur - die gesellschaftlichen Naturverhältnisse - zu ihrem Forschungsgegenstand. Das Denken in Relationen soll es der sozialen Ökologie ermöglichen, den für die Moderne charakteristischen ontologischen Dualismus von Natur und Kultur in eine methodisch begründete Dualität von Natur und Kultur zu überführen.
Im zweiten Teil des Buches werden die "Konturen einer neuen Wissenschaft" vorgestellt. Wenn von gesellschaftlichen Naturverhältnissen die Rede ist, sind diese nicht als solche sinnlich wahrnehmbar, sondern zeigen sich erst durch eine theoretische Brille. Die Brille der Sozialen Ökologie lenkt den Blick auf Praktiken, in denen Natürliches von Gesellschaftlichem unterschieden wird, und damit auch auf Fragen der Unterscheidungs- oder Definitionsmacht, sowie letztlich auf Herrschaftsverhältnisse. Diese können und sollen - im Sinne der "Frankfurter Schule" - Gegenstand der Kritik werden. Zuvor setzt die Kritik der Sozialen Ökologie allerdings schon allgemeiner bei Formen des Kulturalismus und Naturalismus an, d. h. bei Versuchen, gesellschaftliche Naturverhältnisse nur von je einer Seite her zu erfassen.
Der Vielfalt gesellschaftlicher Naturverhältnisse nähert sich die Soziale Ökologie empirisch über die Bereiche Arbeit, Produktion, Landnutzung, Sexualität und Mobilität, die jeweils auf sozial mitkonstituierte und politisierte Bedürfnisse verweisen. Um der Dynamik gesellschaftlicher Naturverhältnisse gerecht zu werden, wird ein systemtheoretischer Zugang zur Analyse ihrer Regulation vorgeschlagen, wobei Rückbezüglichkeiten, die sich der einfachen Steuerbarkeit entziehen, für Regulationsprozesse als konstitutiv betrachtet werden. Daran anknüpfend beschließt den zweiten Teil ein Überblick zu einigen systemtheoretischen Ansätzen und Grundkonzepten, wie z. B. Komplexität und Emergenz.
Da sich die Soziale Ökologie an gesellschaftlichen Problemen orientiert - so wird im dritten Teil "Forschungspraxis" argumentiert -, muss sie außerwissenschaftliches Wissen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen vermitteln. Folglich betrachtet die soziale Ökologie transdisziplinäre Forschungspraxis als ihr methodologisches Paradigma. Ausführungen zu Wissensintegration sowie multi-, inter- und transdisziplinärer Forschung folgt eine Reihe von analog aufgebauten Portraits von Forschungszugängen in den Problemfeldern Wasser, Konsum, Ernährung, Mobilität, Bauen und Wohnen, Bevölkerungsentwicklung, Versorgungssysteme sowie Gender & Environment. Für diese Themen wird jeweils aufgezeigt, wie die damit verbundenen Problemlagen der Forschung zugänglich gemacht und bearbeitet werden bzw. auf welche Weise die soziale Ökologie ihre Ansprüche einzulösen gedenkt.
Die Soziale Ökologie versteht sich also als wissenschaftliche Reaktion auf die ökologische Krise der modernen Gesellschaft. Konsequenterweise befasst sie sich mit gesellschaftlichen Naturverhältnissen, d.h. mit Gegenständen, die zugleich Kultur und Natur, "sozial" und "ökologisch" sind. Damit positioniert sich die Soziale Ökologie quer zum traditionellen Kanon akademischer Disziplinen. Aus dieser Perspektive kann die ökologische Krise nicht auf eine Frage der nachhaltigen Gestaltung von Energie- und Stoffflüssen oder der umweltverträglichen Ressourcennutzung reduziert werden. Vielmehr richtet sich der Blick darauf, wie sich Bezüge zu Umwelt und Natur im Rahmen sozialer Strukturen ergeben, was daran problematisch erscheint und wie sich Beziehungen neu gestalten lassen. Die Soziale Ökologie stemmt sich systematisch gegen die Tendenz des modernen Denkens, sich entweder mit der Natur oder mit dem Sozialen zu befassen und dies erst noch durch unterschiedliche Methodologien und Disziplinen in der akademischen Wissensreproduktion zu verankern. In Einklang mit den meisten zeitgenössischen Ansätzen, die sich der Problematik gesellschaftlicher Umwelt- und Technikbeziehungen annehmen, identifiziert die Soziale Ökologie den Cartesianischen Dualismus von Materie und Geist als Wurzel der kategorialen Unterscheidung von Natur und Gesellschaft und der darauf aufbauenden disziplinären Fragmentierung der modernen Wissenschaft.
Es geht der Sozialen Ökologie nun aber keineswegs darum, die Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Natur aufzugeben, sondern darum, diese Unterscheidung als Resultat von Unterscheidungspraktiken, die in sozialen Strukturen eingelassen sind, zu begreifen. Durch diese Praktiken werden allerdings nicht nur Natur und Gesellschaft unterschieden, sondern zugleich auch zueinander in Beziehung gesetzt. Solche Tätigkeiten stehen in normativen Regulationszusammenhängen, die zugleich auch die Bedeutungen - insbesondere Wertschätzungen - natürlicher und gesellschaftlicher Gegebenheiten konstituieren. Hier stellt sich die Soziale Ökologie nun explizit in die Tradition der Frankfurter Kritischen Theorie und versteht diese Unterscheidungspraktiken als historisch veränderliche, die der Kritik zugänglich gemacht werden können und sollen. Gesellschaftskritik wird damit zum Schlüssel der Verhandlung und Neugestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse.
Ihre Kritik verankert die Soziale Ökologie auf mehrfache Weise. Zum einen orientiert sie sich am global akzeptierten Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung sowie an allgemein anerkannten Problemen in der Gesellschaft, insbesondere an Umweltproblemen. Zum anderen argumentiert sie aber auch auf erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Ebene gleichermaßen gegen naturalistische und kulturalistische Verkürzungen im modernen Denken: also gegen Perspektiven, die ausklammern, inwiefern das Weltverständnis und die Umweltbeziehungen in soziale Verhältnisse eingebettet sind, aber auch gegen Perspektiven, die ignorieren, wie vielfältig soziale Sachverhalte auf natürlichen oder physischen Fundamenten ruhen. Zum Dritten maßt sich die Soziale Ökologie nicht an, alleine über Problembeschreibungen und zu verfolgende Ziele zu entscheiden. Sie sucht daher die Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure in den Forschungsprozess, um deren Wissen und Werthaltungen miteinzubeziehen.
Die Soziale Ökologie versteht sich folglich als die Wissenschaft von den gesellschaftlichen Naturverhältnissen. Sie untersucht empirisch und theoretisch, in inter- und transdisziplinärer Weise die Konstitution und die Veränderungsmöglichkeiten gesellschaftlicher Naturverhältnisse mit dem Ziel, handlungsbezogenes Wissen bereit zu stellen. Wie sich dies ihre Exponenten vorstellen und was dies in Bezug auf verschiedene Forschungsfelder heißen könnte, wird im angezeigten Buch nachvollziehbar dargelegt. Zweifellos wird damit dem Publikum ein mittlerweile gut etablierter Forschungsansatz näher gebracht. Gerade für die Geografie, die sich seit je her mit den Beziehungen zwischen Gesellschaft und Lebensraum befasst, sind die Erläuterungen und Überlegungen zur Sozialen Ökologie von besonderer Relevanz.
Meiner prinzipiellen Sympathie für den Ansatz steht allerdings eine Kritik am Buch gegenüber. Den Anspruch, Neuland des Wissens zu beschreiten oder gar eine neue Wissenschaft zu entwickeln, kann die Soziale Ökologie meines Erachtens nicht einlösen. Denn sie teilt viele ihrer Grundprinzipien mit nicht-modernistischen Ansätzen, wie z. B. Ökofeminismus, Actor Network Theory oder auch poststrukturalistischen und sprachpragmatischen Perspektiven in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Vielleicht liegt es nur an den didaktischen Intentionen, jedenfalls wird für eine verlässliche Auseinandersetzung mit diesen konkurrierenden Ansätzen die Argumentation zu wenig tiefschürfend geführt, obwohl 450 Seiten Text dafür reichlich Platz bieten würden. Wenn mit der Problemdiagnose schon die Verhandlung des Geist-Materie-Dualismus und seinen Folgen aufgeworfen wird, dann darf auch eine Argumentation auf dieser grundlegenden Ebene erwartet werden. Sonst lässt sich nämlich nicht beurteilen, worin sich das Angebot der Sozialen Ökologie beispielsweise von demjenigen eines Richard Rorty (Der Spiegel der Natur) oder eines Bruno Latour (Wir sind nie modern gewesen; Das Parlament der Dinge) im Kern unterscheidet. So muss vorerst auch noch offen bleiben, inwiefern die Soziale Ökologie einen wissenschafts- und erkenntnistheoretisch robusten Beitrag zur aktuellen Diskussion um die "Dritte Säule der Geografie" bzw. um die Integration von Physischer Geografie und Humangeografie leisten könnte. Theoretische Griffigkeit ist also nicht gerade die Stärke dieses Textes. Schade, denn das Buch wirkt ansonsten mit Stichwörtern am Rand, ausführenden Kästchen und Exkursen umsichtig gestaltet und attraktiv.
Autor: Wolfgang Zierhofer

Quelle: Geographische Zeitschrift, 94. Jahrgang, 2006, Heft 3, Seite 176-178

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