Babette Wehrmann: Landkonflikte im urbanen und semi-urbanen Raum von Großstädten in Entwicklungsländern. Mit Beispielen aus Accra und Phnom Penh. Urban and Peri-urban Land Conflicts in Developing Countries. Münster 2005 (Forschungsbeiträge zur Stadt- und Regionalgeographie 2). 385 S.

Der Zugang zu Land, dessen Regulierungen und die in diesem Kontext allenthalben auftretenden Konflikte und häufig auch gewaltsam ausgetragenen Auseinandersetzungen sind von höchster gesellschaftspolitischer Brisanz - von der lokalen bis zur globalen Ebene. Gerade in der Gegenwart rapider Urbanisierung, im Zuge derer sich immer mehr Menschen auf engem und begrenztem Raum zusammendrängen und in der Konfrontation mit divergierenden Interessen und Machtpositionen ihr Recht auf diesen Raum verteidigen müssen, gewinnen gesellschaftlich und politisch ausgetragene Konflikte um Land an Bedeutung. So ist die vorliegende Studie als ein Beitrag zur wissenschaftlich-analytischen Durchdringung dieses Problemfeldes zu verstehen und zu bewerten.

Bei erster Annäherung fällt die Studie durch ihre sehr ambitionierte Anlage sowohl in Hinblick auf den benannten Theorie- und fachdisziplinären Rahmen (Neue Institutionenökonomik; Soziometrie in der Auslegung von Moreno; Chaostheorie; Theorien und Modelle der Stadtgeographie; Psychogeographie nach Jüngst) als auch in Bezug auf die Auflistung all jener Fragestellungen auf, die bearbeitet werden sollen (Vergleich von zwei auf verschiedenen Kontinenten lokalisierten und sozio-historisch völlig divergierenden Großstädten: Accra/Ghana und Phnom Penh/Kambodscha; Übersicht über Formen von Landkonflikten, ihrer Ursachen und Auswirkungen; Möglichkeiten der Prävention und Lösung sowie deren Systematisierung; Typologie von Landkonflikten; Analyse des Einflusses von Landkonflikten auf die Stadtentwicklung, wiederum differenziert nach räumlichen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Faktoren; (Weiter-)Entwicklung präventiver und kurativer Maßnahmen bei Landkonflikten).
Allein diese Auflistung gibt einen Eindruck von den Stärken aber auch Schwächen der Studie. Auf der einen Seite zeichnen die Ausführungen eine beeindruckende Differenziertheit und anregende Hinweise auf die vielfältigsten Diskussionsfelder aus. Zum Beispiel finden sich hier informative und gut systematisierte Aufarbeitungen zentraler Begriffe und sachbezogener Diskussionen wie "Definitionen: Landkonflikt", "Konflikttheorien" und "Bodenrecht".
Auf der anderen Seite mangelt es der Arbeit an jener analytischen Stringenz, die überzeugend in die Tiefe der empirischen Beobachtungen in ihrer gesellschaftspolitischen Ableitung vordringen könnte. Die Autorin arbeitet in Zusammenhang der gewählten Fallstudien nicht nur mit unterschiedlichen methodischen Zugängen, sondern handhabt auch die Auswahl der von ihr für die Interpretation zu berücksichtigenden Faktoren und Rahmenbedingungen des Handelns - mit Bezug auf Landkonflikte - recht beliebig. Die Frage eines Umgangs mit Land und mit Rechtsansprüchen auf Land hat in dem afrikanischen Beispiel viel mit den kulturell divergierenden Interpretationen von Land und der kulturell abgeleiteten Berechtigung zu dessen Nutzung zu tun. Hinzu kommt, dass Accra/Ghana von der Politik der internationalen Gebergemeinschaft, gerade auch im Umgang mit Landrecht und Landprivatisierung, massiv beeinflusst wird. Diese Aspekte bleiben jedoch praktisch unberücksichtigt (ein Hinweis auf Monetarisierung von Land findet sich auf Seite 175), während die Analyse des Fallbeispiels Phnom Penh dagegen eine differenzierte Darstellung der polit-historischen Bedingungsfaktoren und Zusammenhänge mit Bezug auf Landrechtfragen darbietet. Gerade mit Blick auf die Wahl der beiden Fallbeispiele und deren selektive Ansprache stellt sich so allgemein die Frage nach Seriosität von Forschung, gemäß derer die Auswahl der zur Analyse und Interpretation herangezogenen Zugänge und Variablen so gestaltet werden sollte, dass Vergleiche und die aus ihnen abgeleiteten Schlussfolgerungen auch nachvollziehbar und überzeugend dargeboten werden können.
So nimmt es schließlich auch nicht Wunder, dass die Ergebnisse dieser äußerst detailreichen und mit offensichtlichem Engagement zusammengestellten Studie viel weniger halten, als eingangs versprochen wird. Deren umfangreiche Auflistung kommt vielmehr recht banal daher und bietet dem Leser wenig neue Erkenntnisse.
Abschließend bleibt festzustellen, dass die Studie besonders dem in diesen Sachzusammenhängen vorinformierten Leser durchaus Anregungen für die weiterführende Diskussion bereit hält, dass jedoch die aus der Empirie abgeleiteten Interpretationen und Schlussfolgerungen einige Wünsche offen lassen.
Autor: Sabine Tröger

Quelle: Geographische Zeitschrift, 94. Jahrgang, 2006, Heft 3, Seite 182-183

Kommentar schreiben