Christian Schulz: Agenten des Wandels? Unternehmensbezogene Umweltdienstleister im industriellen Produktionssystem. München 2005 (Hochschulschriften zur Nachhaltigkeit, 21). 263 S.

Können Umweltdienstleister Agenten des Wandels in Richtung einer ökologischen Modernisierung der Industrie sein? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Studie von Christian Schulz, die vor allem auf empirischen Ergebnissen aus Deutschland und Frankreich beruht. Die Frage wird - um dies gleich vorwegzunehmen - sehr differenziert, aber dennoch eindeutig mit ‚ja' beantwortet.

Obwohl Umweltdienstleister ihr fachliches Know-how und ihr strategisches Verfahrenswissen grundsätzlich auch strukturkonservierend einsetzen könnten, agieren sie in den meisten Fällen gegenüber ihren Kunden aus der Industriewirtschaft zumindest als "Partner", häufiger jedoch tatsächlich als "Agenten des Wandels". So übernehmen sie nicht selten Katalysatorfunktionen für kollektive, rekursive Lernprozesse, an denen außer ihnen selbst und ihren Kunden auch staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure beteiligt sind. Sie tragen damit neue Ideen und Problemlösungsansätze in die industriellen Unternehmen hinein und sind oft mitentscheidend für entsprechende Reflexionsprozesse und Investitionsentscheidungen.
Die Dynamik des Sektors, in dem kleinere Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten überwiegen, wird aber nicht nur von einer allgemeinen Restrukturierung des Produktionssektors getragen, sondern noch stärker von Veränderungen in der staatlichen Umweltpolitik und den damit verbundenen strategischen Überlegungen der Unternehmer. Die Umweltgesetzgebung sowie auf Freiwilligkeit setzende Umweltmanagement-Instrumente und Selbstverpflichtungen der Industrie schaffen eine zunehmende Nachfrage nach umweltbezogenen Dienstleistungen. Hierzu gehören beispielsweise die Erstellung von Abfallkonzepten, das Umwelt-Auditing, die Schadstoffanalytik, die Beratung bei Genehmigungsprozessen, Umweltverträglichkeitsprüfungen, die Umweltkommunikation, Umweltschulungen, das Öko-Controlling oder die Sanierungsplanung.
Um die Rolle der Umweltdienstleister im industriellen Produktionssystem differenziert aufzuzeigen, knüpft das auf die Habilitationsschrift des Verfassers zurückgehende Werk sowohl an Literatur aus dem Bereich der umweltbezogenen Wirtschaftsgeographie als auch an Arbeiten über unternehmensorientierte Dienstleistungen an. Dabei schlägt die Studie einen weiten theoretischen Bogen über die Regulationstheorie, verschiedene Erklärungsansätze für flexible Spezialisierung und interorganisationales Lernen bis hin zu konstruktivistischen Interpretationen des betrieblichen Umweltschutzes. Alle diese theoretisch-konzeptionellen Zugänge werden kenntnisreich erörtert und kritisch auf ihren Erklärungsbeitrag für die zunehmende Bedeutung von Umweltdienstleistungen in industriellen Prozessen geprüft. Naturgemäß ergeben sich hierdurch allerdings mehr weiterführende Fragen als der empirische Teil der Studie tatsächlich beantworten kann. So werden später dann auch nicht mehr alle formulierten Fragen wieder systematisch aufgegriffen.
Relativ neu sind im wirtschaftsgeographischen Kontext insbesondere die diskursanalytischen Ansätze. Die Studie nimmt für sich nicht in Anspruch, eine umfassende Analyse aller gesellschaftlichen Diskurse um den (betrieblichen) Umweltschutz zu liefern. Vielmehr werden nur einige exemplarische Facetten des agenda settings und der diskursiven Rahmung genauer untersucht. Aber dennoch kann der Autor ausgeprägte ökonomische und langfristig-strategische Komponenten in den entsprechenden Diskurssträngen nachweisen. Neben der Konformität mit gesetzlichen Vorgaben und der Möglichkeit zur Erzielung von unmittelbaren Kosteneinsparungen kommt dabei langfristig angelegten Argumenten eine besondere Bedeutung zu. Zu diesen gehören vor allem verbesserte Marktchancen durch Pioniervorteile oder mögliche Imageverbesserungen. Ein Mehr an Umweltschutz in den Unternehmen wird primär also gar nicht über ökologische oder ethisch-moralische Argumente erreicht, sondern vielmehr durch betriebswirtschaftlich orientierte "Um-Deutungen" bzw. ein diskursives re-framing.
Es ist eine der großen Stärken der Studie, dass sie sich dem Forschungsgegenstand aus sehr unterschiedlichen Perspektiven nähert, diese aber immer wieder problemorientiert "multiperspektivisch" zusammenführt. Dabei geht der Fokus auf das industrielle Produktionssystem bzw. die Rolle der Dienstleistungsunternehmen in diesem nie verloren. Dienstleister werden konsequent als Teil des Produktionssystems verstanden. Gerade diese Tatsache hebt das Buch deutlich von reinen Branchenstudien ab.
Ungewöhnlich ausführlich wird in der Arbeit auch auf methodische Fragen eingegangen, so dass das Buch auch aus dieser Perspektive lesenswert ist. In Sinne einer vom Autor transparent erläuterten methodologischen Triangulation werden sowohl quantitative wie qualitative Methoden verwendet - neben einer standardisierten postalischen Unternehmensbefragung von insgesamt 99 Umweltdienstleistern in den beiden Untersuchungsräumen Köln-Bonn und Nord-Pas de Calais auch explorative Expertengespräche mit Vertretern von Industrieunternehmen, Kammern und Verbänden sowie problemzentrierte Interviews mit insgesamt 27 ausgewählten Umweltdienstleistern. Aus der Methoden-Triangulation ergeben sich ganz neue Erkenntnispotenziale, die den aus Sicht der quantitativen Sozialforschung relativ kleinen Stichprobenumfang, der kaum weitergehende multivariate Analysen zulässt, zumindest teilweise ausgleichen können. Der umfassende Anhang legt zudem sämtliche Erhebungsinstrumente wie Fragebögen, Interview-Leitfäden und spezielle Interview-Stimuli detailliert dar.
Letztlich ist es gerade das bewusst multiperspektivische und multimethodische Forschungsdesign, das den besonderen Wert dieser trotz ihrer Komplexität gut lesbaren Studie ausmacht. Die Arbeit ist damit nicht nur eine fundierte und kenntnisreiche Untersuchung eines neuen, dynamischen Marktsegments, sondern sie liefert darüber hinausgehende Erkenntnisgewinne und methodische Impulse für das gesamte Fach. Damit ist sie zweifellos eine wesentliche Bereichung für die Wirtschaftsgeographie im Allgemeinen und für das emerging field einer umweltbezogenen Wirtschaftsgeographie im Speziellen. Die Lektüre kann jedem an der Wirtschaftsgeographie oder am ökologischen Umbau der Industrie interessierten Leser nur empfohlen werden. Durch die vielen im Text angesprochenen Fragenkomplexe, denen notgedrungen nicht allen mit der gleichen Intensität empirisch nachgegangen werden konnte, ist das Buch zudem eine implizite Aufforderung zu weiteren Untersuchungen auf diesem spannenden und vielschichtigen Feld.
Autor: Boris Braun

Quelle: Geographische Zeitschrift, 94. Jahrgang, 2006, Heft 4, Seite 243-244

Kommentar schreiben