Ralf Isenmann, Michael von Hauff (Hg.): Industrial Ecology: Mit Ökologie zukunftsorientiert wirtschaften. Heidelberg 2007. 326 S.

Die Industrial Ecology hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten insbesondere im angloamerikanischen Raum aus ingenieur- und naturwissenschaftlichen Ansätzen heraus gebildet. Dabei wird versucht, die Material- und Energieflüsse in industriellen Systemen möglichst umfassend zu analysieren. Kennzeichnend ist der Rückgriff auf Analogien aus Biologie und Ökologie sowie die Vorstellung eines industriellen bzw. gesellschaftlichen Metabolismus.

Entsprechend wird von den Vertretern der Industrial Ecology vor allem das Ziel verfolgt, aus dem Verständnis ökologischer Stoffkreisläufe und einer thermodynamischen Logik heraus Erkenntnisse für die Gestaltung industrieller Austauschprozesse zu gewinnen. Letztlich bezieht der Ansatz hieraus auch seine normative Komponente. Die Industrial Ecology versteht sich dezidiert als Nachhaltigkeitswissenschaft. Damit verbunden ist das Ziel, lineare Materialflüsse sukzessive durch zirkuläre zu ersetzen, also Abfall zu reduzieren und durch ein umfassendes Recycling dissipative Verluste zu vermindern. So sind dann auch Lebenszyklusanalysen sowie Material- und Energieflussanalysen ganz typische Instrumente, mit denen versucht wird, die Umweltwirkungen industrieller Systeme umfassend abzubilden. Die konkreten Handlungsfelder der Industrial Ecology sind vielfältig. Sie reichen von Fragen des nachhaltigen Wassermanagements, der Materialwirtschaft, des Supply-Chain-Managements und der Gestaltung technologischer Umweltinnovationen bis hin zu umweltfreundlicher öffentlicher Beschaffung und der Planung nachhaltiger Gewerbegebiete. Der interdisziplinäre Anspruch der Industrial Ecology wird insbesondere durch die starke Anwendungsorientierung eingelöst, die ohne eine Integration wirtschaftswissenschaftlicher Ansätze kaum denkbar wäre. Neben den dominanten Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften finden sich auch vereinzelt sozialwissenschaftliche Ansätze, vor allem aus der Soziologie und der sozial-ökologischen Nachhaltigkeitsforschung. Dieser Vielfalt der Einsatzfelder und beteiligten Wissenschaftsdisziplinen entspricht auch das Spektrum der 21 Einzelbeiträge des Sammelwerks. Stehen zu Beginn eher programmatisch ausgerichtete Beiträge, die sowohl eine Einführung in den Themenbereich als auch eine paradigmatische Verortung und ein gewisses Claiming leisten sollen, ist der zweite Teil des Bandes Darstellungen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern, Praxisbeispielen und disziplinären Sichtweisen gewidmet. Dass die einzelnen Beiträge in einem Sammelband wie diesem von ganz unterschiedlicher Qualität und Reichweite sind, lässt sich kaum vermeiden. Zudem erscheinen einige Beiträge eher lose mit den Kernpostulaten der Industrial Ecology verbunden. Positiv hervorzuheben ist aber der erkennbare Versuch, die einzelnen Beiträge im formalen Aufbau zumindest ansatzweise zu vereinheitlichen. So wird jedem Beitrag eine Einleitung vorangestellt, in der der jeweilige Autor die spezifische Zielsetzung des Beitrags erläutert und einen Überblick über den Argumentationsgang liefert. Dies schafft für den Leser nicht nur Übersicht, sondern dient auch der inhaltlichen und formalen Konsistenz des gesamten Bandes. Ein Glossar der Kernbegriffe der Industrial Ecology sowie Kurzbiographien aller Autorinnen und Autoren sind insbesondere für diejenigen Leser nützlich, die sich erstmals mit der Materie beschäftigen. Insgesamt ist das Werk eine lesenswerte Einführung in den sich dynamisch entwickelnden Ansatz der Industrial Ecology und seine vielfältigen Einsatzgebiete. Als bisher einzige umfassende deutschsprachige Einführung ist der Sammelband sogar konkurrenzlos. Das Buch deckt ein breites Spektrum an Themen und Anwendungsgebieten ab. Es bietet damit eine fundierte Einführung für diejenigen Leser, die einen kompakten Einstieg in die Industrial Ecology suchen. Aber es ist aufgrund der gebotenen Themenfülle auch ein Nachschlagewerk für Wissenschaftler und Praktiker, die bereits seit Längerem auf diesem Gebiet arbeiten. Lediglich methodischen Fragen wird zu wenig Raum gewidmet, obwohl gerade dieser Aspekt angesichts der interdisziplinären Ausrichtung durchaus interessant wäre. Vor einem muss aber gewarnt werden: Für eine unkritische Übernahme der zentralen Ansätze und Paradigmen in die Geographie bietet sich die Industrial Ecology sicher nicht an. Dies wird spätestens deutlich, wenn man die eher sozialwissenschaftlich orientierten Beiträge des Sammelbandes betrachtet. Diese spielen ganz offensichtlich eine eher randständige, vor allem den interdisziplinären Anspruch legitimierende Rolle in einem ansonsten von den Ingenieurwissenschaften und einigen Vertretern der Betriebswirtschaftslehre dominierten Ansatz. Hierzu passt auch, dass die Sozialwissenschaften ganz überwiegend szientistisch definiert werden bzw. sich innerhalb der Industrial Ecology selbst entsprechend verorten. Dieser Wissenschaftsauffassung werden aber derzeit die wenigsten Sozial- und Wirtschaftsgeographen folgen können und wollen.

Autor: Boris Braun

Quelle: Die Erde, 139. Jahrgang, 2008, Heft 3, S. 205-206

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