Anet Weterings: Do firms benefit from spatial proximity? Testing the relation between spatial proximity and the performance of small software firms in the Netherlands. Utrecht 2006 (Nederlandse Geografische Studies 336). 183 S.

Es gibt in der Geographie, trotz oder möglicherweise gerade wegen den in den letzten Jahren rasant zunehmenden ‚Wenden' - man denke nur an den 'cultural turn', den 'spatial turn' oder den 'topological turn' - Gesetze, die eine geradezu unumstößliche Kraft besitzen und über eine entsprechende Ausstrahlung verfügen. Zu diesen gehört TOBLER's first law of geography: "Everything is related to everything else, but near things are more related than distant things."

Auf diese Formel, die durchaus einen auch überzeugenden Wirklichkeitskern hat, lässt sich ANET WETERINGS' Dissertation über niederländische Softwarefirmen beziehen. Ihre zentrale Forschungsfrage lautet: "In what way and to what extent does spatial proximity to other organisations affect the innovative performance of software firms in the Netherlands?" (S. 17). In theoretischer Hinsicht verbindet WETERINGS mit dieser Frage eine Kritik an bestehenden Ansätzen einer regional orientierten Ökonometrie, die ihrer Ansicht nach zu häufig ihre Analysen auf aggregierten Daten und administrativen Raumeinheiten durchführen. Dem setzt sie eine quantitative Untersuchung von 265 Softwarefirmen entgegen (disaggregiert ihre Datenbasis damit) und wählt neben einer zentral-peripheren Skalierung eine 50 km Grenze für jede Firma als Raumeinheit an. Der wirtschaftsgeographischen Forschungsperspektive wirft sie darüber hinaus fehlende empirische Validierung ihrer Aussagen zum Zusammenhang von räumlicher Nähe, Mechanismen des Wissenstransfers und Innovationspotenzial vor - einen Vorwurf, den sie durch ihre methodische Vorgehensweise der regressionsanalytischen Untersuchung ebenfalls aufgreift.
Argumentativ weist die Arbeit drei Stoßrichtungen auf. Auf der Grundlage einer Beschreibung der räumlichen Verteilungsmuster von Computerfirmen in den Niederlanden (Kap. 2) geht es einmal um die Frage, ob und in welchem Maß räumliche Nähe eine Ursache für Innovationsfähigkeit ist (Kap. 4). Im Mittelpunkt stehen dabei die Kunden-beziehungen der betreffenden Firmen. Zum Zweiten ist WETERINGS an der Frage interessiert, in welchem Maße das Erfahrungswissen von Firmengründern relevant für den marktfähigen Innovationserfolg ist (Kap. 5). Hierzu sind insbesondere Gründer, die zuvor bei anderen Softwarefirmen beschäftigt waren und nach der Neugründung noch Kontakte zum vorherigen Arbeitgeber unterhalten, von Interesse. Und drittens geht es um eine Klärung des Gesamtzusammenhangs von räumlicher Nähe, Kontakthäufigkeit und innovativer Performanz (Kap. 6).
Überzeugen kann die Dissertation hinsichtlich ihrer methodischen Stringenz. Hier ist es WETERINGS mit Hilfe plausibler Regressionsanalysen gelungen, Ursache-Wirkungs-Beziehungen klar zu formulieren und zu nachvollziehbaren Ergebnissen zu gelangen. Im abschließenden Kapitel weist sie auch ausdrücklich auf die Grenzen der Übertragbarkeit ihrer Erkenntnisse hin.
Diese Stärke ist zugleich aber auch eine zentrale Schwäche der Dissertation. Die Frage, ob und in welchem Maße Erfahrungswissen (tacit knowledge) über nahräumlichen Erfahrungsaustausch zwischen Mitarbeitern erfolgt und über innovative Produkte und Dienste zu ökonomischem Erfolg führt, nur über standardisierte Fragen zu beantworten, ist meines Erachtens problematisch, zumindest einseitig. Gerade dieser Wissenstypus wäre besser über eine qualitative Herangehensweise zu untersuchen gewesen.
Mit der für quantitative Untersuchungen zwar unvermeidlichen Notwendigkeit zur Operationalisierung bleiben für den Leser, da WETERINGS auf eine tiefer gehende Begründung bzw. Erklärung ihrer Festsetzungen verzichtet, gleichwohl einige Fragen offen. So ist unklar, wie die 50-km-Grenze für 'spatial proximity' zustande kommt - eine für die Arbeit doch zentrale Frage, die zumal für niederländische Siedlungsstrukturen sehr hoch angesetzt erscheint. Auch wird von ihr unterstellt (S. 63), dass eine Firma entweder nur eine radikale oder nur eine inkrementelle Innovation erzielt; dies geht jedoch an den realen Verhältnissen von Firmen vorbei. Schließlich werde die in Kapitel 4 untersuchten inter-organisatorischen Beziehungen ausnahmslos auf Kundenbeziehungen reduziert - und dies, obwohl im Fragebogen auch andere Institutionen wie Universitäten oder Industrie- und Handelskammern aufgeführt sind. Verwirrend ist in diesem Zusammenhang auch, dass scheinbar unterschiedslos von ‚Organisation' und ‚Firma' die Rede ist.
Kritik ruft auch eine allgemein zu starke und einseitige Bezugnahme auf face-to-face-Kontakte in ihrer Untersuchung hervor. Sie werden als das relevante Maß des Erfolgs gesehen. Und dies unabhängig von Zeit und Kontext, d.h. der Einfluss der Informations- und Kommunikationstechnologien als ergänzende Möglichkeit wird völlig ausgeblendet, selbst im abschließenden Kapitel (further research directions and recommendations) fehlt ein diesbezüglicher Hinweis.
Was am Ende bleibt, ist das beruhigende Gefühl, dass selbst naturwüchsige Gesetze in der Geographie mit einem ausreichend großen Umfang an Ausnahmen daher kommen, die die ‚wirkliche' Komplexität der Dinge besser in den Blick nehmen lassen.    
Autor: Andreas Koch

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 4, S.

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