David Harvey: Spaces of neoliberalization: towards a theory of uneven geographical development. Stuttgart 2005 (Hettner-Lectures 8). 132 S.

Im Sommer 2004 hatte die "Hettner-Lecture" mit DAVID HARVEY wieder einen großen Vordenker der Geographie zu Gast. Dessen Ausführungen liegen nun in schriftlicher Form vor, in einem Band mit drei primär theoretischen Aufsätzen: "Neo-liberalism and the restoration of class power", "Notes towards a theory of uneven development", "Space as a key word".

Im ersten Teil entwickelt der Autor seine Kritik eines "neoliberalen Staatsapparates", der hochgradig anti-demokratisch angelegt - die Mitbestimmungsrechte der armen Länder systematisch unterbinde. HARVEY zeichnet den Weg der zugrunde liegenden "neoliberalen Wende" nach, ausgehend von den Ereignissen in Chile unter Pinochet über die Attacken des Wohlfahrtstaats von Margret Thatcher ab 1979 bis hin zur Bush-Regierung und der von ihr geförderten Ausweitung des "finanziellen Imperialismus" auf die osteuropäischen Staaten. Stets geht es in dieser tour d'horizon um die subtile Neuformierung der Klassenunterschiede und das Aufzeigen, wie begrenzt die Möglichkeiten der Auflehnung gegen die kontinuierliche Umverteilung der Ressourcen zugunsten einiger Weniger sind. Konkretisiert wird dies anhand diverser Beispiele, von der Privatisierung des Wassers in Südafrika bis zu Handelsrechten für Basmatireis. Was HARVEY nun jüngst zu beobachten meint, ist eine Tendenz zum "neo-konservativen Staat", der die Zivilgesellschaft erodiert, soziale Solidarität unterminiert und dabei die Moral als "Totschlagargument" für jegliche Intervention unter nationaler Flagge nutzt. Die Welt, so HARVEY abschließend, ist aufgerufen, diesem Imperialismus alternative demokratische Werte entgegenzusetzen.
Um Alternativen geht es dann auch im zweiten Aufsatz, der sich der Erforschung ungleicher Entwicklung widmet. Dabei schwebt HARVEY als Fernziel nicht weniger als eine "einheitliche Feldtheorie" vor, die sich aus der dialektischen Verbindung von vorhandenen, aber einseitigen, Erklärungsansätzen ergeben soll. Der entworfene Analyserahmen fokussiert die Kapitalakkumulation und deren Einbettung in physische, ökologische und soziale Prozesse. Dabei wird besonders der "Raum-Zeitlichkeit" Rechnung getragen, insbesondere in Bezug auf die Verkettung von Wertschöpfungsprozessen. Denn die Überwindungsmöglichkeit von Distanzen, so eine These HARVEYs, macht das Kapital sensibel für lokale Unterschiede, d.h. die Globalisierung führt hier nicht zu Gleichverteilung von Ressourcen, sondern vielmehr zur Produktion von Regionalität. Diese "Geopolitik des Kapitalismus" ist unter kritischer Beobachtung zu halten, auch um die disparaten Widerstandsbewegungen zu einer - so der Autor wörtlich - anti-kapitalistischen Allianz gegen den "Raubtierkapitalismus" bündeln zu können.
Theoretisch ebenso gehaltvoll, thematisch aber etwas abseitig, ist der dritte Aufsatz zu "Raum als Schlüsselwort", in dem HARVEY die Konzeptionen "Absoluter Raum" (Newton), "Relativer Raum" (Einstein) und "Relationaler Raum" (Leibniz) mit den marxistischen Kategorien Gebrauchswert, Tauschwert und Wert zusammenzuführen sucht. Die unter Verweis auf die Raumkonzepte Lefebvres entstehende komplexe Matrix, beispielhaft erläutert an Phänomenen wie etwa "Gated Communities" oder "Ground Zero", bietet ein enormes Potential für eine weitere Beschäftigung, auch wenn (und vielleicht gerade weil) die Parallelisierung der Begriffe im Einzelnen nicht ganz unproblematisch scheint. Generell bedenkenswert ist HARVEYs abschließender Hinweis auf einen "neuen blinden Fleck", der in der poststrukturalistischen Abwendung von der Materialität und der damit einhergehenden Konzentration auf den relationalen Raum entstanden ist.
DAVID HARVEY trägt seine (den einschlägig Belesenen vielleicht hinreichend bekannten) Argumente in einem seit seinen ersten Schriften unvermindert kämpferischen Gestus vor. Wer sich bei der Buchreihe der Hettner-Lectures je über die Adressaten dieses Formats gewundert haben mag, bekommt in diesem Band klare Antwort: HARVEYs Aufsätze sind eine vehemente Aufforderung an die (junge) wissenschaftliche Gemeinde zum politischen Engagement und dazu, die kritisch-marxistische Perspektive weiterzutragen. Und das heißt hier: achtsam sein für die reproduktive und instrumentelle Rolle von nur scheinbar außerhalb des Apparates stehenden Organisationen. Achtsam sein für das widersprüchliche Zusammenspiel von Autoritarismus und dem Versprechen individueller Rechte im neoliberalen Staat. Und schließlich: mithelfen, sozialdemokratische Strukturen zu fördern und sich mit neu fundierten Theorien weiter am großen Thema "ungleiche geographische Entwicklung" abarbeiten.
Nun kann man einer derart engagierten Wissenschaft durchaus ambivalent gegenüberstehen. HARVEYs übergreifendes Plädoyer für die wissenschaftliche Theoriearbeit und ihre Aufgabe, aus der kritischen Analyse heraus auch politische Alternativen nicht nur zu denken, sondern auch in den Diskurs einzubringen, scheint aber gerade für die diesbezüglich eher verhaltende Geographie von grundsätzlicher Bedeutung.    
Autorin: Antje Schlottmann

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 4, S. 378

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