Markus Schwabe: Ein Neues Stadtmodell für die Postindustrielle Stadt? Eine sozialräumliche Untersuchung französischer Städte. Bochum 2005 (Bochumer Geographische Arbeiten 72). 244 S.

Die Stadtmodelle der Chicagoer Schule gehören zu den klassischen stadtgeographischen Wissensbeständen über die industrielle Stadt. Obwohl Nordamerika und Westeuropa heute nicht mehr als Industriegesellschaften zu bezeichnen sind, steckt die Entwicklung von Modellen zur sozialräumlichen Gliederung der postindustriellen Stadt und Stadtregion noch in den Anfängen. Dabei stellt sich auch die grundsätzliche Frage, ob die sozialräumliche Gliederung für die postindustrielle ähnlich wie für die industrielle Stadt überhaupt in wenigen übergreifenden Grundmustern zusammengefasst werden kann oder ob nicht vielmehr von einer Vielzahl lokalspezifischer Sozialraummuster auszugehen ist.

In diesem Problemzusammenhang steht die vorliegende Arbeit von MARKUS SCHWABE, die im Jahr 2004 als deutsch-französische Promotion an der Ruhr-Universität Bochum und an der Université Panthéon-Sorbonne angenommen wurde. Auf Grundlage einer Untersuchung der sozialräumlichen Entwicklung von acht französischen Stadtregionen (Paris, Lyon, Marseille, Bordeaux, Toulouse, Lille, Nice und Nantes) hat sich MARKUS SCHWABE die Frage nach der Existenz und Gestalt eines Modells für die postindustrielle Stadt gestellt. Der Argumentationsgang seiner Arbeit ist in fünf klar aufeinander bezogenen Kapiteln aufgebaut. Ihnen folgen als sechstes Kapitel eine ausführliche Zusammenfassung in französischer Sprache sowie ein umfangreicher statistischer Anhang, der die bereits zahlreichen Abbildungen und Tabellen im Text ergänzt.
Die Arbeit beginnt mit einer Rekapitulation bestehender Erklärungsansätze und Modelle sozialräumlicher Differenzierung, die in vier Bündeln von Hypothesen sowie einem darin enthaltenen postulierten Modell zur sozialräumlichen Differenzierung der postindustriellen Stadt münden. Aus der Analyse zum sozialen und räumlichen Wandel leitet SCHWABE zunächst einmal ab, dass die klassischen Sozialraumdimensionen nach SHEVSKY und BELL sowie deren Verteilungsmuster für die postindustrielle Stadt nur noch bedingt gültig sind. Er geht insbesondere von einem Anstieg der Segregation nach sozioökonomischen und ethnischen Merkmalen aus. Darüber hinausgehend sei eine komplexere sozialräumliche Struktur zu erwarten, die sich in weiteren Ausdifferenzierungen der Dimensionen des sozialen Status, Familienstatus und ethnischen Status zeigt. Er postuliert auch eine mehrfach räumlich veränderte sozialräumliche Gliederung der Stadt, indem beispielsweise Gebiete sozialer Deprivation für den Bereich der Vororte angenommen werden, während das sektorenförmige Muster des sozialen Status um einen zentralen Kern mit hohem sozialen Status zu ergänzen sei. Schließlich geht SCHWABE auch davon aus, dass die postulierten Veränderungen mit Abstufungen in der Intensität für alle Städte Gültigkeit hätten und man insofern von einem eigenständigen Modell der postindustriellen Stadt ausgehen könne.
Der Entwicklung der Hypothesen folgt eine ausführliche und sehr gut aufbereitete Erläuterung des methodischen Vorgehens, die sicherlich eine der Stärken der Arbeit darstellt. Neben der gut verständlichen textlichen Darstellung tragen dazu insbesondere die geschickt ausgewählten Abbildungen sowie die vertiefte Erläuterung einiger methodischer Teilaspekte in abgetrennten Kästen bei. So wird für jede der verwendeten Methoden ausführlich begründet, mit welchem Ziel sie verwendet wird und welche Aussagen sie ermöglicht. Zur Bestimmung der Segregation werden neben Segregationsindices auch Autokorrelationsindices sowie Lokalisierungsquotienten berechnet. Ergänzend dazu werden eine Faktoranalyse beziehungsweise eine komparative Faktorenanalyse zur Bestimmung der zeitlichen Veränderung der Faktorenstruktur durchgeführt sowie neben kartographischen Darstellungen ergänzend auch Varianzanalysen gerechnet. Als Bezugsraum für die Analyse dient die in Frankreich seit 1990 verwendete Gebietskategorie der Aire Urbaine, die im Prinzip der deutschen Stadtregion entspricht. Die verwendeten Daten entstammen den Volkszählungen aus den Jahren 1968, 1975, 1982, 1990 und 1999.
Vor dem Hintergrund der Vielzahl der durchgeführten Analysen und der daraus resultierenden Fülle von Abbildungen und Tabellen ist es sinnvoll, dass SCHWABE nur für Lyon die Ergebnisse umfassend darstellt und diskutiert, während die daran anschließende Darstellung der Resultate für die anderen Stadtregionen in kondensierter Form erfolgt. Für alle Stadtregionen wird dabei die gleiche Abfolge eingehalten: Nach einem Überblick über den Wandel der jeweiligen Stadtgesellschaft, werden die Sozialraummuster ausgewählter sozialer Gruppen dargestellt sowie die aus der Faktoranalyse ableitbaren Veränderungen des sozialräumlichen Strukturgefüges zusammengefasst. Schließlich erfolgt mit Blick auf die Sozialraummuster einzelner Gruppen und die drei etablierten Sozialraumdimensionen eine vergleichende Betrachtung der Stadtregionen. Abschließend bezieht SCHWABE seine Ergebnisse auf die eingangs gestellten Hypothesen, um eine Antwort auf die zentrale Frage nach Existenz und Form eines Modells für die postindustrielle Stadt zu geben. Dabei muss er feststellen, dass seine aufgestellten Hypothesen nur zum Teil bestätigt werden konnten. Mit der Aufwertung von zentralen Stadträumen, der Identifikation sozialer Deprivation bzw. jungen und alten Familien als neuen sozialräumlichen Dimensionen sowie der Dominanz der älteren Bevölkerungsgruppen im suburbanen und nicht im periurbanen Raum konnten einige neue, für alle Stadtregionen nachweisbare Entwicklungen aufgezeigt werden. Insbesondere die deutlich von den anderen Stadtregionen abweichende sozialräumliche Entwicklung in Marseille und Nizza stellt die Vorstellung von der Existenz eines Modells für die postindustrielle Stadt in Frage und deutet eher auf regional oder kulturell begründete Varianten hin.
Insgesamt stellt die Arbeit durch ihren stringenten Aufbau und die zahlreichen Abbildungen und Tabellen einen gut eingängigen Beitrag zur Struktur und Entwicklung von Stadtregionen in postindustriellen Gesellschaften dar. Dabei wäre es sicherlich sinnvoll gewesen, bereits im Titel deutlich zu machen, dass sich die Untersuchung auf Stadtregionen bezieht, um damit auch eine dem Gegenstand besser angepasste Begrifflichkeit zu prägen. Gerade weil diese Arbeit nicht in dem Modell der postindustriellen Stadtregion mündet, sondern nach einer sehr differenzierten Analyse neben einheitlichen auch zahlreiche divergierende Entwicklungen aufzeigt werden, bietet sie zahlreiche Anregungen für weitere Analysen und Auseinandersetzungen zur Modellbildung postindustrieller Stadtregionen.    
Autor: Rainer Kazig

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 4, S. 378-379

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