Claus-C. Wiegandt (Hg.): Öffentliche Räume - öffentliche Träume. Zur Kontroverse über die Stadt und die Gesellschaft. Berlin (Stadtzukünfte 2) 2006. 121 S.

Dem Philosophen GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL zufolge ist der Raum das ideelle Nebeneinander, das auf die Dinge und deren Ordnung abhebt. Raum ist ohne die Gegenstände undenkbar. HEGEL führt folglich in seinen Ausführungen über den Raum das Ideelle und das Materielle beständig mit. In dieser Tradition von Raumauffassung steht der von dem Bonner Stadtgeografen CLAUS-CHRISTIAN WIEGANDT editierte Sammelband, in dem der Herausgeber Autoren und Autorengemeinschaften zusammenführt, die sich in München empirisch mit der Zukunft der öffentlichen Räume auseinander gesetzt haben.

Die der Anthologie zugrunde liegende und die verschiedenen Beiträge fachlich übergreifende These ist, dass Veränderungen in den öffentlichen Räumen der Städte in einer direkten Wechselbeziehung mit dem gesellschaftlichen Zusammenleben stehen, die Anordnungen und Zugangsmöglichkeiten zu den Dingen folglich direkt die menschlichen Interaktionsformen berühren. WIEGANDT erkennt in diesem Zusammenhang zwei distinkte Positionen: die Skeptiker, die den Verfall des öffentlichen Raums in einer direkten Verknüpfung mit Exklusionsprozessen sehen und die Optimisten. Diese erkennen eine Renaissance des öffentlichen Raums und seine Wiederentdeckung als "Bühne" für die Selbstdarstellung. Die sieben Aufsätze des Bandes positionieren sich entweder auf Seiten der Skeptiker oder der Optimisten und präsentieren jeweils eigene Zugänge zu dem vielschichtigen Thema des öffentlichen Raums. Sie offenbaren dabei allerdings sehr unterschiedliche Qualitäten.
Der Beitrag von DAVID ist dem Themenkomplex von Interaktionsformen im öffentlichen Raum zuzuordnen. Er liefert eine deskriptive Darstellung der momentanen Situation von "organisierten Ereignissen im öffentlichen Raum" (S. 13), zu denen er Veranstaltungen, Versammlungen und Märkte zählt. Die anschauliche, mit umfangreichen Karten und Tabellen ausgestattete Darstellung kommt zu dem Ergebnis, dass diese "Events" sich über das gesamte Stadtgebiet erstrecken und zu allen Jahreszeiten stattfinden. DAVID stellt sich auf die Seite der Optimisten, indem er in den organisierten Ereignissen eine "Renaissance des öffentlichen Lebens" (S. 23) und eine Gegenentwicklung zu potentiellen Verfallstendenzen erkennt. Ebenfalls unter dem Aspekt von Interaktionsformen widmet sich ZÖLLNER in seinem Beitrag dem Fallbeispiel der Münchner Freiheit und untersucht den berühmten Platz in Schwabing unter dem Blickwinkel des öffentlichen Lebens und sozialen Miteinanders, dessen Funktionieren er als ein potenzielles normatives Planungsziel begreift. ZÖLLNER gelingt es aufzuzeigen, wie eine mangelhafte städtebauliche Gestaltung und Ausstattung durch soziale Interaktionen aller am gesellschaftlichen Leben des Platzes involvierter Akteure, wie Gastronomen, Obdachlose, Flaneure, Streetworker oder Schachspieler, mehr als kompensiert werden kann. Demgegenüber fragt BEAUJEAN in ihrem Aufsatz nach den konkreten Möglichkeiten der Planung, Aufenthaltsqualität und Interaktionsmöglichkeiten in urbanen Straßenräumen zu schaffen. Sie sieht in der Förderung des Radverkehrs eine solche Potentialität. In ihrem Fallbeispiel Lyngby Hovedgade, einem Stadtteil von Kopenhagen, kann sie tatsächlich Verbesserungen in der Aufenthaltsqualität des Straßenraums aufzeigen, die genuine Produkte von Stadtplanungsprojekten zur Radverkehrsplanung sind. Dennoch weist die Autorin einen reinen Technizismus von sich und plädiert stattdessen für eine sachliche Einschätzung in Hinblick auf die Realisierbarkeit von Planungszielen.
Die zwei Artikel des Bandes, die sich mit normativen Verhaltenserwartungen und deren Durchsetzung im öffentlichen Raum beschäftigen, fallen dagegen qualitativ gegenüber den restlichen Beiträgen deutlich ab. So lässt KLAMT den geneigten Leser ratlos zurück. Sein Thema bleibt nebulös und ist irgendwo im diffusen Themenfeld des "Wechselverhältnis(ses)
von Mensch und Raum" (S. 29) angesiedelt. Auf 17 Seiten in 23! Kapiteln und Unterkapiteln will er den Raum- und Normbegriff, "eine Anwendung der Individualisierungstheorie auf den räumlichen Kontext, [den ...] Begriff des öffentlichen Raums, die Verortung von Normen, die Videoüberwachung und die Annahme, dass die Existenz ‚räumlicher Atmosphären' das Verhalten beeinflusst" (S. 30) untersuchen. Sein interdisziplinärer Raumbegriff vereinigt "humangeographische, psychologische und soziologische, ferner auch historische, juristische, architektonische, semiotische, kriminologische und technologische Aspekte" (S. 30f.) und bleibt zwangsläufig oberflächlich und unverständlich. Die auf dieser Basis gewonnen Ergebnisse sind nicht viel mehr als Allgemeinplätze, wie die Aussage "aktuell besteht im Bereich der optischen Wahrnehmbarkeit eine Tendenz zur Technisierung" (S. 34) dies beispielhaft zu illustrieren vermag. Auch der in diesen Themenkontext zu stellende Beitrag von POPP zur Frage der Öffentlichkeit von Einkaufszentren wirkt nicht überzeugend. Sie irritiert den Leser zunächst mit einer kurzen Vorstellung des Öffentlichkeitskonzepts von JÜRGEN HABERMAS, um dies sofort wieder als unbrauchbar für ihre Themenstellung zu verwerfen. Als Ergebnis präsentiert sie die Einsicht, dass Innenstädte funktional vielschichtiger sind als Einkaufszentren und innenstadtnahe Einkaufszentren
aus diesem Grund als reine Erweiterung des Einzelhandelsangebots der Innenstädte konzipiert werden sollten. Der Erkenntniswert solcher Ausführungen ist eher gering.
Wie wohltuend präzise sind dagegen die zwei Aufsätze der Sammlung, die sich mit dem Themenfeld Sicherheit in der Stadt auseinander setzen. KÖRNER skizziert zunächst die Konsequenzen, die eine Ausweitung der urbanen Sicherheitspolitik von der Beherrschung objektiver Gefahren auf das persönliche Sicherheitsempfinden der Bürger hat. Die bedenkliche Tendenz, dass im Großraum München deutlich mehr private Sicherheitsleute als staatliche Polizisten ihren Dienst tun, zeigt die Dringlichkeit seines Themas auf. KÖRNER vertritt eine deutlich skeptizistische Position, wenn er am Ende konstatiert, dass öffentliche Räume nur dann öffentlich bleiben, wenn die Bürger gewillt sind, auch die Schwächsten der Gesellschaft dort zu dulden. KAZIG, FRANK und REITER widmen sich mit der Videoüberwachung einem weiteren Aspekt des Sicherheitsdiskurses, in Anbetracht von bis zu 500.000! Videokameras im öffentlichen Raum in Deutschland ein mehr als drängendes Thema. Ihre empirisch angelegte Studie kommt zu dem bemerkenswerten Ergebnis, dass Videoüberwachung zu keiner Steigerung des Sicherheitsempfindens der Bürger beiträgt und diese auch nur ein geringes Bewusstsein für die Existenz dieser Sicherheitsmaßnahmen aufbringen. Ihr Fazit erkennt keine Abschwächung des Unsicherheitsempfindens im öffentlichen Raum aufgrund der Videoüberwachung.
WIEGANDTs im Vorwort formuliertem Anspruch, "einen Beitrag zur Klärung des vielfach beklagten Empiriedefizits leisten zu wollen" (S. 8), wird die Anthologie gerecht. Das sich nach Lektüre der einzelnen Aufsätze abzeichnende Ergebnis einer Abschwächung der Polarität des Öffentlichen und des Privaten, lässt sich problemlos in weitere theoretische und empirische Arbeiten der Stadtgeografie einordnen. Die spezifische Leistung des Bandes ist es, interessanten empirischen Ergebnissen, auch von Diplomarbeiten und studentischen Projekten, einen Zugang zur Fachöffentlichkeit ermöglicht zu haben und damit nebenbei die Möglichkeiten einer methodisch informierten Stadtgeographie aufzuzeigen.             
Autor: Peter Dirksmeier

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 4, S. 389-390

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