Fouad N. Ibrahim und Barbara Ibrahim: Ägypten. Geographie - Geschichte - Wirtschaft - Politik. Darmstadt 2006. 224 S.

Wissenschaftlichen Länderkunden kommt eine herausgehobene Bedeutung für die schulische und universitäre Lehre sowie als Informationsquelle für Politik und Medien zu. Trotz ihrer gesellschaftlichen Bedeutung scheinen Länderkunden in den letzten Jahren einen Bedeutungsverlust innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde erfahren zu haben. Diese Entwicklung ist sicherlich nicht zuletzt der Änderung des Charakters der Geographie von einer deskriptiven Landeskunde hin zu einer thematisch ausdifferenzierten und theoretisch sowie konzeptionell informierten Wissenschaft geschuldet. Abseits des wissenschaftlichen Diskurses zeigt sich jedoch besonders in der arabischen Welt, welch hohe Bedeutung gut informierten "regional studies" zukommen könnte, würden Politik und Medien deren Beobachtungen und Einschätzungen in höherem Maß als bisher zur Kenntnis nehmen.
Vor diesem Hintergrund ist es außerordentlich zu begrüßen, dass die "geographische Landeskunde - Ägypten" von FOUAD und BARBARA IBRAHIM aus dem Jahr 1996 nun in einer aktualisierten und überarbeiteten Auflage vorliegt. Erfreulicherweise beschränkt sich die Neuauflage des Bandes nicht nur darauf, Statistiken zu aktualisieren. Ergebnisse aus neueren Studien wurden eingearbeitet und neue Abschnitte in das Buch aufgenommen, wie z.B. der über die Arbeiten von WEIß und WURZEL zur ägyptischen Privatisierungspolitik der 1990er Jahre. Die Länderkunde hat zudem durch ein zeitgemäßes Layout erheblich gewonnen: Ein hochwertiger Vierfarbdruck mit einer Fülle von Karten, Luftbildern, Fotos, Grafiken und Tabellen vermittelt nicht nur ein plastisches und detailreiches Bild Ägyptens, sondern bietet darüber hinaus einen Fundus an Materialien für die Verwendung im Unterricht und in der Lehre.
Der vorliegenden Band stellt - wie der Titel schon andeutet - eine überwiegend humangeographisch ausgerichtete Länderkunde dar, die mit einer kurzen Einführung in die Physische Geographie Ägyptens beginnt. Die knappe physisch-geographische Einführung ist durchaus gelungen und stellt die wesentlichen Charakteristika des ägyptischen Naturraumes vor. Dass ein solcher Überblick immer stark generalisierend bleiben muss, ist fraglos. Kleine Ergänzungen, wie exaktere Spezifizierungen von Klimaten und Böden, hätten jedoch einen erheblichen Gewinn für die Verwendung des Buches in der universitären Lehre nach sich gezogen. In diesem Sinne wäre auch die Integration einer geologischen Karte (eventuell als Beilage) wünschenswert gewesen.
Der humangeographische Teil beginnt mit einem Kapitel zur Geschichte Ägyptens, das mit der Wiederwahl von Hosni Mubarak zum Präsidenten Ägyptens im Jahr 2005 endet. Dem schließen sich Kapitel über das politische System Ägyptens, zur Bevölkerungsgeographie, der regionalen Gliederung des Landes und über das Thema Wasser an. Der nächste große Themenkomplex des Buches widmet sich der Ökonomie des Landes mit einer allgemeinen Einführung in seine Wirtschaftsstrukturen sowie Abschnitten zur Landwirtschaft, Industrie (-geschichte) und Tourismusentwicklung. Inhaltlich abgerundet wird die Länderkunde durch ein Kapitel zur Raumentwicklung, das hauptsächlich siedlungsgeographische Themen behandelt. Strukturell schließt das Buch mit einem als "Ausblick" betitelten Kapitel über Potenziale und Risiken gegenwärtiger sozialer und wirtschaftlicher Entwicklungen.
Dieses Kapitel hätte sich bestens geeignet, um ein Gesamtfazit der Darstellung zu ziehen, wenn so etwas bei der facettenreichen Komplexität einer Länderdarstellung überhaupt möglich ist. Umso mehr verwundert es, dass sich gleichsam im Nachgang und ohne rechte Verbindung zu den anderen Teilen ein weiteres Kapitel anschließt, das mit "Einblicke" überschrieben wird. Abschnitte über "Götter und Mythen vom Nil" von ISIS IBRAHIM, "Mit Napoleon in Ägypten" von MARIAM IBRAHIM oder "Ägypter unter uns" wollen sich an dieser Stelle nicht so recht in den Aufbau des Buches einfügen und wirken seltsam eklektisch in ihrer Zusammenstellung. Es drängt sich der Verdacht auf, dass man sich des Problems bei der Zusammenstellung des Bandes durchaus bewusst war, dies aber aus welchen Gründen auch immer ignorierte und die Beiträge in eine Art Anhang gestellt hat. Die vorliegende Lösung kann jedenfalls nicht recht überzeugen: Hielte man die in Frage stehenden Abschnitte für unverzichtbar, wären sie sicherlich besser in die entsprechenden geschichtlichen, politischen oder wirtschaftlichen Teile integriert worden. Anscheinend ist ihre inhaltliche Relevanz im Rahmen der bestehenden Buchkonzeption jedoch auch für die Autoren schwerlich nachzuvollziehen, weshalb man möglicherweise von einem solchen Vorgehen abgesehen hat.
Notwendigerweise stellt jede Länderkunde eine beschränkte Auswahl potenzieller Inhalte dar. Trotzdem vermissen sicherlich nicht nur Soziologen und Kulturwissenschaftler detailliertere Ausführungen zur heutigen sozio-kulturellen Situation in Ägypten.
Anstatt des Kapitels "Einblicke" mit seinen eher historischen Beiträgen wären insbesondere Ausführungen zu aktuellen Elitenbildungsprozessen, zu den Veränderungen sozialer Schichtungen oder den sich wandelnden Lebensstilen für ein zeitgenössisches Verständnis des Landes zweckdienlicher gewesen. Zudem hätten sich einzelne Teile aus dem Kapitel "Einblicke" - wie der über das ägyptische Arabisch - hier durchaus wieder finden können. In der vorliegenden Form wird die bedeutende heutige Kultur (Industrie) Ägyptens auf gerade einmal einer halben Seite abgehandelt, während die Darstellung der antiken kulturellen Leistungen überwiegt. Dabei sind insbesondere die Kino- sowie Musikindustrie oder die neue Welle junger Literaten ein wesentlicher Grund für die besondere Position Ägyptens in der heutigen arabischen Welt und reflektieren einen Wandel im politisch-gesellschaftlichen Klima. Ihr tieferes Verständnis ist daher unverzichtbar, will man sich ein Bild des heutigen Ägyptens abseits von Zahlen, Daten und Fakten machen. Der zum Teil sehr populärwissenschaftliche Ausdruck des Buches ist wahrscheinlich der Gratwanderung des Bandes geschuldet, in der das Buch versucht, unterschiedlichen Adressatenkreisen gerecht zu werden und dabei in manchen Details den wissenschaftlichen Präzisions- und Differenzierungsansprüchen nicht gerecht werden kann.
Wie andere Länderkunden bietet der vorliegende Band kaum eine theoretische Einordnungen seiner Erkenntnisse und Schilderungen. Dass dies in einem solchen Rahmen nicht in voller Breite möglich ist, steht außer Frage - wie es trotzdem gelingen kann, machen die Autoren jedoch beispielsweise zum Thema "Rentierstaat" in bestechender Weise deutlich, bei dem sie aktuelle theoretische Konzepte aufgreifen und so die ägyptische Situation besser erklären. Umso mehr muss es verwundern, dass IBRAHIM und IBRAHIM beispielsweise in ihrem Kapitel über das politische System Ägyptens die einschlägigen Arbeiten von PETER PAWELKA und seiner Mitarbeiter ignorieren und so kaum zu pointierten Aussagen und Beschreibungen des neopatrimonialen, politischen Systems kommen. Die politisch-gesellschaftliche Bedeutung der Muslimbruderschaft wird nur randlich gestreift, obwohl sie bei freien Wahlen wahrscheinlich stärkste politische Kraft würde und eine Reislamisierung der ägyptischen Gesellschaft unübersehbar ist. Auch in anderen Kapiteln könnte eine stärker theoriegeleitete Herangehensweise helfen, die ägyptischen Probleme und Herausforderungen besser zu verstehen: seien es Theorien und Konzeptionen typischer Urbanisierungsprozesse in Entwicklungsländern, Maßnahmen des Upgradings von informellen Vierteln, die Herausforderungen eines Urban Managements in Megastädten der so genannten "Dritten Welt", die wirtschaftlichen Folgen der Einbindung Ägyptens in die Globalisierung und ihre Folgen für Industrie und Landwirtschaft oder aktuelle Theorieansätze aus der Tourismusgeographie und -soziologie. Stattdessen droht das vorliegende Buch in einer deskriptiven, rein ägyptischen Perspektive zu verharren und so wesentliche übergeordnete Probleme und Zusammenhänge aus den Augen zu verlieren. Nicht zuletzt wäre eine theoretisch reflektierte und kritische Debatte des vorherrschenden, wirtschaftsliberal geprägten Entwicklungsdiskurses wahrscheinlich bereichernder gewesen, als die zu Beginn des Kapitels "Ausblicke" formulierten imperativen und stark normativ geprägten Zielvorstellungen für eine zukünftige Entwicklung in Ägypten, die in keiner Art und Weise theoretisch begründet werden.
Positiv fällt demgegenüber auf, dass die Autoren von ihrer weit überwiegend negativen Einschätzung der Folgen des Baus des Assuan Hochdammes mittlerweile abgerückt sind und sich hier eine erheblich differenziertere Darstellung im Vergleich zur letzten Ausgabe der Länderkunde findet.
Trotz der konzeptionellen und theoretischen Schwächen stellt die Landeskunde von IBRAHIM und IBRAHIM einen reichen Informationsfundus für jeden ägypteninteressierten Leser dar. Sie kann daher insbesondere Bibliotheken und Schulen zur Anschaffung empfohlen werden. Eine theoriegeleitete "Neuerfindung" einer Länderkunde stellt sie jedoch nicht dar. Trotz ihrer hervorragend aufbereiteten Informationsfülle ist sie deshalb nicht geeignet, den Bedeutungsverlust von Länderkunden in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu überwinden.    
Autor: Christian Steiner

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 4, S. 390-391



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