Michael Flitner und Julia Lossau (Hg.): Themenorte. Münster 2005 (Geographie 17). 200 S.

Form follows function - diese wohl eleganteste Lüge moderner Gestaltungstheorie liegt zahlreichen Produkten in Design und Architektur zugrunde. Die postmoderne Kritik hat zurecht darauf hingewiesen, dass dieser Satz weder als Zustandsbeschreibung noch als Programm sinnvoll ist, da alle Objekte sozialer Wahrnehmung erst durch Bedeutungszuschreibung real werden und die daraus sich ergebenden Funktionen prinzipiell offen und vielfältig sind, d. h. eine Form ergibt sich nicht aus der Funktion eines Gegenstandes, weil er über sehr viele Funktionen verfügen kann. Was bereits bei simplen Gerätschaften aus dem Werkzeugkasten eines gut sortierten Heimwerkers augenfällig ist - so ergibt sich die Ausführung eines Schraubenziehers nicht nur aus seinem technischen Zweck, sondern auch aus dem Preis, den ein Kunde dafür zu bezahlen bereit oder fähig ist (zwei Funktionen: Gebrauchsnutzen, Marktfähigkeit) -, weitet sich bei komplexeren Produkten sozialen Handelns wie etwa einem Haus oder einer Stadt ins prinzipiell Unendliche aus: Zu den dinglichen Gebrauchs-Funktionen treten die ökonomischen und in zunehmendem Ausmaß die symbolischen Bedeutungen. So zeigt ein alt-mitteleuropäisches Rathaus nicht nur an, wo man Akteure städtischen Verwaltungshandelns antreffen kann, es repräsentiert auch die zentrale Rolle der bürgerlichen Selbstverwaltung innerhalb des Staates, weist auf den Reichtum der Stadt zur Zeit seiner Erbauung hin und demonstriert z. B. Geschmack, Baukunst, Geschichte, Selbstwahrnehmung und - oft in scherzhaften Bezeichnungen - politische Einstellungen der Einwohnerschaft.
Die Konsequenz postmoderner Gestaltungstheorie war, diese Erkenntnis realer Prozesse zum eigenen Programm zu deklarieren, d. h. in eigene Produkte mehrfache Deutungsmöglichkeiten, mithin diskursive Funktionen, bereits im Vorwege einzuplanen. Inwieweit das Vorhaben, von alleine ablaufende Prozesse der kulturellen Mehrfachkodierung gestalterisch zu präjudizieren und dies als Befreiung von der Zwangsjacke moderner Gestaltung zu feiern, seinem - auch ästhetischen - Stellenwert zugute kommt, mag an dieser Stelle dahingestellt sein. Interessanter ist hier der Umstand, dass nach dem Durchsetzen der Erkenntnis, dass Gestaltungsformen multiple Funktionen haben können, die Qualität der damit verbundenen Formen heute überwiegend oder ausschließlich an den symbolisch-diskursiven Funktionen festgemacht wird, kaum oder nicht hingegen am Gebrauchs- oder ökonomischen Nutzen.
Der vorliegende Band kann konzeptionell als (geographisches) Musterbeispiel eines solchen Zugangs und der daraus abgeleiteten Kritik an (bestimmten Ausschnitten der) Realität betrachtet werden. Als "Themenorte" (aus dem englischsprachigen "themed places") werden solche baulichen Produkte verstanden, deren Gestaltung eine einheitliche symbolisch-diskursive Bedeutung, die sich nicht - im oben zitierten modernen Sinn - aus seiner Funktion ergibt, vorzugeben versucht. Die Herausgeber untergliedern Themenorte in den kommerziellen Typ (etwa Freizeitparks), den politischen (etwa Gedenkstätten) und den funktionalen Typ (Krankenhaus, Bahnhof, Raststätte usw., sofern sie einen "fiktionalen Mehrwert" aufweisen) (S. 15).
Diese Untergliederung wird zwar nicht weiter begründet, verdeutlicht aber gerade dadurch den Kern der Konzeption von "Themenorten". Es kann nämlich kaum davon ausgegangen werden, dass kommerzielle oder politische Themenorte keine "Funktion" hätten, mithin nicht funktional wären. Die sprachliche Differenzierung verrät daher die prinzipielle Perspektive: Die "funktionalen Themenorte" verweisen durch ihre Gestaltung zwar auf etwas, das sie gar nicht sind, sind aber immer noch in erster Linie durch ihre "eigentliche" Funktion - Bahnhof, Raststätte usw. zu sein - charakterisiert. Die politischen Themenorte sind hingegen ausschließlich symbolhafter Art, während in der kommerziellen Variante die formale Aufladung offensichtlich derart überwältigend ist, dass die kommerzielle Funktion dahinter unsichtbar wird.
Diese Gegenüberstellung von Form und Funktion impliziert konsequenterweise die Frage nach der Adäquatheit der Form, wobei die "reine" Funktion die unausgesprochene Messlatte bildet. Das entsprechende Qualitätsmerkmal heißt "Authentizität": "Insofern Themenorte meist erkennbar versuchen, Bedeutung zu erzeugen, markieren sie zudem von vornherein einen Bruch mit dem 'Echten', dem 'Authentischen'." (S. 13) Zwar distanzieren sich die Herausgeber von einem "Gutteil der kulturpessimistischen Diagnosen ..., die in jedem gelifteten Shopping-Center eine Manipulationsmaschine sieht und in Disneyland eine perfide Geschmacklosigkeit mit quasitotatlitären Zügen". (S. 13) Sie gestehen dem Durchschnittsbürger auch generös zu, nicht so naiv sein zu glauben, "seine Zeit in einer brandenburgischen Montagehalle tatsächlich im asiatischen Tropenwald zu verbringen oder während einer Frankfurter Themenparty in der Karibik zu weilen". (S. 12)
Was bleibt dann aber noch an theoretischer Perspektive? Die Messlatte der Authentizität lässt gerade keine andere Möglichkeit zu, als gestalterische Formen auf eine vom Betrachter festgelegte Funktion zu beziehen und über die Dichotomien echt-unecht, natürlich-künstlich oder eigenständig-abgekupfert zu qualifizieren.
Ein solcher kultur- oder ideologiekritischer Ansatz kommt besonders in denjenigen Beiträgen des Bandes zum Tragen, die sehr eng am Konzept der Themenorte entlang argumentieren. So kritisiert etwa C. Wucherpfennig an den aktuellen Umgestaltungsprozessen deutscher Bahnhöfe, dass die "'Grundbedeutung' des Bahnhofs als Verkehrs- und Betriebsanlage, in der der Zugverkehr gebündelt und Mobilität koordiniert wird, ... diskursiv ... mit 'Konsum und Komfort', 'Erlebnis' und 'Sicherheit' (verknüpft wird)." (S. 41) Kultur in Form der Gestaltung von Bahnhöfen dient nicht mehr (nur), so die Kritik, der "eigentlichen Funktion" des Bahnhofs, seiner "Grundbedeutung", evtl. ergänzt um die Funktion des Aufenthaltsorts von Obdachlosen und Junkies, deren Verschwinden von der Autorin beklagt wird, sondern erhält politische und ökonomische Funktionen: "Mit Identifikationsankern bestückt, dient '(Bahnhofs) Kultur' dazu, gesellschaftliche Missstände erträglich zu machen, sozialpolitische Probleme auf staatlicher und kommunaler Ebene in sicherheits- und ordnungspolitische zu transformieren und ökonomische Verwertungsinteressen zu verschleiern." (S. 41)
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten von Kultur- und Ideologiekritik, unsichtbar gewordene Tatsachen erkennbar machen und Formen des Verdeckens von Realität entlarven zu wollen. Gerade im vorliegenden Beispiel ist jedoch unklar, was es da zu entschleiern gibt. Es kann ja nicht darum gehen, der Bahn AG vorzuwerfen, dass sie in ihrem Werbematerial nicht die "Wahrheit" sagt. Denn dass ein gewinnorientiertes Unternehmen wie die Bahn AG alles unternimmt, um seine Immobilien rentabel zu machen und gerade zu diesem Zweck es ablehnt, Bahnhöfe als Verwahrorte "gesellschaftlicher Missstände" vorzuhalten, kann nur überraschen, wenn man zu wissen glaubt, was die "eigentliche Grundbedeutung" von Bahnhöfen ist. Sieht man als Grundfunktion eines Bahnhofs hingegen das Erwirtschaften von Gewinnen an, kann man höchstens erstaunt sein, dass es immer noch Lücken innerhalb der Verwertungsorientierung gibt.
Der Entlarvungsakt hängt also vom vorgeblichen Wissen um die eigentliche Funktion etwa eines Gebäudes ab; nur dann kann den neuen Gestaltungsformen vorgeworfen werden, diese Funktion zu "verraten" und geheime neue Funktionen zu verschleiern, die es dann wissenschaftlich aufzudecken gilt. Aus der Sicht einer anderen Funktion ist hingegen eine bestimmte Gestaltung völlig funktional und bedarf keiner Erklärung. Es bietet sich also an, bei der Betrachtung von Formen von Anfang an die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass es mehrere und vor allem mehr als die auf Vorwegfestlegungen des Beobachters basierenden Funktionen gibt.
Mit einem ganz ähnlichen Problem hat der Beitrag von Julia Lossau über ein großmaßstäbliches Stück Kunst am Bau, das im Rahmen von Stadterneuerungsmaßnahmen in einem heruntergekommenen Stadtteil von Glasgow errichtet wurde, zu kämpfen. Die Autorin reflektiert über die Aussage(n) des Kunstwerks und referiert das Erstaunen der Künstler, dass das Kunstwerk nicht nur oder vielleicht gar nicht die Verbindung der Bewohner mit ihrem Stadtteil symbolisiert (intendierte "eigentliche" Funktion), sondern vielmehr die Attraktivität des Wohnquartiers gesteigert und zur Verdopplung der dortigen Immobilienpreise geführt hat. Auch hier scheinen die in den Debatten um den künstlerischen Wert des Kunstwerks kursierenden Aussagen über seine symbolische Funktion(en) den tatsächlichen sozialen und ökonomischen Funktionen Hohn zu sprechen.
An jeweils ganz unterschiedlichen Beispielen thematisieren auch andere Beträge des Bandes die Herstellung von Symbolhaftigkeit, ohne aber direkt auf dem Konzept der Themenorte aufzubauen. Dies trifft v. a. für die Beiträge von Th. Jekel und F. Huber über die Gestaltungsvorschriften für die Salzburger Innenstadt, von A. Prossek über die Versuche der Regionalförderung via gebaute Kunst im Ruhrgebiet, von S. Richter über Bauschildmalerei und Objektmarketing in der Berliner Mitte sowie von M. Flitner über Grzimeks filmische Serengeti- Darstellung zu. Weniger mit bewusster Symbolproduktion denn mit Symbolwerdung und den daraus erwachsenen Konseqenzen beschäftigen sich die Beiträge von S. Hafner (über den Ruf eines Münchner Stadtteils, der zum Stigma für seine Bewohner wurde) und M. Hoyler/H. Jöns (über die Zerstörung symbolhafter Rauminhalte).
Zwei weitere Beiträge thematisieren die Einbeziehung von "Landschaft" in ökonomische Aktivitäten. H. Egner zeigt auf, wie das Canyon Country im Südwesten der USA je nach touristischer Nutzung ganz unterschiedliche Beschreibungen naturräumlicher Qualitäten erhält (ein Vorgang, der für die Alpen schon sehr gut erforscht ist). E. Gelinsky schließlich zeigt die Rolle, die "Landschaft" in der Vermarktung vor allem von "alternativ" gefertigtem und als "Slow Food" vermarktetem Käse erhält.
Insgesamt bietet der Band Gedanken und Informationen zu einigen interessanten Gegenständen, aber auch zu manch marginalem Thema. Das titelgebende Grundkonzept kann hingegen weder theoretisch noch in seiner empirischen Umsetzung (zumindest in den wenigen Beispielen, in denen es überhaupt zu bemerken ist) überzeugen.
Autor: Wolfgang Aschauer

Quelle: geographische revue, 8. Jahrgang, 2006, Heft 1, S. 60-63

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