Michael Hardt, Antonio Negri: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire. Frankfurt, New York 2004. 432 S.

Als Untermauerung ihrer weltgesellschaftlichen, weltweit erfolgreichen und beeindruckenden Analyse "Empire" wenden sich die Autoren dem neuen, von ihnen ganz spezifisch als Multitude definierten Subjekt der künftigen gesellschaftlich-politischen Entwicklung zu. Die nähere Untersuchung dieses Projekts halten sie deshalb für erforderlich, weil sich heute zum ersten Mal die Chance einer Demokratie im Weltmaßstab eröffne. Das Haupthindernis für deren Verwirklichung erblicken sie in dem derzeit herrschenden globalen Kriegszustand, wie er sich insbesondere nach dem 11. September 2001 herausgebildet hat. Der globalen Form von Souveränität, der Weltordnung des imperialen, aber nicht mehr imperialistischen Empire, der Netzwerkmacht, die kein eindeutig lokalisierbares Zentrum hat, wird ein offenes und breites Netzwerk der demokratischen Gegenmacht in den Weg gestellt, das dieses Empire irgendwann zum Einsturz bringen wird.
Wenn Empire mit anhaltendem Krieg, Asymmetrie und Dominanz, Verhinderung realer Demokratie, Apartheid und globaler Unterdrückung von Freiheit und Gleichheit einhergeht, so ist die Multitude dazu berufen, genau diese unerträglichen Strukturen zu bekämpfen und durch eine konstruktive und gemeinsame Alternative zu ersetzen. Wer aber ist die Multitude? Der Blick auf diese Frage erweist sich als sinnlos. Sie dürfte bestenfalls lauten: Wer kann, wer könnte die Multitude sein? Auch dieser Fokus ist wohl noch viel zu präzise, denn das Buch lebt davon, ungenau zu bleiben, genau in diesem Punkt keine Definitionen anzubieten. Das ist die methodische Kontinuität zu "Empire", zugleich aber auch eine Fixierung auf Vagheit für das Anliegen der Autoren. Wer diese Grundvoraussetzung akzeptiert, kann aus dem Werk einige Erkenntnisse gewinnen. Wem das zu wenig ist, der bleibt auch nach 430 Seiten so schlau wie zuvor - denn es wird etwas thematisiert, das es nicht gibt und vielleicht nie geben wird, die Multitude eben.
Dennoch wird eine äußerst differenzierte und anschauliche Annäherung daran geboten, wer oder was die neue demokratische, freie und gleiche Gesellschaft mit Leben erfüllen bzw. produzieren wird. Zunächst sind es alle Individuen und Gruppen, die durch Netzwerkkämpfe Aufstände organisieren und Widerstand leisten, alle, die am Gemeinsam-Werden der Arbeit teilhaben, die gegen globale Disparitäten stehen und die Demokratie verwirklichen wollen, als Herrschaft aller durch alle. Die Multitude ist das neue allgemeine Subjekt der Arbeit, sie steht gegen die imperial gewordene Macht des Kapitals und basiert auf einer Kritik der politischen Ökonomie der Gobalisierung.
Damit wird der Begriff natürlich sehr weit und reichlich undeutlich. Geschuldet ist dieser analytische Schritt der Tatsache, dass die Industriearbeit ihre hegemoniale Stellung an die immaterielle Arbeit - Wissen, Information, Kommunikation, Emotionen usw. - verloren hat. Folge davon ist der Verlust herkömmlicher Unterscheidungen zwischen dem Ökonomischen, dem Politischen, dem Gesellschaftlichen und dem Kulturellen schlechthin. Deshalb ist die Multitude z. B. vollkommen verschieden von der Arbeiterklasse, die grundsätzlich durch Begrenzungen definiert war; die Multitude ist noch nichts Empirisches, sondern eine Möglichkeit, eine Zusammenfassung aller, die unter der Dominanz des Kapitals arbeiten und leben. Diese Herrschaft ist im Begriff, total zu werden, sämtliche Bereiche der Gesellschaft zu durchdringen, vom Firmenportal bis zur Grundschule, von der Wasserversorgung bis zum Imbiss, vom Organhandel bis zur Vermarktung der Körperflächen, vom Mammutfilm bis zur kleinsten Tageszeitung. Aus dieser Perspektive wird nachvollziehbar, warum das neue Subjekt der Veränderung, die Multitude, so breit und gedehnt ist bis zur Verschwommenheit: Das Kapital ist jetzt soweit, dass es tatsächlich - wie vor 150 Jahren von Marx angekündigt - alles und alle durchdringt, aufsaugt und zu einem Teil seines mächtigen Stroms, seiner Ubiquität macht; es wird zur Hydra, gegen die nicht einmal ein ganzer Kontinent, geschweige denn eine Nation oder eine einzelne Klasse nur den Hauch einer Chance hat. Das Buch ist ein hier und da schon verzweifelter, in Sklavensprache und extrem publikumswirksam verfasster Appell quasi an die ganze Menschheit, dem globalisierten Kapitalismus, seiner Macht, seinen Kriegen und seiner profitbedingten Gier und Zerstörungsmaschinerie Einhalt zu gebieten und dazu alles zu mobilisieren, was noch an der Idee eines humanen Lebens und einer nicht vollkommen instrumentalisierten Lebensweise hängt.
Daher rührt auch der Verweis auf Gruppen, die sozialistische Bewegungen lange rechts liegen ließen, wie die Armen, die ausgegrenzten und deklassierten Unterschichten der nationalen und internationalen Gesellschaften und Systeme. Aus dieser Sicht versteht sich, dass es zuerst um recht bescheidene Ziele geht, wenn der große Entwurf eines neuen Gemeinsamen, eines anderen Zusammenhangs mit menschlichem Umgang in allen Sphären später machbar werden soll. Der Einsatz für die Demokratie steht auf der Tagesordnung, wir sind so heruntergekommen, dass sie nur noch durch eine riesige Anstrengung der gesamten Humanwelt gesichert werden kann. Das Erinnern daran, dass auch zur Zeit der Klassentheorien und -kämpfe die Klassen nie in Reinheit auftraten, sondern immer große Bündnisse und Kooperationen darstellten, die weit über Sozialstrukturanalysen und begrenzte Denkweisen, über limitierte Revolutionsspektren hinausreichten, ist nicht mehr erforderlich. Demokratie ist Herrschaft aller durch alle, ihre radikale Erneuerung steht an, nicht als Repräsentationsmodell, sondern als direktes und autonomes politisches Projekt, getragen vom unbegrenzten Potenzial der Multitude.
Sie muss deshalb so umfassend und so konturlos sein, weil es das Kapital auch ist. Gegen das Empire als Herrscher der Welt ist keine Gruppe entbehrlich, so wie das Empire selbst und seine imperiale Souveränität niemand entbehren kann. Die potenzielle Macht der Multitude in ihrer Komplexheit und ihrer Verschwommenheit entspricht der Herrschaft des Empire, die so komplex wie ortlos ist; beide ergänzen sich, solange die Herrschaft besteht. Wenn die Dominanz aber durch die Demokratie, als Netzwerk der Kooperation, als Krieg gegen den Krieg und gegen Korruption und Unordnung, als rebellisches Handeln und als radikaler politischer Akt der Liebe, überwunden werden soll, dann vergeht das Empire im Kontext der Erhebung fast der gesamten Menschheit, die sich durch Kommunikation und Zusammenarbeit aller überhaupt vorhandenen und vorstellbaren Aktivitäten und Bewegungen selbst in etwas ganz Neues verwandelt, dem Empire, Herrschaft und Klassen wesensfremd sind.
Das ist die Essenz eines Werkes, das durchaus zum Leitfaden grundlegender Veränderungen auf lokaler, regionaler, nationaler und globaler Ebene werden könnte. Es muss nur immer wieder und von unterschiedlichen Motiven und Interessen her für eine greifbare Wirklichkeit, ein konkretes Problem, interpretiert werden, im Sinne einer Gebrauchsanweisung von Politik, in der viele Seiten und Themen noch fehlen. Aber es ist ausreichend Platz für diese reserviert, nichts und niemand muss außen vor bleiben. Die Multitude eröffnet einen intelligenten, offenen Rahmen für die erfolgreiche Auseinandersetzung mit Unterdrückung und Ausbeutung durch ein multiples und flexibilisiertes Kapital, dessen Popularität im Sinken begriffen ist.
Literatur
Deppe, Frank u.a. 2004: Der neue Imperialismus. Heilbronn.
Harvey, David 2005: Der neue Imperialismus. Hamburg.
Misik, Robert 2005: Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore. Berlin.
Zeller, Christian (Hg.) 2004: Die globale Enteignungsökonomie. Münster.
Autor: Heinz Arnold

Quelle: geographische revue, 8. Jahrgang, 2006, Heft 1, S. 51-53

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