Andrew Herod, Melissa W. Wright (eds.): Geographies of Power. Placing Scale. Oxford 2002. 315 S.

In diesem Sammelband werden zwar nicht die titelgebenden "Geographien der Macht" diskutiert, doch die den Inhalt weit besser beschreibende, im Untertitel gestellte Frage nach der Bedeutung räumlicher Maßstabsebenen (scales) ist nicht weniger aktuell oder diskutierenswert. Die zehn Beiträge befassen sich auf die eine oder andere Weise mit der seit den 1990ern in der angloamerikanischen Geographie debattierten scale question, in der es um die Produktionen und Funktionsweisen der sozialen Realität räumlicher Maßstabsebenen geht. Dies tun sie in so heterogener Weise, dass man, wohlwollend formuliert, von einer reichhaltigen Textsammlung mit vielen Denkanstößen sprechen könnte. Durch eine weniger rosa gefärbte Brille betrachtet handelt es sich um Texte, die sich weitgehend zufällig zwischen denselben Buchdeckeln wiederfinden und für die scale sehr unterschiedliche - und m. E. sehr unterschiedlich sinnvolle - Dinge bedeutet. Exemplarisch seien zwei Texte prominenter (Wirtschafts-)Geograph/inn/en etwas ausführlicher diskutiert.

Kevin Cox kritisiert in seinem Beitrag die regulationstheoretische Debatte um die politics of scale in zwei Punkten. Am Beispiel der Arbeiten von Swyngedouw (glocalization) und Jessop (hollowing out of the nation state) bemängelt er erstens, dass hier Ökonomie und Staat als zwei getrennt voneinander existierende Entitäten charakterisiert werden, die "sich gegenseitig Dinge antun" (90), anstatt ihr dialektisches Verhältnis zueinander zu bestimmen. Deshalb, so Cox, scheint es in vielen Beiträgen geradezu so, als müsse der "wohlwollende und weitsichtige" (ebd.) Staat die Gemeinheiten der Ökonomie ausbaden. Dieser Sicht hält er zu Recht entgegen, dass es die Staaten selbst sind, die den ökonomischen Akteuren aus eigenem Interesse sowohl Schranken setzen als auch bei deren Überwindung unterstützen. Zweitens arbeiten regulationstheoretische Analysen laut Cox mit nur zwei räumlichen Maßstabsebenen, der nationalen und der internationalen. So verlieren sie die tatsächliche Vielfalt konkret vorliegender und ausgekämpfter scales aus dem Blick. Als Alternative schlägt er vor, sich mit den scales der politischen Ökonomie des Kapitalismus ausgehend von zwei wirtschaftsgeographischen Ansätzen zu befassen. Erstens überträgt er Doreen Masseys Konzept der räumlichen Arbeitsteilung auf die Frage der scales (hier verstanden als räumliche Reichweite). Die scale division of labor des Kapitals bezeichnet dann die unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen, auf denen verschiedene Kapitalfraktionen oder Unternehmen agieren. In dieser Hinsicht, so Cox, unterscheiden sich etwa lokal ausgerichtete Wirtschaftszweige fundamental von exportorientierten (93), was Konsequenzen für ihre ökonomischen und politischen Strategien und Allianzen hat. Zweitens knüpft Cox an Harveys grundsätzliche Arbeiten zum Widerspruch von räumlicher Fixierung und Mobilität in der Kapitalakkumulation an. In dieser Situation liefert das geteilte Interesse an räumlich fixierten Werten die materielle Basis für territorial definierte politische Allianzen. Angesichts der globalen Akkumulationskrise folgt daraus eine Politik, die anstehende Entwertung vor allem anderswo stattfinden lassen will. Als Synthese dieser beiden Argumentationen fordert Cox, den strategischen Einsatz von Politiken unterschiedlicher Reichweite (scales) durch unterschiedliche Wachstumskoalitionen zu untersuchen. Diese bringen stets neue state scalar fixes hervor, die er als immer neue Varianten versteht, politische und ökonomische Aktivitäten auf bestimmte räumliche Maßstabsebenen zu verlagern. Die Arbeitsteilung des Kapitals beschränkt sich dann nicht auf die politisch bestimmten scales national, international und subnational, sondern kann in vielfacher Weise skalar organisiert sein und muss deshalb in concreto untersucht werden (98). Dieser anspruchsvolle Vorschlag, sowohl Staat als auch Raum in den scale-Debatten präziser und dabei konsequent von sozialen (hier: politökonomischen) Prozessen ausgehend zu begreifen, scheint mir angesichts der zunehmenden Verflachung der Debatte, in der auf einmal alles irgendwie scale zu sein scheint, sehr willkommen.
Ein Beispiel für die letztgenannte Tendenz liefert der Beitrag von Graham-Gibson, die (der Doppelname steht für Julie Graham und Katherine Gibson) darauf insistieren, dass lokale alternative Ökonomien im globalen Kapitalismus möglich und emanzipatorisch sind. Dies ist ihres Erachtens äußerst wichtig für ein "politisches Projekt der Resubjektivierung" (36), das es Subjekten erlaube, "sich als frei von der kapitalistischen Globalisierung zu erfahren" (ebd.). Ihr Bezug auf die scale-Debatte besteht darin, aus dieser Überzeugung zu folgern, dass das Lokale besser ist als das Globale, weil sich Opfer des globalen kapitalistischen Wahnsinns besser fühlen, wenn sie sich auf lokaler Ebene alternativ vergesellschaften. Diesen m. E. absurden Standpunkt wollen Graham-Gibson als antikapitalistisch und wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte anerkannt wissen.
Bezogen auf die scale-Debatte liegt der Kern der Absurdität m. E. in der abstrakten Gegeneinanderaufrechnung von "dem Lokalen" und "dem Globalen". Von der Sache her geht es Graham-Gibson um Vergesellschaftungen jenseits des kapitalistischen Marktes. Mit räumlicher Maßstabsebene hat das nur sehr indirekt und nachgeordnet zu tun, insofern viele Alternativökonomien tatsächlich eher auf lokaler Ebene stattfinden, der Kapitalismus hingegen den Weltmarkt geschaffen hat. Indem Graham-Gibson die verschiedenen Formen der Ökonomie aber ausgehend von scale-Begriffen diskutieren, sehen sie notwendig vom Inhalt ihres eigentlichen Gegenstands, den Ökonomien, ab. Diese thematisieren sie überhaupt nicht als solche, also in ihrer (sozialen) Funktionsweise, sondern nur als Gegenstände des "ökonomischen Diskurses". Denn diesen gälte es "als performativ und produzierend, und nicht als die Realität widerspiegelnd" (36) zu verstehen. Folglich sei es das höchste der antikapitalistischen Gefühle, einen "Diskurs ökonomischer Differenz [zu etablieren], in dem die Ökonomie divers (und nicht nur kapitalistisch), in dem ökonomische Dynamiken multipel (und nicht nur auf die Suche nach Profit und auf das Gesetz des Marktes beschränkt) und überdeterminiert (anstatt natürlicherweise dominierend) sind" (37). Nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit zu verändern ist dann das Ziel anti-kapitalistischer Theorie und Praxis, sondern die Etablierung eines alternativen ökonomischen Diskurses.
In einem kurz vorgestellten Projekt führen Graham-Gibson vor, wie dieser Antikapitalismus qua Resubjektivierung in der Praxis aussieht. Bewohner/innen einer von ökonomischem Niedergang betroffenen ländlichen Region in Australien, denen in Fokusgruppendiskussionen über ihre Ortschaften nur Negatives einfiel, wurden ermuntert, auch nach Positivem in ihrer krisengeschüttelten Gegend zu suchen. Weil ein "greifbarer Stimmungsumschwung" (42) festzustellen war, als die Beteiligten euphorisch von diversen alternativen (und fast durchgehend staatlich geförderten) Aktivitäten berichten, sehen Graham-Gibson in dieser Aufzählung von aus der Not geborenen Projekten einen positiv zu bewertenden und vor allem antikapitalistischen Diskurs. Dabei interessiert es sie nicht, dass die dergestalt Resubjektivierten davon, dass sie anders über die Ökonomie reden und sich in Teilen ihres Alltags alternativ vergesellschaften, keine bessere Wohnung, Nahrung oder Kleidung haben und auch nach wie vor keinerlei Einfluss auf deren Preise, den Wert ihrer Lohnarbeit oder die Höhe ihrer staatlichen Zuwendungen. Indem sie das Thema in scale-Begrifflichkeiten verhandeln, gehen Graham-Gibson aber noch weiter als diese sozusagen "ganz normale" und in verschiedenen Spielarten weit verbreitete idealistische Abstraktion von ökonomischen Realitäten. Nicht nur reden sie anstelle von ökonomischer Wirklichkeit von ökonomischen Diskursen, diese setzten sie auch noch mit bestimmten räumlichen Maßstabsebenen gleich: kapitalistischer Diskurs = global, nicht-kapitalistischer Diskurs = lokal.
Durch diesen Übergang von der konkreten Organisation des Ökonomischen zu den Abstraktionen "das Globale" und "das Lokale" ordnen Graham-Gibson auch alles andere, was irgendwie mit diesen räumlichen Maßstabsebenen zusammenhängt, diesem Gleichungssystem zu. So kann für sie auch anti-kapitalistische Theorie nur bezogen auf "das Lokale" sinnvoll sein. Auf dieser Basis ergehen sie sich in Mutmaßungen über die diskursive Macht der global scale, der marxistische und andere Kritiker/innen des Weltmarkts ihres Erachtens erliegen. Den Grund für diese Verblendung sehen sie in dem Glauben daran, dass "größerem Umfang und größerer räumlicher Ausdehnung mehr Macht innewohnt" (28). Zusätzlich setzten sie diese räumliche Bedeutung von global scale ("den Erdball umfassend") mit der metaphorischen ("allgemeine Ebene") gleich, womit die Gleichung noch länger wird: kapitalistischer Diskurs = global = universalistisches Denken = schlecht. Dem setzten sie ihre Sicht der Dinge entgegen: alternativer ökonomischer Diskurs = lokal = Denken in Differenzen = gut.
Damit tun sie exakt das, was sie den vermeintlich durch das Denken der Aufklärung verdorbenen Kapitalismuskritiker/inne/n und deren Bevorzugung "des Globalen" vorwerfen, nämlich "an sich 'leeren' scales der Analyse Bedeutungen zuzuschreiben" (31). Die Rede von "dem Lokalen" und "dem Globalen" führt Graham-Gibson also noch weiter weg von einer Analyse des Verhältnisses von kapitalistischem zu nicht-kapitalistischem Wirtschaften. Das ist kein Zufall, sondern folgt aus dem zentralen Argument der scale-Debatte: Räumliche Maßstabsebenen des Sozialen liegen nicht "an sich" vor, sind aber auch nicht auf reine "Blickwinkel" zu reduzieren, sondern werden in sozialen Prozessen als gesellschaftliche Wirklichkeiten produziert. Deshalb können scales nie ein sinnvoller Ausgangspunkt der Analyse sein. Sie sind vielmehr, so lässt sich die angloamerikanische scale-Debatte zusammenfassen, als soziale Konstrukte Ergebnis, Mittel und Voraussetzung sozialer Prozesse, die deshalb den Ausgangspunkt der Analyse bilden. Dazu gleich mehr.
Zuvor sei noch eine Vermutung zu der Frage formuliert, warum Graham-Gibson auf solch hanebüchene Konstruktionen kommen und damit in einem Beitrag zu ökonomischen Themen vom Ökonomischen komplett abstrahieren. Der von ihnen vertretene Antikapitalismus qua Resubjektivierung kommt bei den Anhänger/inne/n der ersten Gleichung (der mit "global") nicht gut an. So hat sie ein "älterer marxistischer Geograph" (25) nach einem Vortrag darauf hingewiesen, dass ihr Lob alternativer lokaler Ökonomien "die Macht der globalen ökonomischen Dynamik vernachlässigt" (ebd.). Das empfanden sie als "herabsetzend" (ebd.). "Wir wollen diese Projekte nicht als zweitklassig abgekapselt sehen - als wertvoll und interessant, vielleicht aber unfähig, globale Kräfte anzugreifen." (29; Herv. B.B.) Warum dies aber jenseits ihres eigenen Willens auch tatsächlich so sein sollte, bleibt unerklärt. Möglicherweise liefert der Hinweis auf den eigenen Willen und die Empfindung der "Herabsetzung" eine Erklärung: Vielleicht geht es Graham-Gibson schlussendlich gar nicht um Ökonomie, Vergesellschaftung und scales, sondern um ihre eigenen Befindlichkeiten. Dann wäre ihnen die scale-Rhetorik nur (modisches) Mittel, um sich selbst - die damit zu Subjekten und Objekten des Beitrags würden - in ein besseres Licht zu rücken.
Zurück zur scale-Diskussion. Die ganze Konstruktion von Graham-Gibson verweist auf die zentrale Gefahr dieser Debatte: Seitdem die scale-Terminologie in Mode gekommen ist, werden alle möglichen sozialen Phänomene in diesen Begrifflichkeiten verhandelt, was mitunter nicht nur keine zusätzlichen Erkenntnisse liefert, sondern qua Reifizierung vermeintlich extra-sozialer scales von einer Klärung sozialer Gegenstände tendenziell wegführt. In Analogie zum Raumfetischismus kann dies als Skalenfetischismus verstanden werden: Indem "das Globale", "das Lokale" oder, klassisch geographisch, "die Region" ad abstractum diskutiert werden, werden räumliche Maßstabsebenen des Sozialen ontologisiert. Damit wird von deren sozialer Produktion abgesehen und aus dem Explanandum das Explanans gemacht.
In diese Falle tappen auch die Autor/inn/en einiger weiterer Beiträge des Bandes: Latham benutzt die scale-Debatte, um zu behaupten, dass polit-ökonomische Autor/inn/en nicht untersuchen könnten, "wie Alltagspraktiken zwischen dem Lokalen und dem Globalen verwoben sind" (116). Er bevorzugt die actor network theory und behauptet, dass man nur mit ihr eine Gastronomiemeile in Auckland untersuchen und verstehen könne. Er findet heraus, dass die von ihm untersuchten Gaststätten gleichermaßen lokal, global und national sind. Was er damit über die Aktivitäten in dieser Straße Wissenswertes erfahren haben will, bleibt schleierhaft. Kirby meint, dass die bisherige scale-Debatte zu kurz greift, weil sie nicht alle im Alltag vorkommenden räumlichen Maßstabsebenen umfasse. Er nennt, jeweils bezugnehmend auf Phänomene der Populärkultur, die für Science Fiction zentrale extraterrestrische Maßstabsebene sowie Goffmans Unterscheidung vorder- und rückseitiger Regionen, die zum Verständnis des "Gebrauchs von Überwachungstechnologien in der öffentlichen Unterhaltung" (179) wichtig sei. Nichts, was man in diesem Text über Populärkultur erfährt, hätte man nicht auch erfahren, wenn der Autor den Gegenstand nicht als scale-Problem thematisiert hätte.
Anders (und m.E. sinnvoller) geht etwa Kurtz in ihrem Beitrag vor, in dem sie anhand des konkreten Falls einer emissionsstarken Industrieansiedlung in unmittelbarer Nähe eines von Afroamerikaner/ inne/n bewohnten Stadtteils untersucht, von welcher räumlichen Maßstabsebene aus betrachtet dies als environmental racism gelten und politisch kritisiert werden kann. Dasselbe gilt für den Beitrag von Mains, die zeigt, welche nationalistischen Ideologien in die lokalen Praxen der Grenzpolizei entlang der US-amerikanischmexikanischen Grenze eingehen und wie sie diese durch die Öffentlichkeitsarbeit der Behörden wiederum verstärken. Beide Beispiele zeigen, dass mit Hilfe von scale-Terminologien sehr wohl neue und wesentliche Aspekte an konkreten Gegenständen gefunden und untersucht werden können. Die Debatte in dieser Richtung weiterzuentwickeln und den Untiefen des Skalenfetischismus zu entgehen, ist eine m.E. wichtige Aufgabe der Theoriearbeit, zu der der Band von Herod und Wright sowohl mit positiven als auch mit Negativbeispieleneinen Beitrag leistet.
Autor: Bernd Belina

Quelle: geographische revue, 8. Jahrgang, 2006, Heft 1, S. 70-75

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