Helmuth Berking, Sybille Frank, Lars Frers, Martina Löw, Lars Meier, Silke Streets and Sergej Stoetzer (eds.): Negotiating Urban Conflicts: Interaction, Space and Control. Bielefeld 2006. 371 S.

Angesichts der Vielzahl singulärer Beiträge zum Verlust des Öffentlichen in der Stadt, zu Gated Communities, Kriminalität, Videoüberwachung u.v.m. ist ein Sammelband, der sich auf breiterer Basis und umfassender mit der Frage städtischer Konflikte und Sicherheit auseinandersetzt, willkommen.

Die insgesamt 21 Beiträge des Bandes, sowohl konzeptionell-theoretische Arbeiten als auch Fallstudien, gruppieren sich um ein zentrales Thema: das Ringen um territoriale Kontrolle in der Stadt, um räumliche Arrangements, um Ordnung. Die aus diesem Ringen resultierenden und es gleichzeitig provozierenden Stadtpolitiken bilden, so die Herausgeber, einen von zwei Kristallisationspunkten für die Buchbeiträge. Dabei stellen die Akteursperspektive, die Beschäftigung mit institutionellen Regimen und differenztheoretische Ansätze die Basis für die Analyse der Stadtpolitiken. Gegenstand der Analysen sind die urbanen Konflikte und Kompromisse, die sich letztlich in diesen Politiken widerspiegeln.
Als diskursiver Rahmen für die Beiträge dient neben der Auseinandersetzung mit Raumpolitiken auch die Debatte um Postkolonialismus. Damit setzt sich das Buch zunächst einmal in angenehmer Weise von der unüberschaubaren Fülle der Literatur ab, die Stadt aus Globalisierungsperspektive betrachtet. Globalisierungskonzeptionen, so allgegenwärtig sie auch sind, können das soziale, planerische und bauliche Geschehen im Städtischen alleine nicht erklären. Andere Ansätze, die sich jenseits der Globalisierungsdebatte mit Stadtentwicklung auseinandersetzen, sind derzeit weniger sichtbar - verhilft ihnen der vorliegende Band zu mehr Prominenz?
Postkolonialismus umschließt als Konzept nicht nur die Beschäftigung mit der Stadt "nach der Phase des Kolonialismus", sondern vor allem die kritische Auseinandersetzung mit der Präsenz unterschiedlicher kultureller Praktiken, Lebensweisen, Repräsentationen und Konflikte in der Stadt der (Post-)Moderne. Immerhin, so ANTHONY KING im ersten Beitrag des Bandes, unterlagen zu Beginn des 20. Jahrhunderts rund 85% der Erde einer wie auch immer gearteten Form europäischer Herrschaft, mit entsprechenden Folgen für die kolonialen und postkolonialen Stadtkulturen weltweit. Letztlich ließen sich also, so die Argumentation, Entwicklungen des Städtischen und Konflikte im urbanen Raum ohne diese koloniale und postkoloniale Präsenz gar nicht erklären. Gemeint sind dabei nicht etwa nur die Stadtentwicklungen in den ehemaligen Kolonien, Protektoraten etc., sondern auch und gerade in den Ländern des "Nordens", in London, Paris oder Vancouver.
Es erscheint also durchaus sinnvoll, den Globalisierungsansätzen eine Konzeption des Postkolonialismus an die Seite zu stellen. Aus überwiegend soziologischer, aber auch geographischer, ethnographischer, medienwissenschaftlicher und planerischer Sicht orientieren sich die Autorinnen und Autoren - bei der Vielfalt der Beiträge nicht verwunderlich - mal mehr, mal weniger an den genannten Leitmotiven. Während etwa LISA LAW am Beispiel von Antiterror-Maßnahmen in Singapur ganz explizit die koloniale und postkoloniale Erzählung Südostasiens debattiert, schwingt die Leitthematik in COUZE VENNs konzeptionellen Überlegungen zur Stadt als "Steckfigur" aus Kulturen der Diaspora nur lose mit. Die meisten Fallstudien liefern interessante und originelle Einblicke in die Strukturierung urbaner Orte der Unsicherheit, Sicherheit und sozialen Aushandlung, so etwa die Beobachtungen von ANOUK DE KONIG in Kairo, wo sie die neuen Coffee Shops in Starbucks-Prägung als "safe places" für Frauen der oberen Mittelschicht identifizieren kann. LARS FRERS beschreibt in "Pacification by Design" Versuche, mit gestalterischen Mitteln Normalität und Ordnung in urbanen öffentlichen Orten zu etablieren und so lenkend und stabilisierend in städtische Lebenskontexte einzugreifen.
Insgesamt liefert der in die vier Abschnitte "Politics of Space", "Spatializing Identities", "Imageries of Cities" und "Exclusion, Security and Surveillance" gegliederte Band facettenreiche Einblicke in die kontrollierte Stadt. Der potentielle Mehrwert der Postkolonialismus-Ansätze wird jedoch nicht ausgeschöpft, dazu sind die Beiträge zu heterogen. In Anbetracht dieses Leitthemas ist auch interessant, dass Singapur als Fallbeispiel gleich mehrfach, Städte aus Entwicklungsländern jedoch überhaupt nicht herangezogen werden. Jene soziologischen Beiträge, die sich konzeptionell mit der kulturellen Fragmentierung der Stadt beschäftigen und dabei den "Raum" als jungen Gegenstand sozialwissenschaftlicher Arbeit bemühen, bieten für Geographen naturgemäß nicht viel Neues. Sie sind aber erstens als kompakte Überblickslektüre in Lehrveranstaltungen verwendbar und belegen zweitens nochmals, wie nah sich Geographie und Soziologie in der Stadtforschung gekommen sind - zum beiderseitigen Vorteil. Unter dem Strich: ein in Teilen sehr inspirierender, insgesamt empfehlenswerter Sammelband.
Autor: Fred Krüger

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 1, S. 113-114

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