Ingo Bartha: Ethnotourismus in Südmarokko. Touristische Präsentation, Wahrnehmung und Inszenierung der Berber. Bayreuth 2006 (Maghreb-Studien 15). 244 S.

Der Ethnotourismus wurde bisher in der deutschsprachigen Geographieliteratur wenig diskutiert. Die Arbeit von INGO BARTHA soll einen Beitrag zu dieser Diskussion leisten. Sie entstand im Zeitraum von 2002-2004 im Rahmen des Sonderforschungsbereiches - Forschungskolleg 560 der Deutschen Forschungsgemeinschaft "Lokales Handeln in Afrika im Kontext globaler Einflüsse" an der Universität Bayreuth. Untersuchungsgrundlage der Arbeit ist die Begegnung zwischen Ethnotouristen und den Berbern in Marokko, wobei der Schwerpunkt auf dem Berberbild der beteiligten Akteure des Ethnotourismus liegt.

Nach einer Einführung in die Problematik des Themas sowie der Vorstellung der angewandten Forschungsmethoden, folgt ein Abschnitt, der das Berberbild in deutschsprachigen Reiseführern und -prospekten vorstellt. Der anschließende Teil setzt sich mit der Kulturbegegnung der Touristen sowie deren Sicht auf die Berber auseinander. Schließlich werden die Ergebnisse der Untersuchung über die Bedeutung der Kultur der Berber im Souvenirhandel vorgestellt, um abschließend eine Synthese zwischen den einzelnen Forschungsergebnissen herbeizuführen und daraus Auswirkungen auf die Kulturbegegnung durch Ethnotourismus abzuleiten.
Dabei dient BARTHA als Definitionsgrundlage das Prinzip des "life-seeing". Im Gegensatz zu sight-seeing betont der von ENZENSBERGER 1964 geprägte Begriff als Ziel die Bereisten des Reiselandes. Üblich ist heute der Begriff Ethnotourismus, der inzwischen als eigenständige Tourismusform etabliert ist. Ethnotouristen sind für BARTHA all jene Besucher eines Landes, die in irgendeiner Form bewusst Kontakt mit der Kultur der Berber aufnehmen, sowohl in Form von Studienreisen als auch in Form eines einmaligen Besuches einer Folkloreveranstaltung. Dies ist auf den ersten Blick eine sehr weit gefasste Definitionsgrundlage, ist aber im Rahmen der Arbeit vollkommen stimmig, da es um die Untersuchung von Kultur-begegnungen geht, und dazu zählt jede Form des Kontaktes mit den anderen Kulturen. Herauszufinden, wie authentisch diese letztendlich ist, ist Bestandteil des Untersuchungsziels. In diesem Zusammenhang geht BARTHA im Laufe der Arbeit immer wieder auf den Aspekt der Inszenierung im (Ethno-) Tourismus ein: Die Attraktivität einer Kultur ist nicht unbedingt von vorneherein gegeben, sondern wird vor allem
gemacht. So differenziert er, eingehend auf die vier Hs im Ethnotourismus (Habitat, History, Heritage und Handycraft), deren Einbettung als Aspekte in einen wissenschaftlichen Diskurs in ethnologischen, historischen oder geographischen Abhandlungen. Untersuchungsbasis für die vorliegende Arbeit sind für BARTHA jedoch nicht diese tourismusrelevanten Aspekte der Berberkultur, sondern die touristische Berberkultur. Diese bezeichnet er als von den Beteiligten des Tourismus - sowohl den europäischen Reiseveranstaltern, den Touristen als auch den lokalen Tourismusakteuren vor Ort - konstruierte Berberkultur.
Im Rahmen der Diskussionen um Ethnotourismus existieren dazu zwei Positionen. Eine, die besagt, dass Ethnotourismus in der Lage ist, diese touristische Berberkultur durch
ein authentisches Kennenlernen der bereisten ethnischen Gruppe zu relativieren. Die andere Position sieht genau in dieser Reiseform die Grundlage für die Entstehung einer
touristischen Berberkultur. Ziel der Arbeit ist es, jene kulturelle Begegnung im Ethnotourismus zu betrachten sowie Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit dieser beiden Positionen zu überprüfen.
Besonders interessant ist die Auseinandersetzung mit der subjektiven Wahrnehmung und den Images der Akteure - Aspekte, die gerade in der Welt des Tourismus eine entscheidende Rolle spielen. Entgegen erster Annahmen findet der Autor als Ergebnis seiner empirischen Studien heraus, dass Studienreisende im Vergleich mit der Gruppe der Badetouristen nach der Reise kein differenzierteres oder realeres Bild der Berberkultur aufweisen. Das Verhalten der Touristen und somit auch deren Wahrnehmung der zu betrachtenden Kultur wird vor allem davon beeinflusst, was die Besucher sehen wollen. Dies und die erste Informationsaufnahme über die Kultur in Form von Reiseführern fungieren als eine Art Vorfilter, die das Bild nachhaltig prägen. Als erstes Ergebnis hält BARTHA daraufhin fest, dass in diesem Fall die Aufgabe des Ethnotourismus, Kultur näher zu bringen, gescheitert ist. Dennoch resümiert BARTHA aus seinen Ergebnissen auch ein authentisches Erlebnis der Touristen: Da die Touristen die inszenierte Authentizität mit ihren stereotypen Vorstellungen über sie vergleichen und die Situation daraufhin als authentisch empfinden. Auch wenn diese positive, die Arbeit BARTHAs schließende Aussage prinzipiell richtig ist, sollte das Argument nicht überbewertet werden und vor allen Dingen nicht den Blick vom ursprünglichen Ziel des Ethnotourismus ablenken, Reisenden und Bereisten die jeweilige Kultur näher zu bringen und ebenso eventuell bestehende Vorurteile zu beseitigen. Im Gegenteil sind die Ergebnisse dieser Arbeit ein wichtiger Aufruf an die Praktiker im (Ethno-)Tourismus, Ziele und deren Umsetzungsweisen zu überarbeiten und zu optimieren - oder vielleicht auch zu relativieren.
Autorin: Annika Burger

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 1, S. 114-115



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