Verena Meier Kruker, Jürgen Rauh: Arbeitsmethoden der Humangeographie. Darmstadt 2005. 182 S.

Ein zeitgemäßes Lehrbuch zur Einführung in die empirischen Methoden der Humangeographie fehlte bisher. Die älteren Lehrbücher von HANTSCHEL und THARUN (Anthropogeographische Arbeitsweisen, 1980) und von WESSEL (Empirisches Arbeiten in der Wirtschafts- und Sozialgeographie, 1996) waren einseitig dem quantitativ-szientifischen Wissenschaftsparadigma verpflichtet, so dass man sich in der Praxis eher mit Einführungen in die empirische Sozialforschung zu behelfen hatte, wenn man auf qualitative Methoden nicht verzichten wollte. Diese Lücke füllt nun das neue Buch von MEIER KRUKER und RAUH auf eine ausgesprochen originelle Weise.

Nach einer kurzen Einführung beginnt Kapitel 2 mit einer 35-seitigen Einführung in wissenschaftstheoretische Grundlagen. Das mag für traditionelle Einführungskurse ungewöhnlich sein, überzeugt jedoch aus zwei Gründen: Erstens wird damit ein für das wissenschaftliche Geographiestudium angemessenes Reflexionsniveau eingefordert, und zweitens wird hier der Dualismus angelegt und erläutert, der das ganze folgende Buch durchzieht: die grundlegende Unterscheidung zwischen dem "quantitativen" und dem "qualitativen Weg". Die relativ kurzen Kapitel 3 und 4 behandeln den Ablauf einer Forschungsarbeit sowie die Auswahl von Untersuchungsfällen, differenziert nach quantitativer und qualitativer Forschung. Kapitel 5 ist den eigentlichen qualitativen Forschungs-methoden gewidmet. Auf 22 Seiten werden knappe Einführungen in die (teilnehmende) Beobachtung, das (qualitative) Interview und die (qualitative) Textanalyse gegeben. In Kapitel 6 folgen dann auf 82 Seiten die üblichen quantitativen Methoden, wobei der Schwerpunkt auf der (quantitativen) Befragung und den Methoden der quantitativen Datenauswertung liegt. Behandelt werden Aspekte von der Datenbeschreibung über bivariate Zusammenhangsanalysen bis zur Shift- und Clusteranalyse. Zum Abschluss werden im Kapitel 7 Fragen der Ergebnisdarstellung angesprochen.
Dass der Aufbau den idealtypischen Ablauf eines Forschungsprozesses nachvollzieht, entspricht den meisten Lehrbüchern dieser Art. Ausgesprochen innovativ ist aber die parallele Berücksichtigung quantitativer und qualitativer Forschungsmethoden, wenngleich beide "Wege" zumeist unverbunden nebeneinander stehen und das daraus resultierende Spannungsverhältnis nicht näher thematisiert wird. Zu den Stärken des Buchs gehört auch die Illustration durch Beispiele, meist durch Textkästen graphisch abgesetzt.
Trotz des insgesamt positiven Eindrucks lässt das Buch aber auch einige Fragen offen. Das größte Defizit liegt in seiner Kürze und Selektivität. Manche Methoden sind so knapp dargestellt, dass ein Selbststudium ohne vertiefende Anleitung kaum gelingen dürfte. Unklar bleibt, ob das Lehrbuch die notwendigen mathematisch-statistischen Grundlagen mit vermitteln oder ob es ergänzend zu einem speziellen Statistik-Lehrbuch eingesetzt werden soll. Zwar werden einige statistische Modelle behandelt, doch reicht dies keinesfalls für die Vermittlung einer angemessenen statistischen Minimalkompetenz. Auch bei den qualitativen Methoden bleiben leider Wünsche offen. Eine gesonderte Berücksichtigung hätten vor allem Experten-Interviews, die heute in humangeographischen Diplomarbeiten wahrscheinlich am häufigsten eingesetzt werden, verdient. Auch eine Behandlung der
immer wichtiger werdenden Diskursanalyse hätte das Buch bereichert.
Alles in allem haben MEIER KRUKER und RAUH ein innovatives und interessantes Lehrbuch zur Einführung in die empirischen Arbeitsmethoden vorgelegt, das dem heutigen Dualismus quantitativer und qualitativer Forschungsmethoden angemessen Rechnung trägt. Leider ist es in mancher Hinsicht zu knapp und selektiv ausgefallen.            
Autor: Hans H. Blotevogel

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 1, S. 115-116

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