Babette Wehrmann: Landkonflikte im urbanen und peri-urbanen Raum von Großstädten in Entwicklungsländern. Mit Beispielen aus Accra und Phnom Penh. Berlin 2005 (Forschungsbeiträge zur Stadt- und Regionalgeographie 2). 385 S.

Die an der Philipps-Universität Marburg im Jahr 2004 eingereichte Dissertation behandelt das auf dem Hintergrund der rasanten Verstädterung in Entwicklungsländern (EL) hoch aktuelle Thema der Landkonflikte im urbanen und semi-urbanen Raum. Landkonflikte in EL treten im Zusammenhang mit Prozessen des institutionellen Wandels auf. Die Auswahl der empirisch bearbeiteten Großstadt-Fallstudien Accra (Ghana) (ca. 2 Mio. Ew.) und Phnom Penh (Kambodscha) (ca. 1 Mio. Ew.) ist auf dem Hintergrund des völlig unterschiedlichen kulturellen und jüngeren geschichtlichen Kontexts in beiden Ländern - längere Demokratieerfahrung mit autochthonen marktwirtschaftlichen Strukturen in Ghana sowie die rasante Transformation vom totalitären Steinzeit-Sozialismus zur entfesselten Marktwirtschaft in Kambodscha - wohl bedacht. Von der bodenrechtlichen Situation könnten beide Länder unterschiedlicher nicht sein: lange Tradition und Rechtspluralismus in Ghana gegenüber allmählicher Reprivatisierung nach jahrzehntelangem Volkseigentum in Kambodscha.
In konzeptioneller Hinsicht versucht die Arbeit, Ansätze der Neuen Institutionenökonomie, Soziometrie bzw. Psychoanalyse, der Chaosforschung, der Konfliktforschung mit der Stadtgeographie zu verbinden, ein zweifellos fantasievoller, innovativer humangeographischer Ansatz, der sich vom aktuell häufig bemühten handlungstheoretischen Paradigma in der Entwicklungsforschung erfrischend abhebt. Psychoanalytische Erklärungskonzepte für Landkonflikte setzen m. E. allerdings noch mehr ethnopsychoanalytische Fertigkeiten des Forschers i. S. von PARIN dringend voraus; denn der Faktor "Kultur", die Rolle, die "Land" und "Boden" in den ghanaischen und kambodschanischen Gesellschaften einnimmt, legt eine hermeneutisch-ethnologische Herangehensweise an das Thema "Boden" nahe. Diesem Anspruch wird die Arbeit in dem lesenswerten Abschnitt über die unterschiedlichen Mechanismen des Konfliktverhaltens und der Konfliktlösung im patriarchalisch und gerontokratisch geprägten Afrika der chiefs und im buddhistischen Südostasien, wo der nach Harmonie strebende Konfliktausgleich bestimmend ist, durchaus gerecht (S. 97 ff.).
Aus dem enorm anspruchsvollen multiplen Theoriegebäude entwickelt die Autorin eine längere Liste von erkenntnisleitenden Hypothesen für ihre Dissertation. Die Überprüfung dieser Hypothesen und die Beantwortung zentraler Forschungsfragen sollen Aufschluss darüber geben, in welcher Weise durch externe Unterstützung kulturspezifische kurativ-präventive Maßnahmen zur Landkonfliktregelung möglich sind. Der hochgesteckte Anspruch auf eine Verwertbarkeit der Dissertationsergebnisse für Projekte der bilateralen Entwicklungsarbeit ist lobenswert.
Es gelingt der Autorin der Nachweis, dass die unterschiedlichen Formen institutionellen Wandels zu vermehrten Landkonflikten führen. Durch Rechtspluralismus als Folge langsamen institutionellen Wandels wie z.B. in Ghana können Mehrfachverkäufe von Grund und Boden vorkommen, während bei abruptem Institutionenwandel mit vorübergehender Rechtsunsicherheit (Transformation) oder auch in bürgerkriegsähnlichen Situationen der illegale Verkauf von Staatsland durch Transformationsgewinner (neue Eliten) eintreten kann.
Die Fallstudien belegen eindrucksvoll, dass institutioneller Wandel und die Persistenz der Unterentwicklung zu weiteren massiven Defiziten beim institutionellen Rahmen des Bodenmarktes führen und dass diese Funktionsdefizite die Entstehung von Landkonflikten zwischen mindestens zwei Konfliktparteien, die sich in einer asymmetrischen Konfliktkonstellation befinden, fördert. Wichtig ist hierbei der Hinweis auf die absichtliche Aufrechterhaltung institutioneller Lücken durch strategische Gruppen und Individuen, die aus Gründen der Selbstprivilegierung die Entwicklung eines formalen Rechtssystems torpedieren. Parallelen zur ELSENHANSschen Staatsklassentheorie werden in diesem Fazit deutlich.
Eine lesenswerte, geistig anregende Arbeit, deren einziges Manko darin besteht, dass die farbigen digitalen Abbildungen zu Phnom Penh und Accra und zu dem Schema der räumlichen Verteilung von Landkonflikten im Anhang entweder rudimentär oder wirr überfrachtet sind und den an den Hauptstädten Ghanas und Kambodschas interessierten "lesenden Betrachter" hungrig zurücklassen.
Autor: Thomas Krings

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 1, S. 116

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