Fred Scholz: Entwicklungsländer. Entwicklungspolitische Grundlagen und regionale Beispiele. Braunschweig 2006. 288 S.

Das Buch soll zweierlei bieten: Zum einen eine Einführung in die zurückliegenden und aktuellen entwicklungspolitischen Aktivitäten auf allen Ebenen (und wer wäre mit seiner fast vier Jahrzehnte umfassenden, intensiven Beschäftigung mit Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit dazu in der Geographie besser geeignet als der Autor?) und zum anderen die Verbindung zwischen Entwicklungspolitik sowie Administration einerseits und den jeweiligen Maßnahmen auf der lokalen wie regionalen Ebene andererseits darzulegen, wenn möglich unter Berücksichtigung der akteursbezogenen Zusammenhänge.

Nach einer kurzen gesellschaftspolitischen Standortbestimmung zur Notwendigkeit von Entwicklungswissen folgen die stringent strukturierten Hauptkapitel: "Entwicklungspolitische Grundlagen und Begriffe ...", "Verstehen und Erklären von Unterentwicklung als Prozess und Phänomen" (eine historisch-theoretische Reflexion verbunden mit einer aktuellen Ursachensuche), "Vorstellungen, Konzepte und Maßnahmen für Entwicklung ..." sowie "Träger entwicklungspolitischer/-praktischer Aktivitäten" auf internationaler, nationaler und privater Ebene, ein zum Verständnis des "Funktionierens" (auch des "Nichtfunktionsierens", d.h. der entsprechenden Hemmnisse) von Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit unbedingt notwendiger, nur recht selten anzutreffender, aber hier durchaus gelungener, vertiefter Überblick.
In allen Kapiteln besticht neben der klaren Gliederung die gute Darstellung. Dabei werden die theoretischen Ausführungen durch eine Vielzahl von Fallbeispielen/Exkursen (mit entsprechenden Abbildungen) ausgesprochen anschaulich ergänzt und so die Realitäts- oder Praxisnähe didaktisch hergestellt, d.h. die Synthese zwischen Theorie und Empirie kann als mustergültig bezeichnet werden. Dazu tragen auch die (gelungenen) Versuche bei, bestimmte Prozesse und Strukturen modellartig zu fassen, um einerseits diese verständlicher zu machen und andererseits, um ähnliche Vorgänge entsprechend einordnen sowie interpretieren zu können.
Das kurze Schlusskapitel ist sowohl Fazit wie Herausforderung zu einer neuen Standortbestimmung von Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit: Diese konnte bisher die Probleme der Unterentwicklung/Rückständigkeit (wohl mit Bezug auf die LLDCs postuliert, nicht auf den gesamten "Süden") nicht entscheidend mindern. Obwohl bei der Entwicklungshilfe oft politische und wirtschaftliche Ziele im Vordergrund stehen (z.B. Sicherung von politischer Einflussnahme, von Absatzmärkten, Rohstoffen, Zugang zu kostengünstigen Produktionsstätten etc.) stellt diese - solange das nicht zum Lippenbekenntnis absinkt - nach wie vor eine humanitäre Herausforderung ersten Ranges dar, die sich nicht nur auf Katastrophenhilfe und auf Unterstützung der Armen durch quasi-Geschenke beschränken darf.
Fazit: Ein Buch, das für entwicklungspolitische Studienprogramme aller Disziplinen, für entsprechende Leistungskurse in der gymnasialen Oberstufe, für die interessierte Öffentlichkeit, aber auch für "fachblinde" Administratoren und Entwicklungsplaner nur zu empfehlen ist.
Autor: Günter Mertins

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 1, S. 121

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