Josef Wolf: Entwicklung der ethnischen Struktur des Banats 1890-1992. Begleittext. Atlas Ost- und Südosteuropa 2.8 Berlin, Stuttgart 2004. 470 S.

Das Banat, seit der Zeit der Donaumonarchie Lebensraum von Angehörigen vieler Völker infolge der amtlichen Besiedlungspolitik nach dem Rückzug der osmanischen Herrschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert, ist wegen des Ausgangs des Ersten Weltkriegs dreigeteilt: Der größere Teil liegt auf rumänischem Boden, die beiden kleineren Teile gehören zu Ungarn und Serbien. Rumänen, Ungarn, Serben und Deutsche bilden die vier größten ethnischen Gruppen. Daneben gibt es noch eine Reihe anderer: Ostslawen (Ruthenen, Rusinen), Westslawen (Slowaken, Tschechen), Südslawen (Kroaten, Bulgaren, Kraschowaner), Italiener, Zigeuner (Roma, Sinti) und weitere. Allerdings haben sich die zahlenmäßigen Größenverhältnisse zwischen den Gruppen im 20. Jahrhundert im Wesentlichen als Folgen der beiden Weltkriege und des Zusammenbruchs des sozialistischen Ostblocks stark verändert. Trotz dieser Vorgänge zeigt auch heute noch der rumänische Teil des Banats eine große ethnische Vielfalt. Eingeschränkt gilt dies auch für den serbischen Teil, nicht jedoch für den ungarischen, der vergleichsweise ethnisch homogen strukturiert ist, d.h. weitgehend nur von Ungarn besiedelt ist.
Die Ergebnisse dieser und noch weiterer Vorgänge und Sachverhalte, d.h. die räumlichen Verteilungsmuster der ethnischen Gruppen, werden in vier Karten des Atlasses Ost- und Südosteuropa festgehalten, und zwar für die Zeitpunkte bzw. Zeiträume 1890, 1930/31, 1949/53/56 und 1990/91/92. Bei dieser Dokumentation handelt es sich um eine besonders beachtliche Leistung hinsichtlich der Informationen, die für sie gesammelt wurden, und ihrer kartographischen Präsentation. Sie ist eine große Hilfe, ja unverzichtbar für alle Historiker, Geographen, Demographen, Ethnologen, Linguisten und andere Fachwissenschaftler, die sich mit der Geschichte und Landeskunde des Banats befassen. Besonders hervorzuheben sind auch die methodischen Reflexionen von PETER JORDAN über die Kartographie, die dem Begleittext vorausgehen. Den Kartenautoren ist es gelungen, die Verzerrungen der Daten, die dadurch zustande kamen, dass Volkszählungen verschiedener Staaten verwendet werden mussten, und dass sie sich auf verschiedene Zeiten beziehen, durch umsichtige Interpretationen der Quellen zu minimieren. In diesem Sinne wurde auch der Diagrammmethode in den Karten der Vorzug gegeben. Als Hauptmerkmal der ethnischen Zuordnung wurde die Sprache verwendet.
Höchst verdienstvoll ist ebenso die Erarbeitung des Begleittextes durch JOSEF WOLF. Die Darstellung geht weit über eine Karteninterpretation hinaus. Behandelt werden die politische Geschichte des Raumes, die Demographie, die Migrations-, Siedlungs- und Kolonisationsprozesse, interethnische Kontakte und Konflikte, die Regionalentwicklung, die Geschichte der einzelnen ethnischen Gruppen und anderes mehr. Problematisch werden aber die Ausführungen dann, wenn mit modernen Begriffen wie ,Raumvorstellungen' und ,Regionalbewusstsein' auf historische Sachverhalte eingegangen wird, auch wenn dies in der Literatur zuweilen anzutreffen ist. Selbst bei noch so viel Aufwand an Literatur- und Quellenauswertung bleibt unklar, wie im Nachhinein z.B. Regionalbewusstsein festgestellt werden kann.
Jedoch soll mit dieser kritischen Anmerkung die enorme Leistung des Verfassers nicht geschmälert werden, auch nicht mit dem Hinweis darauf, dass an manchen Stellen lange Schachtelsätze die Lektüre etwas beeinträchtigen.
67 Tabellen, ein voluminöses Register (etwa 140 Seiten) sowie ein etwa ebenso umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis ergänzen dieses wichtige Werk.
Autor: Wilfried Heller

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 1, S. 126

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