Evelyn Edson, Emilie Savage-Smith und Anna-Dorothee von den Brincken: Der mittelalterliche Kosmos. Karten der christlichen und islamischen Welt. Darmstadt 2005. 128. S.

Dass im christlichen Mittelalter die Wissenschaften im Allgemeinen sowie Kartographie und Weltbildvorstellungen im Besonderen ein verkümmertes Dasein führten und vor allem ihren Entsprechungen im Bereich des islamischen Mittelalters weit unterlegen gewesen seien, ist seit langem unbestritten und in zahlreichen Werken der Kartographiegeschichte und der Historischen Geographie dokumentiert. Verdienstvollerweise wiederholt das anzuzeigende Werk diese allzu einfache Klischeevorstellung nicht unwidersprochen, sondern bemüht sich um eine nach Teildisziplinen der Kartographie differenzierte Sichtweise.

Ein wesentliches Anliegen der drei Autorinnen ist es, herauszustellen, dass Kartographie und Weltbildvorstellungen sowohl im christlichen wie auch im islamischen mittelalterlichen Kulturkreis auf griechischen Vorbildern der Antike aufbauten und sowohl auf unterschiedliche Weise wie auch zu wechselnden Zeiten unterschiedlich intensiv diskutiert und weiter entwickelt wurden. In den lateinischen Westen kam das kosmologische Wissen der griechischen Antike über römische Schriftsteller, Enzyklopädisten und Neuplatoniker, während es in die islamische Welt über Byzanz gelangte. Bereits im 9. Jahrhundert verfügte man unter arabischen Gelehrten über vollständige Übersetzungen antiker Wissenschaftler, aber erst im 12. Jahrhundert führte der Kontakt zwischen islamischer und christlicher Welt, insbesondere in Spanien und Sizilien, zu einem Erwachen wissenschaftlicher Disziplinen des christlichen Abendlandes. Zu den Gemeinsamkeiten gehörten vor allem die Weiterentwicklungen in den Bereichen der Astronomie und der Mathematik, die - auf dem ptolemäischen System der Astronomie aufbauend - zunächst von der Gelehrtenschule in Bagdad zum Almagest weiterentwickelt und dann im 12. Jahrhundert zur Erklärung christlicher Weltbildvorstellungen übernommen und modifiziert wurden. Unklar bleibt hingegen, warum andere antike Vorgaben, wie etwa die Vorstellungen über den Himmelsglobus des Claudius Ptolemaios im islamischen Kulturkreis nicht angenommen wurden. Selbst die überaus geistreiche "Geographie" des Ptolemaios, die der islamischen Welt vollständig über lange Zeit zur Verfügung stand, wurde nicht in vollem Umfang aufgegriffen - die Autorinnen schreiben sogar von "nicht begriffen" (S. 121). Der ideale Entwurf, Lage- und Flächentreue über ein Koordinatensystem klar festzuhalten, wurde lediglich zur Erstellung von Horoskopen und zur Bestimmung der Qibla herangezogen.
Am weitesten von jeder Wissenschaftlichkeit entfernt waren zweifellos die mittelalterlichen Mappae Mundi des christlichen Abendlandes. Neben einem - ebenfalls auf antiken Vorläufern basierenden - TO-Schema kennzeichnete ihre Karteninhalte die Darstellung der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, d.h. es wurden Abbilder der realen mittelalterlichen Welt auf einer Karte zusammen mit vergangenen geschichtlichen Begebenheiten, Motiven aus dem Alten und dem Neuen Testament sowie sagenhaften Gestalten aus dem Reich der Phantasie gezeigt. Einen praktischen Nutzen als Modelle der Welt oder gar als Orientierungshilfen besaßen diese Karten nicht. Sie dienten vielmehr als Illustrationen textlicher Quellen und zur Erklärung der göttlichen Weltordnung. Die mittelalterliche Kartographie der islamischen Welt war - obwohl der abendländischen an Realitätsnähe vielfach überlegen - ebenfalls nicht bzw. nur bedingt von praktischem Nutzen. Zwar fehlten ihr, da sie keine religiösen Funktionen zu erfüllen hatte, die ideologischen Vorgaben der christlichen Kartographen, jedoch kam die arabische Kartographie des Mittelalters auch ohne diese Fesseln nicht wesentlich über dieses Stadium Raumstrukturen illustrierenden Textschmucks hinaus. Dies gilt sowohl für Darstellungen des mediterranen Raumes als auch für die Weltkarten, welche die wichtigen Handelsrouten nach Ostafrika und Südasien zeigten. Welt- und Erdteilkarten waren im islamischen Mittelalter zwar nicht religiösen Einschränkungen unterworfen, jedoch stärker als dem Realitätsbezug den Gesetzen von Kalligraphie und harmonisierter Geometrie zugeordnet.
Wenn man sich der Definition anschließt, dass ein wesentliches Charakteristikum mittelalterlicher Karten und Kartenwerke der islamischen wie der christlichen Welt die Abwesenheit von praxisbezogener Wissenschaftlichkeit darstellt, dann bedeutet das Aufkommen der Portolane das Ende des kartographischen Mittelalters. Diese Kartenform taucht mehr oder weniger unvermittelt im 13. Jahrhundert auf (älteste erhaltene Portolankarte von 1290) und steht sehr wahrscheinlich mit der Einführung des Kompassgebrauchs in Zusammenhang, dessen Herkunft bis heute nicht eindeutig geklärt ist und von dem lediglich festzustehen scheint, dass er weder aus dem islamischen noch aus dem christlichen Kulturkreis des Mittelalters entstammt.    
Autor: Andreas Dittmann

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 2, S. 203

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