Stephan Lanz: Berlin aufgemischt: abendländisch, multikulturell, kosmopolitisch? Die politische Konstruktion einer Einwanderungsstadt. Bielefeld 2007. 432 S. 

Berlin verändert sich schnell, immer noch. Nachdem sich Monographien wie die von Häußermann und Kapphan (2000), Borst und Krätke (2000), Berndt (2003) und Holm (2006) mit den überwiegend negativen sozialen, sozialräumlichen und wirtschaftlichen Dimensionen dieses Wandels auseinandergesetzt haben, beschäftigt sich Stephan Lanz in seinem Buch (das gleichzeitig seine Dissertation ist) mit der „politischen Konstruktion einer Einwanderungsstadt“ Berlin. Sein Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, in dem man auch in Deutschland zumindest auf städtischer Ebene beginnt, die Realität der Einwanderung anzuerkennen. In Berlin wird diese sich allmählich ändernde Wahrnehmung in dem von Lanz in der Einleitung aufgegriffenen Motto „BĘŘŁŸÑ under Construction“ deutlich, mit dem seit 2004 die Publikationen des Berliner Integrations- (und nicht mehr Ausländer-)beauftragten versehen sind. Von diesem Ausgangspunkt versucht Stephan Lanz in seiner Arbeit, die politischen und wissenschaftlichen Grenzziehungen nachzuzeichnen, die die gesellschaftliche Positionierung von Einwanderung in Berlin bestimmten und heute bestimmen.

Anhand einer ausführlichen, rund 100 Seiten starken Analyse von Sekundärliteratur richtet sich der Blick zunächst auf die letzten 300 Jahre Einwanderungspolitik – von den Hugenotten bis zum Fall der Mauer. Seine These, dass die historischen Entwicklungen und Diskurse der Einwanderung ein wichtiges Fundament für aktuelle Entwicklungen darstellen, belegt Lanz eindrucksvoll anhand vieler erstaunlicher Kontinuitäten, die er zutage fördert: So erweisen sich aus jüngerer Zeit bekannte Phänomene wie die Zwangsrotation von Arbeitern, die an den Arbeitgeber gebundenen Aufenthaltstitel und die Ausbeutung dieser Abhängigkeit durch die Arbeitgeber, Razzien gegen Papierlose und Ausweisungswellen bereits als wesentliche Elemente der politischen Regulation osteuropäischer Einwanderung im Kaiserreich (S. 31ff.). Lanz identifiziert dabei Rassismus (vor allem den mit fundamentalen Differenzen operierenden differenziellen Rassismus) als Leseanleitung für die weitgehende Kontinuität institutioneller Praktiken und der ihnen zugrunde liegenden Diskurse in Berlin (S. 86).

Nach dem Mauerfall wird Integration in Berlin zunächst zur Leerstelle, deren Realität man sich von politischer Seite aufgrund vermeintlich größerer Aufgaben entzieht, wie die Aussage des Regierenden Bürgermeisters Diepgen aus der Zeit unmittelbar nach dem Mauerfall verdeutlicht, dass Berlin „gerade jetzt […] keine Einwanderungsstadt werden“ könne (S. 129). Die problematische wirtschaftliche und soziale Entwicklung in der Hauptstadt in der zweiten Hälfte der 90er Jahre, die zu einer deutlichen Demontage der anfangs des Jahrzehnts gehegten Weltstadtphantasien führt, ändern an dieser Linie nichts. Vielmehr wird die Leerstelle nun verstärkt mit Diskursen über das Ghetto und die angeblich gescheiterte Integration gefüllt. Die ungefähr mit dem neuen Jahrtausend einsetzende Wende in der Berliner Integrationspolitik ist nun das Setting für Interviews mit lokalen ExpertInnen, die den Kern der empirischen Analyse des Textes darstellen. Neben Veränderungen wie der Ablösung der großen Koalition durch den rot-roten Senat, einer angesichts der Schuldenkrise zwangsweise revidierten Vision der Stadt, einer verstärkt Aktivierungsansätzen folgenden unternehmerischen Stadtpolitik sowie der zunehmenden Orientierung des Stadtmarketings an der Subkultur, zeichnet sich die bereits eingangs erwähnte Neuorientierung der Berliner Einwanderungspolitik ab. Sie ist auch geprägt von der Vorstellung, dass Einwanderung und verbesserte Teilhabe durchaus „im staatlichen Interesse“ (S. 209) sein können. Dieser Neukonstruktion der Einwanderungsstadt Berlin geht Stephan Lanz nun in Interviews mit zum Teil hochrangigen Vertretern der Berliner Integrationspolitik auf den Grund.

In 26 anonymisierten Interviews wurden 34 Akteure aus der Kommunal- und Landespolitik, aus den vier wesentlichen Parteien, aus Behörden und der Zivilgesellschaft befragt. Die Inhalte der Interviews unterzieht Lanz gemeinsam mit einigen zentralen politischen Dokumenten einer Diskursanalyse, in der es darum geht, die wichtigsten Bausteine und story lines des aktuellen Einwanderungs- und Integrationsdiskurses in Berlin zu identifizieren. Lanz identifiziert Berlin-Bilder, den Begriff der Integration und den der Kultur als die Dreh- und Angelpunkte des Diskurses um die Einwanderungsstadt Berlin. Dabei ist bemerkenswert, dass die zentralen Begriffe und Bilder aller drei Felder je nach politischer Position mit diametral gegensätzlichen Inhalten gefüllt werden. So wird von manchem Interviewpartner Integration in erster Linie aus dem Blickwinkel von Chancengleichheit als Grundvoraussetzung betrachtet, während andere unter Integration vor allem die Pflicht der Angleichung von MigrantInnen an einen deutschen Mainstream verstehen. Teile der Akteure der Berliner Integrationspolitik denken Kultur als etwas Pluralistisches, Hybrides und Dynamisches und orientieren sich politisch an Diversity-Ansätzen, während andere Vorstellungen von Kultur diese als weitgehend unveränderliche und ethnisch definierte „zweite Natur“ zur Grundlage ihrer Position zur Integration machen (S. 341). – Alle benutzen dieselben Begriffe und meinen völlig Gegensätzliches. Dass dies auch zu gänzlich konträren Vorstellungen von politischen Prioritäten und Idealbildern der Stadt führt, liegt auf der Hand. Lanz stellt diese Gegensätze in einem Schema dar, das die Stadt zwischen diversitären und assimilativen Konzepten von Integration in zwei Lager teilt. Auch wenn die Grünen stärker auf der einen und die CDU stärker auf der anderen Seite stehen, lässt sich keine politische Partei ausschließlich auf einer Seite dieses großen integrationspolitischen Grabens verorten.

Lanz zieht ein vorsichtig positives Fazit seiner Betrachtung, insofern es in Berlin in den vergangenen Jahren einen Trend zur Anerkennung der Realität der Einwanderung im gesamten politischen Spektrum gegeben habe. Daneben gibt es zum ersten Mal einen von einigen zivilgesellschaftlichen und MigrantInnenorganisationen immer wieder geforderten, und nun von der Regierungsseite aufgegriffenen breiteren, strategischen und sachlichen Zugang zur Integration. Dieses ehrgeizige integrationspolitische Programm ist noch keine Realität geworden und auch in den Berliner integrationspolitischen Reflexionen, die Lanz in den Interviews untersucht, zeigt sich ein weitgehend fehlendes Problembewusstsein für (institutionellen) Rassismus und Diskriminierung. 

„Berlin aufgemischt“ bietet eine sehr anregende und angemessen kritische Perspektive auf die Einwanderungsstadt Berlin, ihre Vergangenheit und Gegenwart. Die detailreiche Darstellung zeichnet sich durch den langen Zeitraum, der hier abgedeckt wird, durch die politische Perspektive und das besondere Interesse, das der Stadtentwicklung zuteil wird, aus. Anstelle ausführlicher Theorie- und Methodenteile wurde hier versucht, einige zentrale Themen (Rassismus, Entwicklung der Migrationsforschung etc.) in Form von Exkursen einzustreuen, was manchmal verwirrt, aber inhaltlich anregend ist. Über Berlin hinaus veranschaulicht das Buch die vorsichtige Neuorientierung in der städtischen Einwanderungs- und Integrationspolitik, weg von einer kulturalistischen und hin zu einer sachlicheren, an Chancengleichheit und Rechten orientierten Perspektive, die sich auch in anderen Städten abzeichnet. Städte, die zu diesem Wandel nicht bereit sind, werden nicht nur auf kurz oder lang in ökonomischer Hinsicht abgehängt, sondern erzeugen aus sich selbst heraus immer wieder neuen sozialen Sprengstoff. Lanz warnt jedoch davor, diese Erkenntnis und die daraus resultierende Neuorientierung für unumkehrbar zu halten. Vielmehr unterliege die „Diskursformation Einwanderungsstadt Berlin“ letztlich einer „unberechenbaren Dynamik“ (S. 378). Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass parallel zur beschriebenen Entwicklung in immer weiteren Kreisen vom Scheitern der Integration (S. 14) die Rede ist, kulturalistisch exklusiv bzw. offen rassistisch argumentiert wird und Leitkulturdiskurse und Assimilationsforderungen an die Einwandernden immer noch in politische Programme gegossen werden, wie zuletzt die Diskussion um die Einbürgerungstests zeigte.

Autor: Dirk Gebhardt

Quelle: Die Erde, 139. Jahrgang, 2008, Heft 3, S. 276-278

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