Frank Meyer: Die Städte der vier Kulturen. Eine Geographie der Zugehörigkeit und Ausgrenzung am Beispiel von Ceuta und Melilla (Spanien/Nordafrika). Stuttgart 2005. (Erdkundliches Wissen, Band 139). 318 S.

Der Autor setzt sich in seiner Habilitationsschrift mit einem Phänomen kolonialen Ursprungs auseinander. Die Städte Ceuta und Melilla liegen zwar auf dem afrikanischen Kontinent jenseits des Mittelmeeres, sind jedoch seit 1580 bzw. 1497 spanische Exklaven, die von marokkanischem Hoheitsgebiet umgeben sind. Damit liegen die Städte an der afrikanischen Küste des Mittelmeeres auf der territorialen Grenze zwischen Europa und Afrika. Hinzu kommt, dass sich hier zugleich seit der Reconquista, der christlichen Rückeroberung der iberischen Halbinsel Ende des 15. Jahrhunderts, gewissermaßen eine offizielle religiös-territoriale Grenze zwischen Christentum und Islam befindet. "Wer ist fremd an diesen Orten?" fragt der Autor.

Dabei wird dem Leser bald klar, dass die so gestellte Frage nur einen Teil der bearbeiteten Problematik umgreift: "Wer ist wie wem fremd an diesen Orten?" müsste die Frage eigentlich lauten. Klarer wird die Themenstellung bei der Zieldefinition der vorgelegten qualitativen Studie: Der Verfasser will "aus geographischer Perspektive einen empirisch fundierten Beitrag zu der allgemeinen sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskussion um Zugehörigkeit und Ausgrenzung - einschließlich des Themas "Fremdheit" - sowie zur Konstruktion kollektiver Identitäten" (9) leisten.
Die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung beider Städte spielt dabei die ausschlaggebende Rolle. Gegenwärtig leben in beiden Städten mehrheitlich spanische Christen und daneben viele muslimische Marokkaner. Hinzu kommen eine jüdische und eine hinduistische Minorität. Im offiziellen Duktus wird in den Städten selbst die Bevölkerung nach den sogenannten "vier Kulturen", das heißt nach der Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft entweder der Christen, Muslime, Hindus oder Juden differenziert. Verwirrend ist zunächst der Titel der Arbeit "Die Städte der vier Kulturen", da man eher an "die Städte der vier Religionen" oder an eine "Kultur der vier Religionen" denkt. Aber nach der Lektüre wird deutlich, dass die offiziellen Bestrebungen der Stadtväter von Melilla, die das normative Image vom harmonischen Zusammenleben aller ethnischen und religiösen Gruppen zur offiziellen Selbstdarstellung ihrer Städte verwenden, zum Titel der Studie gemacht wurde.
Die Arbeit ist in sechs Kapitel gegliedert. Ausführlich schildert der Autor mit Fragestellung, Konzeption und Methodik den theoretischen Rahmen der Untersuchung. Dabei werden mit "kollektive Identität", "politics of identity" und "politics of culture" sowie "Macht" und "Territorialität" die tragenden theoretischen Begriffe der Studie herausgearbeitet. Die qualitativ angelegte Arbeit setzt sich hauptsächlich mit Texten und mit Diskursen in den beiden Städten auseinander, um die gestellte Problematik zu bearbeiten. Relativ breiten Raum nimmt die Schilderung der wichtigen historischen Entwicklung von Ceuta und Melilla ein, die aus unterschiedlichen Perspektiven beim muslimischen Al-Andalus ansetzt und bis zu christlichen "Siegesfeiern" im Jahr 2000 in Melilla ausgebreitet wird. Es folgen Ausführungen zu Bevölkerungsentwicklung, Segregation und zu den sozioökonomischen Dimensionen des alltäglichen Lebens der Menschen in den genannten Städten. Im vierten Kapitel kommt das zentrale Thema der Studie zur Darbietung: die "vier Kulturen" und die Politik kollektiver Identitäten oder besser ausgedrückt, die Behauptung der christlich fundierten españolidad gegenüber den Ansprüchen von muslimischen Gruppen. Dabei spielen nach dem Urteil des Autors die Berber-Bewegungen sowie die hebräische und die hinduistische Gemeinschaft nur eine untergeordnete Rolle. Im fünften Kapitel werden die empirischen Ergebnisse nochmals im Licht des theoretischen Ansatzes diskutiert, bevor eine kurze informative Zusammenfassung in deutscher und englischer Sprache die Studie abschließt. Leider sucht man vergebens eine spanische Version der Zusammenfassung.
Anerkennung verdient die Arbeit insbesondere deshalb, weil sie deutlich macht, dass die metatheoretische Erkenntnis, nach der jegliches Wissen über die Welt auf subjektiven Konstruktionen und Zuschreibungen beruht, nicht damit übereinstimmt, wie die "Beforschten" ihre eigenen lebensweltlichen Konstruktionen und Zuschreibungen erleben. Kollektive Identitäten, so der Autor, erscheinen den meisten "als sehr real, an sich gegeben und teilweise handlungsbestimmend" und sie haben für die beteiligten Menschen weniger einen konstruktiven oder imaginären Charakter. Alltagsweltlich erfolgen gegenseitige "essentialistische Zuschreibungen", die wiederum die gelebte soziale Wirklichkeit konstituieren! Dies macht deutlich, dass geographische Theoriebildung hier stärker von dichten lebensweltlichen Beschreibungen ausgehen sollte; jedenfalls darf nicht unterstellt werden, philosophische oder wissenschaftstheoretische Meta-Erkenntnisse würden auch von den Probanden empirischer Erhebungen geteilt.
Die erzielten Ergebnisse beziehen sich auf die durch Katholizismus und Nationalismus geprägte Geschichte beider Städte, wobei der anhaltende politische Konflikt permanent die alltägliche Lebenswelt der Menschen beeinflusst. Diesen übergeordneten Rahmenbedingungen setzen die politisch verantwortlichen Akteure den Diskurs und die Praxis der "vier Kulturen" entgegen, um so differente kulturelle Praktiken in friedlicher Gemeinsamkeit zu ermöglichen. Dennoch verdeutlichen die stark ausgeprägte räumliche Segregation und die wertenden gegenseitigen Imagezuschreibung die großen Differenzen zwischen den Bevölkerungsgruppen beider Städte. Die empirischen Teile der Arbeit zeigen die Vertrautheit des Autors mit dem Gegenstand seiner Forschung. Frank Meyer hat einen wichtigen Beitrag sowohl zur empirischen Kenntnis des Alltagsleben in beiden untersuchten Stadtgesellschaften als auch zur Theorie kollektiver Identitäten von religiös und national geprägten Gemeinschaften geleistet. Seine Studie macht darüber hinaus deutlich, welch gravierende Rolle "historische Kontinuität" bzw. erinnerte "Ereignisgeschichte" sowie die "räumliche Dimension" für die Gestaltung des Alltagslebens spielen. Die Studie ist insbesondere aufgrund der aktuellen Diskussionen über das Zusammenleben verschiedener Kulturen in einem nationalstaatlichen Territorium uneingeschränkt zu empfehlen.
Autor: Anton Escher

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 51 (2007) Heft 3/4, S. 259-260






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