Colin Flint (Hg.): The geography of war and peace. From death camps to diplomats. Oxford, New York 2005. 465 S.

Um es vorweg zu sagen: Dieser Sammelband ist ein wichtiges, ausgesprochen empfehlenswertes Buch, das fast ausschließlich geographische Beiträge zum Menschheitsthema Krieg und Frieden enthält, ein Thema, das auch im 21. Jahrhundert leider alles andere als erledigt ist.

Den insgesamt 20 Beiträgen des Sammelbandes liegt kein vereinheitlichtes Begriffsverständnis zugrunde. Dies macht eine sachlich angemessene Offenheit gegenüber Gewaltkonflikten aller Art möglich, die behandelten Themen reichen entsprechend vom "klassischen" Staatenkrieg bis zu neuen Formen gewaltsamer, inner- oder transstaatlicher Konflikte ("neue Kriege", Ressourcenkriege), zu denen seit "9/11" auch der internationale Terrorismus gerechnet wird. Krieg ist nach Auffassung des preußischen Militärtheoretikers von Clausewitz eine Form der Tyrannei, durch die Lebensschicksale und Weltsicht nicht nur von unmittelbar Beteiligten und Betroffenen, sondern ganzer Generationen gravierend und mit lang anhaltender Wirkung beeinflusst werden. Und Krieg ist immer Gewaltanwendung, die auf das Töten von Menschen, auf physisches Verletzten und Zufügen körperlicher Schmerzen abzielt. Diese lebensweltliche Seite des Themas bei aller wissenschaftlichen und damit notwendig auch abstrakt-theoretischen Reflexion nicht aus dem Blick zu verlieren, ist dem Herausgeber ein wichtiges Anliegen, dem der Rezensent nur nachdrücklich zustimmen kann.
Zwischen Geographie und Krieg gab es schon immer eine starke machtbezogene Affinität, meistens in der Form, dass Politik und Militär Wissen, Instrumente und Methoden zur Verfügung gestellt wurden, die zur strategischen Raumbeherrschung, aber auch für das taktische Verhalten auf dem Gefechtsfeld benötigt wurden. Selbst wenn man die parteiische deutsche Geopolitik vor dem Zweiten Weltkrieg außer Acht lässt, hatte die traditionelle geographische Auseinandersetzung mit Krieg und (deutlich weniger) mit Frieden insofern mit einem neopositivistischen Wertfreiheitsideal nie viel zu tun. Auch die Autoren des vorliegenden Bandes teilen das Grundverständnis einer normativen Wissenschaft, freilich das einer kritischen Politischen Geographie, die durch die Analyse und das bessere Verständnis kriegerischer Auseinandersetzungen Beiträge zur Eindämmung und Vermeidung von Gewaltkonflikten sowie für tragfähige Friedenslösungen leisten will: "Remaining ignorant of war, and hence being unable to act against it, only benefits the warmongers." (4)
Aus Sicht des Herausgebers kann die Geographie insbesondere durch die Bearbeitung von Themen wie Territorialität, Grenzen/Grenzziehung, Regionalisierung, räumliche Netzwerkbeziehungen und Verflechtung von Maßstabsebenen zu einer kritischen Friedens- und Konfliktforschung beitragen. Räumliche Strukturen werden als veränderliche und veränderbare soziale Konstrukte verstanden, die ständig produziert, reproduziert, aber auch wieder destruiert werden (z. B. Definition von Staatsgrenzen, Entstehen gewaltoffener Räume oder von no go areas in großen Städten). Im ersten Abschnitt des Bandes werden Grundlagen von "geographies of war and peace" erörtert. Hervorzuheben sind hier die Beiträge von Hermann van der Wusten über den Zusammenhang von Krieg, Gewalt und Entwicklung sowie von John O'Loughlin über die neuen Formen transstaatlicher kriegerischer Konflikte im 21. Jahrhundert, die sich im Schatten der US-amerikanischen Hegemonie entwickeln. Im Hauptteil "geographies of war" werden unter anderem die Bedeutung von nationalstaatlicher Territorialität und von Religion, die Formierung ethnonationaler Identitäten, der Wandel geschlechtsspezifischer Rollenmuster in kriegerischen Auseinandersetzungen sowie die räumlichen Herausforderungen eines religiös motivierten Terrorismus und des darauf bezogenen Antiterrorkrieges thematisiert. Aus wirtschaftsgeographischer Sicht verdienen die Beiträge über die Geographie von Ressourcenkriegen (Philippe Le Billon), über die Politische Ökologie von Drogenwirtschaft, Gewalt und Globalisierung (Michael K. Steinberg/Kent Mathewson) sowie über die Ressource Wasser als Konfliktauslöser und -gegenstand (Leila M. Harris) besonders hervorgehoben zu werden. Der letzte Abschnitt ist den "geographies of peace" gewidmet und diskutiert die mögliche friedensstiftende Wirkung sozialer Bewegungen sowie von Diplomatie, aber auch von Militärbündnissen wie der NATO. Hinzuweisen ist auf den abschließenden Beitrag über Probleme des Wiederaufbaus nach dem Ende kriegerischer Konflikte, ein Themenfeld, das nicht nur für die Geographie von wachsender Bedeutung ist und das hier mit einer Fallstudie über das nördliche Afghanistan illustriert wird (Brendan Soenecken). Man wünscht sich, Politiker würden vor folgenreichen Entscheidungen über Krieg und Frieden vermehrt Beiträge wie diesen, aber auch andere aus dem angezeigten Band zur Kenntnis nehmen. Schon allein deshalb sollte jede geographische Fachbibliothek den von Colin Flint herausgegebenen Sammelband bereithalten.
Autor: Helmut Schneider

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 51 (2007) Heft 3/4, S. 260-261

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