Gerhard Ahlbrecht: Preußenbäume und Bagdadbahn. Deutschland im Blick der französischen Geo-Disziplinen (1821-2004). Passau 2006 (Studien zur Interkultur 2). 573 S.

Diesem nach Inhalt und Umfang gewichtigen und in seiner Detailanalyse ungemein dichten Werk in einer kurzen Rezension gerecht zu werden, ist praktisch unmöglich. Der umfassend belesene und mit akribischer Detailgenauigkeit (um nicht zu sagen: Detailbesessenheit!) vorgehende Autor hat ein weit verstreutes, teilweise an sehr entlegenen Stellen publiziertes Schrifttum aufgespürt und ausgewertet - und das für den Zeitraum zwischen dem frühen 19. Jahrhundert und der rezenten Vergangenheit. Eingebettet in die Diskussionen um Fremdwahrnehmung und verstanden als Beitrag zur interkulturellen Kommunikation, setzen sich Verfasser und Studie zum Ziel, Deutschland im Blick der französischen Geo-Disziplinen zu analysieren.

Dabei wird unter dieser multiplen Disziplinarität Geographie, Geopolitik und Geostrategie verstanden; eine Differenzierung, der man aus fachwissenschaftlich-geographischer Sicht wohl nur mit Vorbehalten folgen mag. Des ungeachtet ist es vielleicht gerade diese Facettierung der Geographie, die die folgende Analyse so anregend, gelegentlich irritierend, immer aber auch provozierend werden lässt. "Preußenbäume" steht dabei übrigens als Metapher für die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmende politische Konsolidierung Deutschlands unter preußischer Ägide, äußerlich durch planmäßige Baumpflanzungen im Sinne von "forêts de grenadiers bien alignés" dokumentiert, strukturell durch eine weitgehende "intoxication prussienne" des deutschen Kulturraums. Die "Bagdadbahn" wird dagegen als Symbol eines von Frankreich als "ungezügelten territorialen und ökonomischen Expansionsdrangs" nach 1871 gesehen.
Die Analyse der einseitig auf die Wahrnehmung Deutschlands in der französischen Geographie ausgerichteten Untersuchung zentriert sich um zwei Fragestellungen, die den Kern der Studie ausmachen. Zum einen geht es um die Wahrnehmung des germanischen Nachbarn in der Zeit zwischen 1871 und 1945. Dabei wird "Deutschland als Herausforderung" gesehen, in geographisch-fachdisziplinärer Sicht ebenso wie auch aus militärgeographischer Sicht. Zur Erläuterung dieser Sichtweisen beruft sich der Verfasser u.a. auf die Familie Reclus und die tiefe Prägung, die Elisée Reclus durch Carl Ritter erfahren habe. Auch die deutschlandspezifische Auswertung französischer Fachzeitschriften und insbesondere der Annales de Géographie sowie der Publikationen und Stellungnahmen der französischen Militärakademien dienen als Bewertungsgrundlage. Dabei glaubt der Verfasser, eine akademische Überlegenheit und Vorherrschaft der deutschen Geographie einerseits, eine zunehmende Sorge einer durch Fachwissenschaft und geographische Zentrallage des Landes geförderten Superiorität Deutschlands andererseits im geographischen Schrifttum Frankreichs ausmachen zu können. Vor allem den Feststellungen von E. Reclus und Vidal de la Blache und der Annales-Schule wird bei dieser Argumentation großes Gewicht beigemessen. Ähnliche Wahrnehmungen werden auch der französischen Militärgeographie zugeschrieben, wobei allenfalls starke Vorbehalte gegen die "prussification" Deutschlands benannt werden. Dass gerade hier auch die Rolle des Rheins als "natürlicher Grenze" zwischen Frankreich und Deutschland betont wird, ist nicht überraschend. Dass sich die aus geographischer Sicht positiv-kritische Perzeption des östlichen Nachbarn nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Friedensvertrag von Versailles nachhaltig verändert, ist bekannt und wird vor allem an der Person von E. de Martonne und seiner Schule festgemacht. Dennoch bleibt ein irritierendes Fazit dieses Zeitabschnitts, wenn der Verfasser - trotz eindeutig reduzierter Diskussion der Rezeptionsgeschichte Deutschlands zwischen 1918 und 1945 - abschließend konstatiert: "Aus dem Bewußtsein eigener Schwäche und Verwundbarkeit entsteht im französischen geostrategischen Denken die bekannte Sicherheitspsychose, das Glacisdenken (Rheinland) und ganz allgemein eine Defensivstrategie, die ihm dann ja auch diplomatisch mit München (1938) und militärisch mit der ‚étrange défaite' (Marc Bloch) zum Verhängnis werden sollte."
Das zweite große Hauptkapitel befasst sich mit den "Deutschlandwahrnehmungen in den französischen Geo-Disziplinen zwischen 1945 und 2004: Zwischen Banalisierung und Sorge". Zunächst ist auch hier die große Belesenheit, allerdings auch die fokussiert-selektive Wahrnehmung des französischen Schrifttums bemerkenswert. Als Kernpunkte der Textanalysen dienen hier vor allem Zeitschriften, die Annales de Géographie, L'Espace de Géographie, die geopolitisch ausgerichtete Hérodote um Yves Lacoste sowie weitere Publikationen und Institutionen von Korinman's "Karolingischen Europa" über das Festival International de Géographie bis hin zur "Relaisstation" Genf. Es würde zu weit führen, die auch hier immer wieder durch französische Textpassagen als Belege dienenden und überwiegend positiven Deutschland-Perzeptionen zu kommentieren. Dies gilt umso mehr, als in den folgenden Kapiteln nochmals gesondert auf das in französischen Fachzeitschriften vermittelte Deutschlandbild vergleichend eingegangen wird. Wenn es sich hierbei auch um eine im Wesentlichen rezipierende Wiedergabe der französischen Diskussionen handelt, so wird deutlich, dass insbesondere die Vereinigung der beiden Deutschländer 1989ff. sowohl die Befürchtungen neuen Hegemonialstrebens als auch die Rolle Deutschlands im Zusammenhang mit den EU-Erweiterungen ganz offenkundig die französische geopolitische Diskussion in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt hat. Kapitel VI schließlich behandelt die "Deutschlandwahrnehmung in der französischen Schulgeographie", wobei man unter Verweis auf die umfangreichen Studien des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung (das auch zitiert wird!) auf dieses Kapitel sicherlich hätte verzichten können.
Was bleibt als Fazit dieser Studie? Der Verfasser benennt als herausragende Themen der französischen Geographie und ihrer Deutschlandrezeption "le pangermanisme", "la Mitteleuropa" und "la Bagdadbahn" als Metapher deutscher Expansionsgelüste, Berlin, München, Frankfurt und Hamburg als "les villes qui ont fait l'Allemagne", Le Rhin und La Ruhr als Kernräume deutscher Natur- und Kulturlandschaft, ihre Wirtschaftskraft, die organische Verbindung von akademischer Forschung und industrieller Produktion sowie die Rolle des "droit du sang" gegenüber eines französischen "droit du sol". Es bleibe dahingestellt, ob das so ist. Sehr viel kürzer und prägnanter hat der von G. AHLBRECHT immer wieder zitierte PAUL CLAVAL in einer kurzen Studie mit dem Titel "L'Allemagne vue par les géographes français" (1997) das Thema dieser Studie auf (s)einen Punkt gebracht. Und in Umfang und Detail des hier angezeigten Buches liegt denn vielleicht auch dessen Problematik: die teilweise akribische Dokumentation der Aussagen durch Originalzitate, weit über 1.800 Fußnoten (von denen nicht wenige mehr als 50% der Textseiten einnehmen; im Extremfall stehen 5 Zeilen Buchtext 37 Zeilen Fußnoten entgegen!). Gerade diese im "kritischen Apparat" verborgenen Zusatzinformationen einschließlich ihrer bibliographischen Angaben machen Lektüre und Nachvollzug der Gedankengänge und Argumentationslinien nicht immer einfach, enthalten sie doch z.T. wesentliche, auch die Hauptpassagen relativierende Mitteilungen. Ein 50-seitiges Quellen- und Literaturverzeichnis, zahlreiche Zitate aus persönlichen Gesprächen mit Vertretern gegenwärtiger Geowissenschaften in Frankreich und Deutschland, ein bibliographischer Anhang über Hauptvertreter der französischen Geographie - alles dieses stellt wertvolles Material dieser im Fach Romanische Kulturwissenschaft angefertigten Dissertation dar und rundet den Text ab. Ob eine fachspezifische Einbettung in den geographiegeschichtlichen Kontext Frankreichs (vgl. dazu z.B. P. CLAVAL: Histoire de la Géographie française de 1870 à nos jours. Paris 1998) immer zu gleichen Bewertungen kommen würde, mag man bezweifeln. Interessant aber wäre auf jeden Fall eine ähnlich detaillierte, wenngleich etwas "schlankere" Aufarbeitung der deutschen Wahrnehmung Frankreichs aus geographischer Sicht!    
Autor: Eckart Ehlers

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 3, S. 294-295



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