Christian Berndt und Johannes Glückler (Hg.): Denkanstöße zu einer anderen Geographie der Ökonomie. Bielefeld 2006. 168 S.

Sozialwissenschaftliches Denken empfohlen!
Wie können Theorien und Konzepte aus den Sozialwissenschaften in die Wirtschaftsgeographie Eingang finden? Welche Folgen mag ein solcher Input auf die Disziplinentwicklung haben und in welcher Weise dürfte sich die Sichtweise der Wirtschaftsgeographen auf ihr Erkenntnisobjekt verändern? Was können die Sozialwissenschaften umgekehrt von der Wirtschaftsgeographie lernen?

Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt dieses anlässlich der Pensionierung von Professor EIKE W. SCHAMP, Frankfurt, vorgelegten Buches.
Das Anliegen des Buches ist es zu zeigen, dass das gezielte Aufgreifen von Theorien und Denkansätzen aus den Sozialwissenschaften die Entwicklung der Wirtschaftsgeographie beeinflussen und vom bisherigen Mainstream wegführen kann. Schon in der Formulierung des Titels wird dieses übergeordnete Ziel der Herausgeber und Autoren - ozialwissenschaftliche Ideen in die Wirtschaftsgeographie zu tragen und das Fach dadurch umzugestalten - deutlich: Mit dem Erdenken einer "anderen" Wirtschaftsgeographie geht es um die zukünftige Ausrichtung des Faches.
Das Buch vermittelt die potentiell richtungsweisenden "Denkanstöße" auf drei Ebenen. Erstens fordern die Herausgeber und Autoren dazu auf, den interdisziplinären Austausch von Ideen zu kultivieren und dadurch Möglichkeiten der wechselseitigen Befruchtung zu eröffnen. Zweitens versucht das Buch, etablierte Fachbegriffe, die mit dem
wirtschaftsgeographischen "Mainstream" in Verbindung gebracht werden, durch andere zu ersetzen und sich damit inhaltlich zu positionieren. Auffällige Beispiele sind die Wendungen "Geographie der Ökonomie" oder "Geographical Economics", letztere als Ersatz für den etablierten Terminus "New Economic Geography". Drittens zeigt die Auswahl der präsentierten sozialwissenschaftlichen Ansätze, wohin die Reise gehen soll: Diskutiert werden Vorstellungen aus dem Bereich der "heterodoxen" Theoriebildung, die weitgehend auf vereinfachende Annahmen und Modellierungen sowie das Unterstellen rationalen individuellen Verhaltens verzichten, andererseits aber den entscheidungsdeterminierenden Charakter sozialer Beziehungen betonen.
Einem einführenden Kapitel der Herausgeber folgt die Präsentation ausgewählter theoretischer Überlegungen durch vier namhafte Autoren. TREVOR BARNES benennt in seinem Beitrag generelle Vorteile des Austauschs wissenschaftlicher Ideen und plädiert für eine "pluralistische, für alle Positionen offene" Wirtschaftsgeographie. RON MARTIN erläutert das Konzept der Pfadabhängigkeit. Er postuliert, dieses Konzept könne die Entstehung ökonomischer Landschaften erklären, gibt aber einschränkend zu bedenken, dass dem Konzept eine überzeugende Theorie wirtschaftlichen Handelns fehle und es keine Aussage über den Ort der Entstehung bestimmter Pfade machen könne. Die Entwicklung des Netzwerkbegriffs und dessen Anwendung in der Wirtschaftsgeographie zeichnet GERNOT GRABHER nach. Er weist in seinem Beitrag in erfrischender Weise auf Missverständnisse und Umdeutungen des Begriffes hin, die sich bei vordergründiger Adaption einstellen können. Letztlich plädiert er dafür, in einer anderen Wirtschaftsgeographie "wirtschaftliches Handeln nicht bloß als sozial eingebetteten Prozess zu betrachten, sondern fundamental als sozialen Prozess zu begreifen". ASH AMIN wendet sich dem Begriff der kulturellen Ökonomie zu, d.h. einer Perspektive, die Wirtschaft als "kulturelle Praxis" auffasst. Stärker als die vorgenannten Autoren betont er, dass das Verständnis der Kultur-Ökonomie voraussetzt, Wirtschaft als Ergebnis einer Vielzahl gleichrangiger Inputs, z.B. Geld und Wissen, Regeln, Organisationsformen und Unternehmenskulturen, materieller Infrastruktur, Vertrauen und Leidenschaft, zu sehen.
Das Buch ist ein kohärenter und klar positionierter Beitrag zur wirtschaftsgeographischen Fachdiskussion. Es bietet einen interessant, engagiert und gewitzt formulierten Zugang zu den ausgewählten Denkrichtungen und Theorien. Daher empfehle ich es allen Fachvertretern zur Lektüre, die neben ihrem Interesse an Wissenschaftstheorie und Disziplinentwicklung etwas über die genannten heterodoxen Theorieansätze erfahren möchten.
Ob das Buch dagegen tatsächlich eine langfristige Hinwendung der Wirtschaftsgeographie zu den genannten sozialwissenschaftlichen Vorstellungen einleitet, erscheint fraglich. Mögen die vorgestellten Konzepte auch inhaltlich nachvollziehbar und zudem überzeugend präsentiert sein, - sie eint ihr Defizit in der Anwendbarkeit auf die konkreten und gesellschaftlich relevanten Forschungsfragen der Wirtschaftsgeographie: Einerseits kann es den bewusst breit und offen gehaltenen sozialwissenschaftlichen Theorien, die Vereinfachungen und inhaltliche Beschränkung ablehnen, nicht gelingen, die prinzipiellen raumwirksamen Mechanismen der Wirtschaft zu isolieren, zu erklären und zu prognostizieren. Sie bleiben notgedrungen beschreibend. Zweitens argumentieren auch diese Ansätze aus einer eingeschränkten Perspektive, pointiert formuliert, dem Primat des Sozialen. Sie blenden die Existenz bewusster individueller Entscheidungsfreiheiten aus, die sich in Abhängigkeit von Persönlichkeitsmerkmalen und gleichzeitig weitgehend unabhängig von einer sozialen Determinierung einsetzen lassen. Die langfristige Ausstrahlung der hier diskutierten Ansätze auf die Wirtschaftsgeographie sollte somit nicht überschätzt werden.     
Autor: Ingo Liefner

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 3, S. 296-297

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