Lars Frers: Einhüllende Materialitäten. Eine Phänomenologie des Wahrnehmens und Handelns an Bahnhöfen und Fährterminals. Bielefeld 2007. 300 S.

Die moderne Wissenschaftsgeschichte lässt sich unter verschiedenen Perspektiven rekonstruieren. So z. B. auch unter dem Aspekt immer abstrakter werdender terminologisch-konzeptioneller Systeme. Begriffe und Konzepte können als erkenntnistheoretische Masken verstanden werden, die wie Brillen fungieren, durch die die Welt in voreingestellten Aufmerksamkeiten erkannt wird. Gegenüber den Dingen des täglichen Lebens erweisen sich aber gerade abstrakte Analysewerkzeuge mitunter als wenig hilfreich. Sie haben einen Überschuss an Kontingent. Dieser Umstand mag Lars Frers dazu bewogen haben, sich der Materialität von Bahnhöfen und Fährterminals - beispielhaft für viel andere menschliche Umgebungen - zuzuwenden.

Die Methode des Autors ist die der unvoreingenommenen Annäherung. Deren Erträge werden in protokollartigen Beschreibungen eigenen Befindens und in Videoaufzeichnungen über den tätigen Umgang mit Dingen dokumentiert ("reflektierte Introspektion"). Frers Passagen durch die Welt der Ankunfts- wie Ab- und Durchreiseorte generieren eine Reihe von Konzepten, die die Befunde strukturieren und Beobachtungen durchschaubar machen sollen. Von zentraler Bedeutung sind die drei Bewegungsphasen bzw. -rhythmen, die man im "Gebrauch" von Bahnhöfen und Fährterminals "durchläuft": (a) Betreten und Orientieren, (b) Durchqueren und (c) Sich-Aufhalten.
Der Autor will in seinem phänomenologisch verstandenen Projekt die Dinge und ihre räumlichen Wirkungen in den Blick nehmen; Theorien sollen folglich eine nachgeordnete Rolle spielen. Der daraus resultierende erkenntnistheoretische Purismus erklärt sich aber nicht aus der Methode der Phänomenologie, verzichtet diese doch nicht a priori auf Theorie. Ihr erklärtes Ziel ist es vielmehr, die Abstraktionsbasis des analysierenden Denkens tiefer am gelebten Leben auszurichten als das (z. B.) in den Sozialwissenschaften üblich ist. Auch der phänomenologische Weg der Erkenntnis vollzieht sich in einem terminologischen Rahmen, der seinerseits eine Terminologie repräsentiert. Der Verf. orientiert sich zwar an Merleau-Pontys Wahrnehmungstheorie, entscheidet sich in der Umsetzung seiner Forschung aber für einen scheinbar "reinen" Weg der Erkenntnisgewinnung durchs eigene Selbst. So diskutiert er allein aufgrund eigener (Selbst-)Beobachtungen z.B. die Frage, wie eine Tür auf die Bewegung menschlicher und dinglicher Körper wirkt, was sie bedeutet und wie sie leiblich im Durchschreiten empfunden wird - oder von anderen empfunden werden mag.
Ein Blick auf Simmels, Bollnows, Bachelards oder Heideggers Werke (zur Bedeutung der Tür) hätte die eigenen Forschungserträge nicht gefährdet, sondern in ein weiteres Feld des Denkbaren gestellt. Ein solcher Rückgriff wäre aber dem eigenen Programm zuwidergelaufen, sich eben nicht durch Schon-Gedachtes vom Selbst-Finden abbringen zu lassen.
Eine zentrale Kategorie, die Frers in seinen Studien herausarbeitet, ist die der "Einhüllung". Einhüllungen vermitteln die Selbstgewahrwerdung in einem Milieu (des Bahnhofs, der Fährterminals, aber auch anderer Räume). Einhüllend wirken (von außen) Baustoffe, Barrieren, Zeichen oder Atmosphären. Man hüllt sich aber auch selber ein, indem man die Aufmerksamkeit ausrichtet, sich bestimmten Anregungen gegenüber öffnet und anderen gegen-über verschließt. Strittig dürfte die forschungsmethodische Frage bleiben, ob man über das Studium von Videosequenzen überhaupt erfahren kann, wie andere Menschen eingehüllt werden und sich einhüllen. Die Studie liefert eine Fülle von Befunden zur Bewegung von Menschen in transitorischen Räumen sowie zur Steuerung von Menschenströmen durch räumliche bzw. dingliche Ordnungen.
Dass der Autor dann doch nicht ganz ohne Theorie zu einem Ende kommen will, irritiert insofern, als die nun herangezogenen (z. T. "großen") Theorien wie ein zu spät eingesetzter Kamm Ordnung stiften sollen. So kommen an diesem späten Punkt auch Theorien zur Geltung, die phänomenologisch kaum kompatibel sind. Wenn der Verf. schließlich rückblickend seine Studie als Analyse zur gesellschaftlichen Raumproduktion ausweist, taucht die Frage auf, ob eine solche Analyse nicht einer ganz anderen als einer phänomenologischen Methode bedurft hätte. Aus der Sicht des Rezensenten ist der weitgehende Theorieverzicht nicht mit letzter Konsequenz durchgehalten worden. Zwar sind Theorien in ihren Gebrauchswerten wie Fokussierungs- und Selektionseffekten nicht diskutiert worden. Wenn sie dann aber auf eine gleichsam "unschuldige" Weise "eingeschleust" und diskursiv wie von selbst verwendet werden (so z. B. Handlung, Erfahrung, Eindruck, Situation, Konstellation, Akteur, Leib, Körper), spricht das nicht für ein konsequent kritisches Verhältnis gegenüber der selektiven Funktion wissenschaftlicher Theorien.
Phänomenologie kann nicht ohne saubere Begriffsarbeit gelingen! Das zeigt auch der Gebrauch des am Verständnis der Astronomie (!) orientierten Begriffs der "Konstellation". Als Konstellationen werden nämlich die untersuchten Fähr- und Bahnhofsräume beschrieben. Der Begriff der Konstellation betont Einzelnes einer messbar-relationalen Ordnung im Gefüge anderer Dinge und menschlicher Körper. Der erkenntnistheoretische Effekt des Kon-stellations-Begriffs ist die denotative Isolierung. Ein solcher Blick passt nicht zur Methode der Phänomenologie, die Zusammenhängendes verstehen will und darin jedem erkenntnistheoretischen Atomismus entgegentritt. Die Dinge und Menschen ganzheitlich zusammenhaltenden Bedeutungsgefüge wären mit dem Begriff der "Situation" sicher wirkungsvoller zu analysieren gewesen. Dass indes jede am Begriff der "Ganzheitlichkeit" auch nur vage orientierte sprachliche Wendung infolge des konstruktivistischen Dogmas im sozialwissenschaftlichen Sprechen tabuisiert ist bzw. wäre, diskutiert Frers nicht - vielmehr folgt er dem sprachdisziplinierenden Gebot der Disziplin.
Die Frage nach der Rolle der Materialitäten in der sozialen Welt kann nicht wichtig genug genommen werden. Sich diesem Thema gewidmet zu haben, ist Verdienst des Autors. Ob seine phänomenologische Methode dem gesetzten Ziel wirkungsvoll näher gekommen ist, mag strittig bleiben. Strittig bleibt auch die Frage, welche Materialitäten (und Immaterialien!) einer phänomenologischen Annäherung gänzlich verschlossen bleiben, in unserer zukünftigen Welt aber eine immer größere Bedeutung gewinnen werden (toxische Stoffe, Strahlung, immersive Prozesse, Organsubstitute etc.).
Autor: Jürgen Hasse

Quelle: Geographische Zeitschrift, 95. Jahrgang, 2007, Heft 1 u. 2, Seite 105-106

Kommentar schreiben