Werner Breitung: Overcoming Borders, Living with Borders. Macao and the Integration with China. Macau 2007. 158 S.

Mit der Transformation der ehemaligen sozialistischen Staaten hat sich die Trennwirkung der Grenzen zwischen „West“ und „Ost“ erheblich verändert. Diese Grenzen haben daher seit 1990 die Aufmerksamkeit der geographischen Forschung auf sich gezogen. Während seitdem eine Vielzahl von Studien zur Veränderung der politischen, ökonomischen und kulturellen Rolle der Staatsgrenzen in Mittel- und Osteuropa durchgeführt wurde, liegen zu Grenzen im asiatischen Raum bislang nur wenige Forschungsergebnisse vor. Diesem Mangel versucht der von Werner Breitung vorgelegte Band abzuhelfen. Er setzt sich mit den Auswirkungen der Grenze zwischen Macao und der VR China auf lokale Gesellschaften sowie auf den Alltag der betroffenen Bevölkerung auseinander.

Der Fokus der Untersuchung liegt auf einer Analyse der alltäglichen grenzbezogenen Handlungen und Wahrnehmungen der Bevölkerung sowie der Bedeutung der Grenze für Identitätsbildungen. Mehrere quantitative Befragungen zu den Aktivitäten von Grenzgängern und zur wechselseitigen Wahrnehmung von Insel- und Festlandsbewohnern stellen das empirische Datenmaterial für eine umfassende (vom Autor „holistisch“ genannte) Würdigung der Besonderheit dieser Grenze bereit. Sie werden ergänzt durch vertiefende qualitative Interviews zu den Perzeptionen und Identifikationen der grenznahen Bevölkerung.

Wer angesichts der Absichten des Autors auf detaillierte Rekonstruktionen lebensweltlicher Konfigurationen gehofft hatte, sieht sich allerdings schnell enttäuscht. Allzu Bekanntes, teilweise zuvor von staatlichen Organisationen Erhobenes wird hier in deskriptiver Manier überblicksartig präsentiert. Wie in anderen Grenzregionen auch geht es für die lokale Bevölkerung im Alltag hauptsächlich darum, aus der Nutzung räumlich unterschiedlich verteilter Opportunitäten in Form von Einkommens- und Preisgefällen einen individuellen Gewinn zu ziehen. So haben Einkaufstourismus und die gezielte Nutzung von Infrastrukturen jenseits der Grenze seit Ende der 1990er Jahre erheblich zugenommen. Als lokale Besonderheiten werden der verbreitete Schmuggel von Waren sowie die Einbeziehung von Grenzpendlern in den grenzüberschreitenden Kleinhandel (z. B. als Warenboten) herausgestellt. Es ist nicht zu übersehen: Bei diesem Beitrag handelt es sich trotz der herangezogenen empirischen Ergebnisse lediglich um eine politisch informierte, mit Impressionen aus dem lokalen Alltag angereicherte Länderkunde. Theoretische Hintergründe, die eine systematische sozialwissenschaftliche Erkundung von Perzeptionen, Erfahrungen, Identitäten und Identifikationen erlaubt hätten, werden kaum angelegt. Vergeblich sucht man auch nach problemorientierten Fragestellungen. Die Argumentation wird eher intuitiv entwickelt. Im „qualitativen“ Teil ersetzen lockere Zitate aus dem Interviewmaterial jeweils die Präsentation systematischer, theoretisch angeleiteter Auswertungen und ihrer Ergebnisse. Die fehlende analytische Schärfe kann dann auch durch die häufige Präsentation von Bildmaterial keineswegs kompensiert werden. Auch wenn die Beförderung von “public understanding of science” derzeit gern als Aktivposten einer traditionell alltagswissenschaftlichen Disziplin wie der Geographie eingefordert wird: ein wenig mehr analytische Substanz darf derartigen Versuchen schon zugrunde liegen.

Autor: Hans-Joachim Bürkner

Quelle: Die Erde, 139. Jahrgang, 2008, Heft 3, S. 279-280

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