Nicolai Scherle: Bilaterale Unternehmenskooperation im Tourismussektor. Ausgewählte Erfolgsfaktoren. Wiesbaden 2006. 395 S.

Der internationale Tourismus zählt zu den Wirtschaftsbereichen, bei denen interkulturelle Kooperation und Kommunikation in fast allen Bereichen der Servicekette ein konstituierendes Moment des Agierens der Leistungsträger darstellt. Damit ist dieses Marktsegment sicherlich prädestiniert, Aspekte der interkulturellen Kooperation mit ihren Rahmenbedingungen, Voraussetzungen, Bewertungen und ihrer konkreten Praxis und zu analysieren.

Ziel der an der Katholischen Universität Eichstätt als Dissertationsschrift eingereichten Arbeit von Nicolai Scherle ist es, die interkulturelle Zusammenarbeit vor dem Hintergrund sich ausdifferenzierender Globalisierungstendenzen, dem Cultural Turn in den Kulturwissenschaften und dem aktuellen Stand der Tourismusmanagementforschung zu analysieren. Als regionales Fallbespiel wählt er die Zusammenarbeit zwischen deutschen Reiseveranstaltern und marokkanischen Incoming-Agenturen.
Aufgrund des hohen theoretischen Anspruchs der Arbeit wird der Diskussion von Globalisierungstendenzen und interkultureller Kompetenz großer Raum gewidmet. Die Diskussion über Rolle und Verständnis von kulturellen Dimensionen erfolgt dabei explizit und kompetent vor der Hintergrundfolie der Ansätze zu Cultural Turns - auch in der Geographie. Auf hohem Niveau werden konzis zentrale Paradigmen reflektiert und auf ihre Relevanz für die Tourismuswissenschaften hin überprüft. Hier ist dem Verfasser ein überzeugender Überblick über Leitparadigmen der aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskussion gelungen, der insbesondere auch Studierenden einen guten Überblick vermittelt.
Für die konkrete empirische Untersuchung werden als zentrale strategische Erfolgsfaktoren Vertrauen, Konflikt- und Beschwerdemanagement sowie die Rolle von Mediatoren einbezogen. Kooperation wird dabei als Prozess aufgefasst, der von den beteiligten Akteuren mit unterschiedlichen Vorerfahrungen und Erwartungshaltungen vollzogen wird. Die einzelnen Phasen der Kooperation, von der Kontaktaufnahme über die Angebotsgestaltung, den Umgang mit Beschwerden und Konflikten sowie die Bilanzierung der Kooperation und der Rolle von Vertrauen im interkulturellen Umgang stellen dementsprechend die relevanten Analyseaspekte dar.
Als zentrale empirische Basis fungieren problemzentrierte Interviews mit Akteuren beider Seiten. Die Auswertung ist eine dichte Beschreibung des konkreten Blue-Prints der Kooperationen, mit dem die Komplexität internationaler Unternehmenskooperationen anschaulich vor Augen geführt wird. Die relevanten Facetten werden anschaulich und durch entsprechende prägnante Zitate gut illustriert aufbereitet. Allerdings gelingt es dem Verfasser im empirischen Teil nur partiell, den Bogen zu den eingangs aufgespannten theoretischen Rahmenbedingungen zu spannen.
Gleichwohl kann der Band auch als überzeugendes Plädoyer dafür verstanden werden, interkulturelle Kompetenz als wichtiges Desiderat von geographischer Ausbildung anzusehen, dessen Stellenwert sich künftig noch weiter erhöhen dürfte.
Insgesamt handelt es sich um einen Band der auf hohem Niveau einen Beitrag zur geographischen Tourismusforschung liefert und sicherlich eine Vielzahl von Impulsen für weitere Forschungsaktivitäten - weit über den engeren Kontext der Tourismusgeographie hinaus - gibt. Dass der - in der Arbeit selbst formulierte - theoretische Anspruch im empirischen Teil nicht ganz eingelöst werden kann, schmälert den Gewinn der Lektüre nur unerheblich. Die Arbeit ist ein umfassendes Kompendium zu einer Vielzahl von Facetten der interkulturellen Zusammenarbeit von Unternehmen.
Autor: Andreas Kagermeier

Quelle: Geographische Zeitschrift, 95. Jahrgang, 2007, Heft 1 u. 2, Seite 109

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