Peter Barber (Hg.): Das Buch der Karten. Meilensteine der Kartographie aus drei Jahrtausenden. Darmstadt 2006. 360 S.

Das mit Farbkarten und Fotos reichhaltig ausgestattete Werk hat sich zum Ziel gesetzt, einen Überblick zur Entwicklungsgeschichte der Kartographie von den ersten belegbaren Anfängen bis zu modernen Methoden der digitalen Bildverarbeitung zu schaffen.

Diesen hoch ambitionierten Anspruch erfüllt das Werk in idealer Weise. Die einheitlich gestaltete Aufmachung des Bandes zeigt Karten oder Ausschnitte von Karten in hervorragender Wiedergabequalität auf den jeweils rechten Seiten und gegenüberliegend eine dazu ge-hörende, etwa einseitige Kurzbeschreibung. Schnelle Orientierung über das Besondere am jeweils gezeigten Kartenbeispiel wird dabei über eine die Überschrift ergänzende Kopfzeile erreicht, so dass man sich rasch entweder für eine Vertiefung in den Kommentartext oder zum Weiterblättern entscheiden kann. Insbesondere die hohe Druckqualität, die Mannigfaltigkeit und Repräsentativität der ausgewählten Beispiele sowie insbesondere die lebendige Form der Textkommentare machen das Buch der Karten zu einem Lesevergnügen besonderer Art, bei dessen Genuss man zunächst gar nicht bemerkt, wie viel Neues man dabei lernt.
Schon am Anfang wird der interessierte Laie, aber auch der kartographiegeschichtlich versierte Fachmann verwöhnt mit ausgezeichneten Abbildungen der berühmten frühesten Zeugnisse von Karten bzw. kartenähnlichen Werken. In chronologischer Reihenfolge werden hier bekannte und weniger bekannte kartographische Höhepunkte gezeigt. Die Übersicht beginnt mit der ca. 3.500 Jahre alten Felsbildkarte von Bedolina im Val Camonica Oberitaliens, zeigt mit einer Tontafel-Skizze von Nippur (Mesopotamien) den ältesten bekannten Stadtplan und führt über ägyptische Papyrus-Karten, unter denen die berühmte Nubische Goldminenkarte eigenartiger Weise fehlt, sowie eine Darstellung des Babylonischen Weltbildes hin zu den beeindruckenden Zeugnissen antiker Kartographie aus dem griechisch-römischen Kulturkreis. Dabei hält sich die Übersicht sinnvollerweise strikt an eine chronologische Reihung, welche die Kartenwerke dort einordnet, wo sie zeitlich erstmals nachgewiesen werden können, auch wenn sie dabei zum Teil ältere bzw. schon zu ihrer Entstehungszeit als historisch einzustufende Karteninhalte wiedergeben. Dies gilt insbesondere für die Tabula Peutingeriana, die Ebstorfer Weltkarte und die dieser vom Duktus her verwandten Weltkarte von Hereford. Die folgenden Beispiele mittelalterlicher Kartographie stellen bewusst Abbilder der realen Welt, die vor allem aus dem islamisch geprägten Mittelmeerraum stammen, solchen des christlichen Europa gegenüber, welche sich stärker auf die Darstellung religiöser Inhalte und die phantasievolle Ausgestaltung von Jenseitswelten konzentrieren. Dabei verfällt der Herausgeber nicht in alte klischeehafte Simplifizierungen, die christliche Karten des Mittelalters generell als unwissenschaftlich und allein arabische Karten dieser Zeit als Meilensteine der Kartographie ansahen, sondern wendet sich modernen synoptischen Interpretationsrichtungen zu (siehe dazu die Rezension von EDSON, SAVAGE-SMITH und VON DEN BRINCKEN in ERDKUNDE 61/2, 2007, S. 203).
Insbesondere die vom Herausgeber ausgewählten frühneuzeitlichen Karten stammen zum großen Teil aus britischen Archiven. Dadurch wird eine Vielzahl von Spezialkarten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Entdeckerkarten außereuropäischer Gebiete, berühmte Atlassammlungen und Geheimkarten, denen kriegsentscheidende Bedeutung zugemessen wurde, schließen sich an. Unter der Überschrift "Aus alt mach neu" stellt der Band die Machwerke englischer Kartenhändler vor, die ab dem 18. Jahrhundert in großem Stil dazu übergingen, eigentlich längst veraltete Karten durch das Hinzufügen aktueller Randnotizen oder das Einzeichnen wichtiger Schlachten und Jahreszahlen zu recyceln, um auf diese Weise ihre Ladenhüter loszuwerden - eine Publikationspolitik, von der man bisweilen den Eindruck haben könnte, dass sie bis heute von einer bemerkenswerten Persistenz gekennzeichnet ist (siehe dazu ERDKUNDE 60/2, 2007, S. 181 und 61/4, 2007, S. 383).
Unter den Kartenbeispielen aus dem letzten Jahrhundert befinden sich einige besonders bizarre Exemplare, deren Beschreibung sich der Band mit besonderer Hingabe zu
widmen scheint. Dazu gehören etwa von US-Ölkonzernen in Auftrag gegebene Straßenkarten, die Lust zum Reisen mit dem eigenen PKW machen sollten, um so den Benzinverbrauch anzukurbeln, Fluchtkarten, die der englische Brettspielhersteller Waddington Ltd. auf Stoff und Seide druckte, damit sie beim Durchsuchen in Gefangenschaft geratener alliierter Piloten nicht so leicht entdeckt werden konnten, eine Vielzahl topographischer Phantasiekarten zur Verschleierung militärischer Anlagen, geheime Wiederansiedlungspläne für displaced persons, die bereits in Auftrag ge-geben wurden, bevor die die entsprechenden Flüchtlingsbewegungen auslösenden Ereignisse überhaupt eingetreten waren, und sogar utopische Künstlerprodukte, wie eine hoch detaillierte topographische Karte aus Japan, die Hiroshima und Pearl Harbor als gemeinsame Insel zeigt. Der Band klingt mit Beispielen zur GIS- und Satellitenkartographie aus und schließt mit der fast schon philosophischen Frage, ob diese neuen Techniken das Ende der Kartographie markieren oder aber ein neues Kapitel der faszinierenden Entwicklungsgeschichte dieser Disziplin aufschlagen.
Autor: Andreas Dittmann

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 4, S. 372

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