Holger Gnest und Markus Schöfer: Ansätze für eine zukunftsfähige Raumplanung. Stand und Perspektiven in Praxis und Ausbildung. Hannover 2006 (Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Arbeitsmaterial 324). 57 S.

In diesem Band der etablierten "Grünen Reihe" der ARL geht es zum einen darum, den Stand und Stellenwert der Raumplanung im Spannungsfeld von Planungsverwaltungen und Politik zu beleuchten; zum andern werden die raumplanungsrelevanten Studiengänge insbesondere im Hinblick auf ihre Arbeitsmarktfähigkeit hin analysiert.

Zur Frage des Stellenwertes der Raumplanung - wobei hier der Akzent auf Landes- und Regionalplanung liegt und die Ebene der kommunalen Planung praktisch ausgeblendet bleibt - wurde ein erlesener Kreis von Bundestagsabgeordneten und Experten aus Planungspraxis und Wissenschaft befragt. Bei den Aussagen der Abgeordneten erleichtert zunächst, dass hinsichtlich der Frage der Abschaffung der raumordnerischen Rahmenkompetenzen des Bundes noch einmal deutlich "Entwarnung" gegeben wird. Das Modell der kommunalen Verfassung der Regionalplanung wird gegenüber dem staatlichen Modell präferiert und eine Beschränkung auf die Kernthemen der Raumplanung gefordert. Bei der Diskussion der Themen fällt auf, dass in der Einschätzung der Politiker vor allem die klassischen ordnungs-politischen Themen der Landes- und Regionalplanung - Siedlungsentwicklung, Verkehrstrassen sowie Steuerung des großflächigen Einzelhandels - in den Vordergrund gestellt werden. Die entwicklungspolitische Komponente der Regionalplanung, der sich die Fachakteure und die begleitende wissenschaftliche Diskussion seit Jahren stärker verpflichtet sehen, steht demgegenüber weitaus weniger im Bewusstsein der befragten politischen Mandatsträger.
Die Experten aus dem Landes- und Regionalplanungsbereich artikulieren die Mängel der Raumplanung: Sie könne der Politik - auch aufgrund unterschiedlicher Handlungslogiken - zu wenig anbieten, habe mit knapperen Ressourcen zu kämpfen; einer stärkeren Entwicklungsorientierung stünden fehlende eigene Finanzmittel entgegen. Als thematische Herausforderungen der Regionalplanung werden "Dauerbrenner" wie der Abbau räumlicher Disparitäten aber auch neue Themen wie die Strategische Umweltprüfung und die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie gesehen.
Im Ergebnis wird von den Autoren vor allem das Image der Raumplanung als "Verhinderungsplanung" und ein Bedeutungsverlust der Raumplanung in der Politik diagnostiziert, ein Fazit, das nicht nur durch die Expertenmeinungen, sondern auch durch Fakten zu belegen ist (z.B. institutionelle Abwertung der Raumordnung im entsprechenden Bundesministerium, Dominanz von Verkehrsthemen in den politischen Ausschüssen). Die Konzentration auf ausgewählte ordnungspolitische Themen, das Ringen mit anderen Ressorts im Ausloten entwicklungspolitischer Spielräume und die bessere Öffentlichkeitsarbeit: Dies sind Forderungen für eine zukunftsfähige Landes- und Regionalplanung.
Insgesamt sind die Erkenntnisse aus diesem Abschnitt zwar nicht ganz neu, interessant ist jedoch die Kontrastierung der Einschätzungen der politischen mit denen der Fachakteure. Sie machen deutlich, dass die Raumplanung trotz gewisser Bedeutungsverluste sehr wohl auf einen politischen Grundkonsens bauen kann, der sie jedoch klar auf ihre ordnungspolitischen Kernkompetenzen festlegt. Der Eindruck des Bedeutungsverlustes der Raumplanung scheint somit auch ein hausgemachter zu sein, der aus dem hohen Steuerungsanspruch der Fachakteure u.a. auch in Richtung entwicklungspolitischer Themen resultiert.
Während der Teil zur Einschätzung der Raumplanung in Politik und Praxis in erster Linie grundsätzlich nicht unbekannte Erkenntnisse strukturiert und verifiziert, wird bei der Analyse der universitären Angebote zur Raumplanung in Deutschland praktisch Neuland betreten. Im Fokus steht hier die Frage nach den Konsequenzen der Neuorientierung der Ausbildung im Zuge des "Bologna-Prozesses", insbesondere der Ersetzung der Diplom- durch Bachelor- und Masterstudiengänge. Methodisch stützt sich die Untersuchung hier ebenfalls auf die Ergebnisse der Expertengespräche, vor allem aber auch auf eine umfassende Analyse der zum größten Teil neuen Studienangebote: Insgesamt wurden in Deutschland 46 raumplanungsrelevante Studienangebote ermittelt; an der Spitze die Raumplanungsvollstudiengänge an den Universitäten Dortmund und Kassel, der Hafencity-Universität Hamburg und den Technischen Universitäten Berlin, Cottbus und Kaiserslautern sowie - gemeinhin weniger bekannt - an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen.
Im Ergebnis diagnostiziert die Analyse vor allem eine, verglichen mit anderen Ingenieurstudiengängen, unterdurchschnittliche Umstellungsquote in Bezug auf die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge. Die Bewertung der Studiengänge durch die Experten fällt ambivalent aus: Auf der einen Seite wird den Studiengängen gute "Employability" bescheinigt, Interdisziplinarität und mögliches Eigenengagement der Studierenden werden als positiv herausgestellt. Es mangele aber andererseits vielfach an der fachlichen Tiefe. Kommunikations-, Präsentations- und Managementfähigkeiten auf der Seite der "Soft-Skills", ökonomische, immobilienwirtschaftliche und Kenntnisse empirischer Analysemethoden aus dem Katalog des "Hard-Knowledge": Vor allem hier werden Defizite in der Ausbildung gesehen. Die Aussagen der Experten beziehen sich allerdings vermutlich weitgehend noch auf ältere eigene Erfahrungen mit den Studiengängen und weniger auf die Neuausrichtungen. Es wird angemerkt, dass sich das Problem der fehlenden Tiefe in den Bachelor-Studiengängen noch verstärken könnte. Ein durchgängiger Niveauverlust durch die neuen Abschlüsse wird von den Experten insgesamt allerdings nicht befürchtet.
Dieser Teil des Bandes liefert eine Fülle interessanten neuen empirischen Materials. Jedoch kann die Bewertung der neuen Studiengänge erst in Ansätzen erfolgen: Zum einen, da die Bachelor-/Master-Umstellungsprozesse vielerorts noch nicht abgeschlossen sind, zum andern, da hierzu eine deutlich tiefere Analyse der einzelnen Studienangebote erforderlich gewesen wäre als es hier leistbar war, um z.B. einschätzen zu können, inwieweit bei den Neukonzipierungen auf die von den Experten o. g. neuen Arbeitsmarkterfordernisse reagiert wurde.
Im abschließenden Kapitel wird versucht, die beiden Untersuchungsstränge zusammenzuführen. Dies kann allerdings - vor dem Hintergrund der für die Untersuchung zur Verfügung stehenden Ressourcen - nur zum Teil gelingen. Zum einen aufgrund der oben angeführten nur oberflächlich möglich Analyse der Ausbildungsstudiengänge. Zum andern durch den grundsätzlichen "Mismatch" der Untersuchungsgegenstände hinsichtlich der räumlichen und Planungsebenen: Die im zweiten Teil des Bandes näher untersuchten Studiengänge bilden ja nicht nur Absolventen für die Bereiche Landes- und Regionalplanung aus, sondern - und dies sogar überwiegend - für den Bereich der kommunalen Planung; im Fokus des ersten Teils des Bandes steht aber lediglich die Landes- und Regionalplanung. Umgekehrt sind weiterhin in den Bereichen der Landes- und Regionalplanung ausgebildete Raumplaner bei weitem nicht in der Mehrheit; vor allem Geographen, Volkswirte und Juristen stehen ihnen als Absolventengruppen gegenüber und sind zumindest auf der Ebene der Landesplanung sogar deutlich in der Mehrheit.
Nun ist zu vermuten, dass die festgestellten Defizite und Akzeptanzmängel auch für die anderen Ebenen der Raumplanung zutreffen, insofern ist der oben diagnostizierte Mismatch auch nicht überzubewerten. Um fundiert zu beurteilen, inwieweit die neuen Studiengänge der Raumplanung dazu beitragen können, das politische Akzeptanzdefizit der Raumplanung zu beseitigen, bedürfte es jedoch vor allem einer wesentlich detaillierteren Analyse der neuen Studiengänge auch im Hinblick auf ihren Output. Im Rahmen dieses Bandes war dies nicht intendiert. Jedoch kann dieser, insofern er Bewertung von Praxis und Ausbildung der Raumplanung aus fachlicher und politischer Sicht zusammenzuführen versucht, längst fällige und lesenswerte Band, an dem vor allem auch die sorgfältigen Zusammenstellungen (z.B. über die Ressortwechsel der Landesplanungen im längeren Zeitablauf) gefallen, viele Ansatzpunkte für eine solche vertiefende Analyse geben.
Aus Sicht der Geographie sei abschließend die Anmerkung nicht verschwiegen, dass Vergleiche von Absolventenbefragungen darauf hindeuten, dass die Raumplanungsstudiengänge im Vergleich zu den Geographiestudiengängen bereits in der Vergangenheit vermutlich eine insgesamt höhere Employability ihrer Absolventen aufweisen können. Dies ist vermutlich vor allem auch auf die bereits in den siebziger Jahren erfolgte konsequente Ausrichtung in Richtung eines Projektstudiums zurückzuführen, was auch bei aktuellen Umstellungen der Geographiestudiengänge nach den Vorgaben des Bologna-Prozesses anregend sein sollte!
Autor: Christian Diller

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 4, S. 376-377

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