Tao Wang: Förderung von High-Tech-Unternehmen und High-Tech-Entwicklung in China und Deutschland. Die Beispiele Shanghai und Niedersachsen. Hamburg 2006 (Hannoversche Geographische Arbeiten 59). 181 S.

Drei Gründe haben mein Interesse an der Arbeit über die Förderung von High-Tech-Unternehmen in China und Deutschland geweckt und mich motiviert, die Dissertation von Frau TAO WANG zu lesen. Erstens besteht nach wie vor ein gewisses Forschungsdefizit bezüglich der Wirtschaftsförderungspraxis auf regionaler Ebene. Die Wirtschaftsgeographie hat in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl neuer leistungsfähiger Konzepte und theoriegeleiteter Ansätze hervorgebracht. Jedoch wurde die Umsetzung dieser Erkenntnisse in die konkrete Förderpraxis von Seiten der Fachvertreter noch zu wenig diskutiert, ausprobiert oder gar evaluiert. Es sind in den letzten Jahren einige neue und inhaltlich gut ausgearbeitete Lehrbücher zur Wirtschaftsgeographie vorgelegt worden, welche die konzeptionelle Vielfalt und die damit verbundenen theoretischen Erkenntnisgewinne aus wirtschaftsgeographischer Perspektive gut verarbeiten. Jedoch lediglich im Werk von STAUDACHER (2005) findet sich ein eigenständiges Kapitel zur Steuerung wirtschaftlicher Regionalsysteme durch gezielte Wirtschaftsförderungspolitiken. Vor dem Hintergrund, dass die regionale Wirtschaftsförderung ein wichtiges Berufsfeld für Wirtschaftsgeographen darstellt, erscheint es sinnvoll zu sein, die Anwendung und Umsetzung der theoriegeleiteten Konzepte stärker als bislang zu thematisieren und wissenschaftlich zu analysieren.
Zweitens erscheint der Blick von außen auf das High-Tech-Fördersystem in Deutschland reizvoll. Wie werden die deutschen Förderinstrumente von einer chinesischen Wissenschaftlerin aufgearbeitet, welche Stärken und Schwächen werden herausgestellt und welche Erkenntnisse aus Deutschland scheinen auf den chinesischen Kontext übertragbar zu sein? Gibt es umgekehrt Anregungen aus der chinesischen Förderpraxis, die sinnvoll in das deutsche System implementiert werden könnten?
Drittens ist China zum wichtigen Empfängerland deutscher Direktinvestitionen der Industrie geworden und auch die deutschsprachige Wirtschaftsgeographie hat in den letzten Jahren einige sehr lesenswerte Studien über verschiedene Aspekte des Wirtschaftsstandorts China vorgelegt. Insbesondere DEPNER (2006) hat dabei die Bedeutung kultureller Unterschiede gelungen herausgearbeitet. Die Zweigwerke deutscher Unternehmen treffen in China auf ein Umfeld, in dem die aus Deutschland gewohnte Organisation von Produktionsabläufen in der Regel nicht funktioniert. Vor ähnlichen Schwierigkeiten dürften auch die Wissenschaftler aus Deutschland stehen, die sich mit wirtschaftsgeographischen Fragestellungen zu China empirisch beschäftigt haben, so dass die Arbeit von TAO WANG eine gute Ergänzung bezüglich der deutschsprachigen wissenschaftlichen Literatur über China zu sein verspricht, zumal die Autorin im Gegensatz zur Mehrheit der ausländischen Wissenschaftler problemlos die entsprechende chinesische Fachliteratur verarbeiten kann.
Den theoretischen Rahmen (Kapitel 2) bilden insbesondere die Bezüge zum Ansatz der Nationalen Innovationssysteme und das Konzept der Regionalen Innovationssysteme sowie der Clusteransatz einschließlich der Clusterpolitik. Trotz wachsender Kritik am Clusterkonzept stellen Cluster nach wie vor den dominanten Ansatz in der deutschen Wirtschaftsförderungslandschaft dar und werden daher zu Recht ausführlich diskutiert. Es schließt sich ein Überblick über die jeweilige Entwicklung des High-Tech-Sektors und die daraus hervorgegangenen räumlichen Schwerpunktregionen in China und Deutschland an, die in einer Darstellung der nationalen High-Tech-Förderinstrumente sowie der Identifizierung der relevanten Akteure in den jeweiligen Ländern mündet (Kapitel 3). Nach dieser Betrachtung der nationalen Ebene erfolgt in Kapitel 4 die Zusammenschau der Fördersysteme auf der regionalen Ebene der ausgewählten Untersuchungseinheiten in Shanghai und Niedersachsen. Da die Verfasserin im Oktober 2003 ein Promotionsstudium der Wirtschaftsgeographie an der Universität Hannover aufgenommen hat, erfolgte die Auswahl Niedersachsens als Untersuchungsregion vornehmlich aus forschungspragmatischen Überlegungen. Aus inhaltlicher Sicht erscheint diese Wahl eher unglücklich, da die Autorin selbst ein Nord-Süd-Gefälle bezüglich der High-Tech-Schwerpunktregionen in Deutschland feststellt und die süddeutschen Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz auf den Spitzenplätzen bezüglich des technologischen Outputs sieht. Auf der regionalen Ebene werden die Ballungen von High-Tech-Unternehmen in den Großstadtregionen München und Stuttgart als die wachstumsstärksten in Deutschland herausgestellt, auf die ein Viertel des FuE-Personals entfällt. Die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit, Vorschläge für die High-Tech-Förderung in Shanghai aus den Erfahrungen über die erfolgreiche bzw. nicht erfolgreiche High-Tech-Förderung in Niedersachsen abzuleiten, hätte eventuell besser erreicht werden können, wenn zusätzlich oder anstelle Niedersachsens der Vergleich mit der Region München vorgenommen worden wäre.
Methodisch wurde in den vorangegangenen Kapiteln die Zusammenschau der nationalen und regionalen Förderinstrumente insbesondere anhand der verfügbaren Sekundärliteratur bewerkstelligt. Im fünften Kapitel erfolgt nun der Vergleich der Förderung von High-Tech-Unternehmen auf der lokalen Ebene anhand von eigenen Primärdaten. Inhaltlich lag der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Analyse des speziellen Förderinstruments der High-Tech-Parks in Shanghai und der Technologie- und Gründerzentren (TGZ) in Niedersachsen. In Shanghai wurde eine standardisierte Vollerhebung der High-Tech-Unternehmen im Shanghaier Stadtbezirk Pudong, in dem auch der Zhangjiang High-Tech-Park gelegen ist, durchgeführt. Mit über 250 verwertbaren Antworten (Rücklaufquote 66%) und 13 anschließenden Interviews zur besseren Einschätzung der gewonnenen Daten wurde eine insgesamt gute Grundlage geschaffen. Im Text hätte meines Erachtens jedoch deutlicher kenntlich gemacht werden können, dass es sich dabei um Daten handelt, die unter dem Label ‚Shanghai Innovation Survey 2003' im Rahmen eines Forscherverbundes erhoben wurden und z.B. auch in der Habilitation von LIEFNER (2005) und der Dissertation von HENNEMANN (2005) zum Einsatz gekommen sind. Die originäre empirische Eigenleistung der Autorin lässt sich somit nicht ermessen oder gar bewerten. Nichtsdestotrotz konnte anhand der insgesamt guten Datengrundlage des Shanghai Innovation Surveys gezeigt werden, dass der High-Tech-Park in Shanghai im Vergleich zu seinen westlichen Vorbildern mehr produktionsorientiert und weniger FuE-orientiert ist. Zudem unterscheiden sich die Unternehmen, die innerhalb des High-Tech-Parks gelegen sind, bezüglich der Tätigkeiten und des Innovationsoutputs nicht signifikant von denen, die außerhalb des Parks lokalisiert sind. Auch die Rolle der multinationalen Unternehmen als wichtige High-Tech-Inkubatoren muss anhand der Untersuchungsergebnisse deutlich relativiert werden, denn der Wissenszufluss hat sich als nicht so stark erwiesen, wie zuvor erwartet, da die Ansiedlungspolitik der ausländischen Direktinvestoren vornehmlich produktionsorientiert gewesen ist.
An der Datenerhebung zur Analyse der niedersächsischen Technologie- und Gründerzentren (TGZ) war Frau TAO WANG nicht beteiligt, sondern hat auf eine ältere Erhebung zurückgegriffen, die im Rahmen des Projekts "Regionalwirtschaftliche Effekte der niedersächsischen TGZ" im Jahr 2001 durchgeführt wurde (als Quelle wird diesbezüglich die Arbeit von LIEFNER 2002 zitiert). Da die Struktur der beiden Untersuchungen aufeinander abgestimmt gewesen ist, ist der Vergleich mit den Erhebungen aus Shanghai möglich. Überraschend neue Erkenntnisse bezüglich des Einsatzes von Technologie- und Gründerzentren als Förderinstrument von High-Tech-Unternehmen konnten aus den bereits publizierten Daten jedoch nicht generiert werden, so dass auch der Textteil dieses Unterkapitels etwas knapp ausfällt.
Insgesamt handelt es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine solide Studie, die interessante Ergebnisse insbesondere im Hinblick auf die Wirtschaftsförderungsaktivitäten in China und den High-Tech-Park in Shanghai vorlegt. Auch aus dem Vergleich der Fördersysteme in Deutschland und China konnten in der Zusammenfassung entsprechende politische Handlungsempfehlungen zur technologieorientierten Existenzgründung in China abgeleitet werden. Die zu Beginn dieser Rezension formulierte Hoffnung, wissenschaftliche Impulse zur regionalen Wirtschaftsförderung durch neue empirische Arbeiten oder eine innovative Grundkonzeption aufgrund der Sicht von außen auf das deutsche System zu erhalten, hat sich aber nicht erfüllt. Der aktuelle Erkenntnisstand wurde gut recherchiert aufgearbeitet, jedoch ohne einen wirklich bemerkenswerten Schritt nach vorne zu gehen.
Literatur
DEPNER, H. (2006): Transnationale Direktinvestitionen und kulturelle Unterschiede. Lieferanten und Joint Ventures deutscher Automobilzulieferer in China. Bielefeld.
HENNEMANN, S. (2006): Technologischer Wandel und wissensbasierte Regionalentwicklung in China. Kooperationen im Innovationsprozess zwischen Hightech-Unternehmen und Forschungseinrichtungen/Universitäten. Wirtschaftsgeographie 35. Berlin, Münster.
LIEFNER, I. (2005): Ausländische Direktinvestitionen und
internationaler Wissenstransfer nach China. Untersucht am Beispiel von Hightech-Unternehmen in Shanghai und Beijing. Wirtschaftsgeographie 34. Berlin, Münster.
-    (2002): 15 Jahre Technologie- und Gründerzentren in Niedersachsen - eine regionalwirtschaftliche Bilanz. Hannoversche Geographische Arbeitsmaterialien 27. Hannover.
STAUDACHER, C. (2005): Wirtschaftsgeographie regionaler Systeme. Wien.
Autor: Ivo Mossig

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 4, S. 389-390

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