Holger Sonnabend: Die Grenzen der Welt. Geographische Vorstellungen der Antike. Darmstadt 2007. 157 S.

Die Geographie der Antike spielt in der modernen geographischen Forschung keine Rolle mehr; selbst die kleine Gruppe der Disziplinhistoriker beschränkt sich in der Regel auf die jüngere Entwicklung des Faches in den letzten 200 Jahren. Das war nicht immer so. Eine wichtige Quelle, aus der heraus sich die akademische Geographie im 19. Jahrhundert entwickelte, war die Alte Geschichte.

Eine ganze Reihe geographischer „Gründerväter“ wie Carl Neumann, Sophus Ruge, Hermann Guthe, Hugo Berger, Joseph Partsch oder Eugen Oberhummer waren gelernte Altertumswissenschaftler und pflegten die „Alte Geographie“. Noch in den Darstellungen von Hanno Beck oder Josef Schmithüsen zur Geschichte der Geographie nimmt die Antike relativ breiten Raum ein. Erst in jüngerer Zeit hat sich mit der „Geoarchäologie“ ein neues Forschungsfeld entwickelt, an dem Altertumswissenschaftler und Geographen (v.a. Geomorphologen) gemeinsam arbeiten.

Das vorliegende Buch stammt von einem Althistoriker. Es will keine umfassende Darstellung der wissenschaftlichen geographischen Kenntnisse der Antike bieten, wie es beispielsweise das klassische Werk Hugo Bergers über die Griechen (2. Aufl. 1903) bildet, sondern es stellt „das geographische Weltbild, unter besonderer Beachtung der äußeren Grenzen“ (S. 8) in den Vordergrund der Untersuchung. Es geht dem Autor also um den Prozess einer allmählichen Erweiterung des räumlichen Erfahrungshorizonts aus der subjektiven Sicht der Griechen und Römer. Als Herangehensweise wählt der Verfasser zwei Wege: In einem chronologisch-biographischen Teil stellt er zunächst die schwierige Quellensituation vor, in einem zweiten, regionalen Teil werden die „Grenzen der Welt“ systematisch nach Himmelsrichtungen vorgestellt. Diese Darstellungsweise führt zwar zu Wiederholungen, erlaubt es dem Leser aber, gezielt bestimmte Informationen – beispielsweise über den germanisch-skandinavischen Raum oder über Asien – zu erhalten. Im letzten Kapitel stellt Sonnabend sieben „Unternehmungen“ über große Distanzen dar, darunter die Kolonisation des westlichen Mittelmeerraums durch Phönizier und Griechen, den Eroberungsfeldzug Alexanders des Großen bis zum Hindukusch und zum Indus und den Zug des Karthagers Hannibal über die Alpen. Aufgrund der schlechten Quellenlage muss zwangsläufig vieles offen bleiben. Sichtlich bemüht ist der Autor, offene Fragen anzusprechen, sich aber nicht zu Spekulationen hinreißen zu lassen. Geheimnisvolle Mythen wie die Frage nach der Identität der Inseln Atlantis oder Thule werden nur am Rande erwähnt, die immer wieder diskutierte Frage, ob antike Völker in der Lage waren, den Atlantik zu überqueren und eventuell nach Amerika gelangt sind, findet keine Erwähnung. Dagegen erfährt der Leser eher beiläufig, dass bestimmte Ereignisse des Altertums bis in unsere Zeit nachwirken, beispielsweise der Balkankonflikt.

Insgesamt ist das Werk ein gelungener Überblick über die räumlichen Kenntnisse der Griechen und Römer. Notgedrungen muss sich der Leser mit zahlreichen Personen- und geographischen Namen vertraut machen; hierbei sind die beiden Register hilfreich. Erstaunlich für ein Buch, das sich eher an ein breites Publikum wendet, ist die Tatsache, dass das Werk fast ohne jede Abbildung auskommt. Hier hätte man sich doch die eine oder andere Karte gewünscht, schon alleine, um die zahlreich genannten Orte und Landschaften zu lokalisieren.

 

Autor: Heinz Peter Brogiato

 

Quelle: Die Erde, 139. Jahrgang, 2008, Heft 1/2, S. 120-121

Kommentar schreiben