Christop Scheuplein: Der Raum der Produktion. Wirtschaftliche Cluster in der Volkswirtschaftslehre des 19. Jahrhunderts. Berlin 2006 (Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 81). 275 S.

Ideengeschichtliche Betrachtungen wirtschaftsgeographischer Themen stellen eine bedenkliche Forschungslücke in der deutschsprachigen wie auch internationalen Literatur dar. Scheupleins Aufarbeitung der ökonomischen Ideengeschichte des Clusterkonzepts leistet einen zentralen Beitrag zur Schließung dieser Lücke. Er zeigt auf, dass Cluster als regionale Ballungen branchennaher Unternehmen bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert wirtschaftswissenschaftlich thematisiert wurden.

Das Buch konzentriert sich hierbei auf die Entwicklung der Clusterforschung in Deutschland und Großbritannien zwischen 1815 und 1890. Die behandelten Theorieströmungen umfassen neben der klassischen Politischen Ökonomie  und der marshallianischen Neoklassik auch die Historische Schule, evolutionäre Ansätze sowie marxistische Positionen. Diese dogmenhistorische Rekonstruktion der wirtschaftswissenschaftlichen Clusterforschung im 19. Jahrhundert wird von einer Auswahl historischer Clusteranalysen abgerundet.
Ausgangspunkt der Darstellung ist die These, dass Cluster in den theoretischen Diskursen des 19. Jahrhunderts als systemische Produktionszusammenhänge aufgefasst wurden. Ihre Relevanz ergibt sich aus der analytischen Fokussierung auf technologische und arbeitsorganisatorische Zusammenhänge industriellen Strukturwandels. Entsprechend geht die ökonomische Untersuchung brachenspezifischer Arbeitsteilung mit der Berücksichtigung steigender Erträge aus industrieller Produktion einher, was wiederum auf die räumliche Integration von Arbeitsprozessen verweist. Im dogmenhistorischen Überblick zeigt sich, dass dieses systemische Verständnis von Clustern mit zunehmend komplexen Argumenten zur produktiven Rolle vonWissen und Lernen verbunden ist.
Erster Anknüpfungspunkt ist die Clusterperspektive der ökonomischen Klassik. Während Adam Smith und seine merkantilistischen Kontrahenten in der Darstellung weitgehend ausgeblendet werden - eine bedauerliche Auslassung des Buches - kommt der Beitrag David Ricardos als produktionstheoretischer Kern der klassischen Politischen Ökonomie um so deutlicher zur Geltung. Daneben werden auch die stärker historisch-empirisch ausgerichteten Beiträge aus dem Umfeld der Deutschen Historischen Schule vorgestellt, insbesondere die Arbeiten von List und Roscher. Hinzu kommt die Debatte um die Rolle des Raumes in der zeitgenössischen "Kritik der Politischen Ökonomie" bei Marx und Engels. In ideengeschichtlicher Hinsicht besonders verdienstvoll sind darüber hinaus die Ausführungen zum Einfluss des Evolutionsdenkens auf Raumkonzepte der Volkswirtschaftslehre des 19. Jahrhunderts, die vor allem am Beispiel Albert Schäffles herausgearbeitet werden. Die Spätklassik um John St. Mill wird mit ihren entsprechenden Bemühungen um eine dynamische Begründung räumlicher Differenzierung präsentiert.
Dies führt zur ideengeschichtlichen Auseinandersetzung mit Alfred Marshalls Arbeiten zur Clusterforschung, die als Höhepunkt der ökonomischen Theorie des 19. Jahrhunderts erscheinen. Tatsächlich verbindet Marshall seine Variante der neoklassischen Produktions- und Preistheorie mit dem empirischen Phänomen der räumlichen Konzentration von Produktionszusammenhängen. Dabei zeigt er, dass steigende Skalenträge im industriellen Sektor wesentlich durch räumliche Konzentration ermöglicht werden. Dies erlaubt es kleinbetrieblichen Clustern, im Wettbewerb mit der großindustriellen Massenproduktion zu bestehen. Die institutionelle und soziale Dimension von Clustern macht Marshall dabei vor allem an der räumlichen Nähe derAkteure fest, deren Interaktionen industriespezifische externe Effekte generieren.
Damit kommt das Buch zu den wirtschaftspolitischen Folgerungen aus der dogmenhistorischen Rekonstruktion der Clustertheorie. Scheuplein betont hierbei noch einmal das allen Strömungen in der Volkswirtschaftslehre des 19. Jahrhunderts gemeinsame systemische Verständnis von Clustern. Der Raum wird dabei vornehmlich als soziale Kategorie interpretiert. Konkrete Politikempfehlungen variieren daher je nach dem Selbstverständnis institutionellen und sozioökonomischen Wandels. So werden Selbststeuerungs- und Interventionsansätze differenziert, die jeweils die Spontaneität der Clusterformierung mit dem politischen Design von Clustern kontrastieren. Auch in diesem Sinne zeigt sich die aktuelle Relevanz ideengeschichtlicher Forschungsbeiträge, für die Christoph Scheupleins Buch ein Paradebeispiel liefert.
Autor: Alexander Ebner

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 52 (2008) Heft 2/3, S. 190-191

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