Christian Hartmann: Die Lernfähigkeit von Clustern. Eine theoretische und empirische Betrachtung. Graz 2006 (Schriftenreihe des Institutes für Technologie- und Regionalpolitik der Joanneum  Research, Band 6). 242 S.

Lässt sich zum stark strapazierten Konzept des Clusters eigentlich noch etwas Neues schreiben? Welchen Mehrwert liefert dieses Buch über das hinaus, was in vielfältigen Variationen schon anderenorts nachlesbar ist? In der Tat findet sich hier einerseits so manches Altbekannte, werden Fragen der Genese, Funktionalität und Erfassung von Clustern wiederum aufgegriffen. Andererseits ergänzt der Autor thematische wie methodische Akzente:

Er diskutiert Aspekte des Lernens bzw. der Lernfähigkeit, somit der nötigen Dynamik von Clustern, entwickelt hierzu einen eigenen konzeptionellen Ansatz und versucht ihn über empirische Untersuchungen auszufüllen. Fünf Beispiele aus der österreichischen Steiermark -statistisch identifizierte Cluster zu den Branchenfeldern Automobil, Metall, Holz, Informationstechnologie und Chemie/Pharma - bieten Einblick in eine Bandbreite unterschiedlicher Akteurskonstellationen und Verhaltensweisen. Der in manchen Teilen überholte Stand der Literaturauswertung (kaum über Publikationsdatum 1999 hinaus) sowie das Alter der erhobenen Daten (Betriebsbefragung 1999) schränken allerdings die aktuelle Gültigkeit der Darstellung ein.
Vor diesem Hintergrund orientiert sich die Bewertung des Buches vor allem an folgenden Fragen: Inwiefern gelingt es dem Autor, Erfordernisse des (kriseninduzierten) Lernens konzeptionell mit der Clusterdynamik zu verknüpfen und neue Erkenntnisse zu generieren? Kann er die potenzielle Lernfähigkeit von Clustern überzeugend empirisch erfassen und mit einer schlüssigen Ableitung regionalpolitischer Empfehlungen verbinden? Die gewählte Grundperspektive ist zweifellos relevant, denn zu Recht wird auf Risiken der Sklerose von Clustern und des Verlusts von Lernfähigkeit hingewiesen. Was den ersten Fragenkreis betrifft, so eröffnet die Zusammenführung von Erkenntissen aus ökonomischen Konzepten des Lernens (u.a. bezogen auf regionale Innovationsprozesse) und Ansätzen organisationalen Lernens aus der Kognitionspsychologie (v.a. Drei-Ebenen-Modell von Argyris und Schön) neue Einsichten in clusterrelevante, von nahräumiger Interaktion abhängige Prozesse. Das hieraus abgeleitete Modell zum Lernen in Clustern und dem Zusammenspiel von Prozessebene, Strukturebene sowie "ontologischer" Ebene (Reichweite der Lernprozesse) ignoriert zwar die Bedeutung regions-/clusterexterner Wissensquellen, weist aber aufgrund der differenzierten Darstellung gute analytische Qualitäten auf.
Die empirische Umsetzung im Zuge von insgesamt 149 Betriebsbefragungen wird jedoch leider weder dem komplexen Modell noch der Grundthematik von clustertypischen Lernerfordernissen gerecht. Leser erfahren zwar, dass die verschiedenen Branchengruppen bzw. (angeblichen) Cluster in der Steiermark unterschiedliche Muster der über-/regionalen Kooperation aufweisen und intern oft nur gering vernetzt sind. Auch differieren ihre Präferenzmuster, was Foren des informellen oder partizipativen Lernens auf betrieblicher oder überbetrieblicher Ebene betrifft (z.B. sind eher Tee-/Kaffee-Ecken oder Lerngruppen bedeutsam, eher Kontakte in Old-boys-networks oder private Gespräche am Rande von Fachtagungen?). Doch bleibt offen, was dort überhaupt gelernt wird, ob das Gelernte wichtig ist und in welcher Hinsicht es möglicherweise die Betriebsentwicklung beeinflusst, ganz abgesehen von Clusterbezügen. So verwundert nicht, dass auch die abschließend formulierten regionalpolitischen Folgerungen für die lernorientierte Clusterförderung oberflächlich bleiben. Der Autor lässt letztlich manches Lernpotenzial unausgeschöpft.
Autor: Martina Fromhold-Eisebith

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 52 (2008) Heft 2/3, S. 191-192

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