Walter L. Bühl: Phänomenologische Soziologie. Ein kritischer Überblick. Konstanz 2002. 449 S.

Bei einer phänomenologischen Soziologie erwartet man die Theorien von und um Alfred Schütz. Bühl zeigt dagegen in instruktiver Weise, inwiefern verschiedene Strömungen der Phänomenologie soziologische Fragestellungen - etwa die soziale Exklusion von Anderen oder die Konstituierung von Sozialität ausgehend vom Anderen - behandeln.

So ist die Frage nach der Intersubjektivität und der Andersheit des Anderen auch schon von Lévinas, Sartre, Merleau-Ponty oder Heidegger behandelt worden (49ff). Um nicht in die "cartesianische Falle" zu geraten, in der die Soziologie seit Comte und Weber stecke, soll die Beziehung zum Anderen der Ausgangspunkt sein. Weil die Soziologie den Anderen nur als Analogon zum Selben (also gar nicht) dachte, konnte sie weder seine konstitutive Rolle für die Subjektivierung, noch die wesentlich nicht-reziproke und asymmetrische Beziehung zwischen ego und Anderem, der eben nicht auf ein alter ego reduzierbar ist, erfassen.
Verf. betrachtet die Phänomenologie von ihrem Ausgangspunkt bei Husserl und Scheler über Edith Stein und Paul Ricoeur bis zu Derrida und Bernhard Waldenfels. Dabei folgt er nicht nur mikrosoziologischen Perspektiven auf Intersubjektivität, Andersheit, "Man" (Heidegger) und Selbst, Lebenswelt, Leiblichkeit, Sinn und Kommunikation, sondern auch makrosoziologischen Fragen nach Institutionen, Gesellschaft und Gemeinschaft. Und er weist auf die verzerrte Rezeption der Phänomenologie in den Sozialwissenschaften hin: Sie habe "eine große Reihe von theoretischen und methodologischen Zugängen eröffnet, die Soziologie hat aber praktisch nur die handlungstheoretische Verkürzung der Husserlschen Phänomenologie durch Alfred Schütz rezipiert (und in einer populistischen ›Lebenswelt‹-Diskussion bzw. in der ›Ethnomethodologie‹ weiterentwickelt), während etwa Pfänder und Stein, Binswanger und Boss sozusagen am esoterischen Rand blieben." (7) Erst allmählich werde die soziologische Relevanz Heideggers oder der französischen Phänomenologen wahrgenommen, meist im verzerrenden Kontext des "Postmodernismus" (ebd.). Ihre Bedeutung für eine kritische Gesellschaftstheorie liege darin, dass ausgehend von Derrida geschlechtliche, sexuelle oder kulturelle Identitäten dekonstruktivistisch unterlaufen werden und Ausschlussmechanismen der quasi-nomologische Boden entrissen wird. - Bühl zieht Verbindungen zwischen Phänomenologie und Soziologie, statt erstere nur als Protosoziologie zu behandeln. Auch überzeugt, dass er von einer theoretischen und methodischen "Mehrstimmigkeit" der Phänomenologie ausgeht, wobei erst nach "Analyse der Problemlage aus verschiedenen Blickwinkeln versuchsweise" (8) entschieden werden kann, welcher (phänomenologische) Weg zu wählen ist.
Autor: Stephan Moebius

Quelle: Das Argument, 45. Jahrgang, 2003, S. 477-478

Kommentar schreiben