Jürgen M. Amann: Mythos Interkulturalität? Die besondere Problematik deutsch-syrischer Unternehmenskooperationen. München, Wien 2007 (Eichstätter Geographische Arbeiten 16). 332 S.

Wer das erste Mal ein umfangreiches sozialwissenschaftliches Forschungsvorhaben konzipiert, kann aus der Arbeit von Jürgen M. Amann einiges lernen. Er schreibt, dass er anfangs der Meinung war „[…] alle angestrebten Instrumente entsprechend [des] am Schreibtisch entwickelten ‚Forschungsdesigns‘ in vollem Umfang und unter Erzielung eines maximalen Erkenntnisgewinns zum Einsatz bringen zu können […]. Die Realität der konkreten Arbeit im Feld beendete diese Illusion jedoch rasch“ (S. 48f.).

Die ausführliche Darstellung der methodischen Vorgehensweise sowie der dabei aufgetretenen Hindernisse ist eine der Stärken der Dissertation, die auf breiter empirischer Grundlage beruht. Eine weitere besteht in den Darstellungen der Entwicklung des syrischen institutionellen Systems und dessen Rückwirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung sowie der außenwirtschaftlichen Beziehungen des Landes, die der Autor auch jeweils durch Zitate aus seinen Interviews belegt. Jürgen M. Amann präsentiert neben der Methodik im ersten Teil des Buches auch die theoretische Konzeption seiner Arbeit. Dabei erläutert er knapp, aber sehr anschaulich die Entwicklung vom klassischen Institutionalismus zur ‚Neuen Institutionenökonomik‘ und hebt die Arbeiten von Douglass C. North hervor. Die anschließende Diskussion des Zusammenhangs von Institutionen, Kultur und Wirtschaft lässt allerdings Fragen offen, die Verhältnisse zwischen Institutionen, Kultur und Wirtschaft werden wenig deutlich. Im empirischen Teil des Buches hingegen trennt der Autor institutionell bedingte Problemfelder klar von solchen, die kulturelle Unterschiede als Grund haben. Er definiert damit Kultur neu, ohne das explizit zu machen. Bei den aus seiner Sicht kulturell bedingten Problemfeldern hebt er die Bedeutung von kulturalisierten Fremd- und Eigenbildern hervor, die es in der syrischdeutschen Zusammenarbeit zu überwinden gilt. Die damit im empirischen Teil des Buches vollzogene Reduktion von ‚Kultur‘ um die institutionelle Komponente lässt diesen Schluss zu, ist aber eine zu einfache Betrachtung und führt zu einer Unterbewertung kultureller Unterschiede. Eine Analyse dessen, wie sich kulturelle Unterschiede auf die Organisation der Zusammenarbeit und auf Interaktionen im deutsch-syrischen Kontext auswirken, wird demgemäß in der Arbeit kaum vollzogen. Im umfangreichen empirischen Teil des Buches – er basiert auf mehr als 200 Interviews und Gesprächen – wird Ankerbeispielen sehr viel Raum beigemessen. Diese verstärken den deskriptiven Charakter des Kapitels, eine stärkere Gruppierung und Strukturierung der Analyseergebnisse wäre wünschenswert gewesen. Insgesamt leistet das Buch aber einen wichtigen Beitrag zur Debatte um die Inhalte von Kultur und ihren Einfluss auf Wirtschaftsprozesse und -strukturen und trägt auch zur Diskussion um den Einsatz geeigneter Methoden in der sozialwissenschaftlichen Forschung bei.

Autor: Heiner Depner

Quelle: Die Erde, 139. Jahrgang, 2008, Heft 1/2, S. 126

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