Gernot Böhme u. Alexandra Manzei (Hg.): Kritische Theorie der Technik und der Natur. München 2003. 250 S.

Das Buch versammelt Beiträge der gleichnamigen Konferenz, die im Herbst 2001 in Darmstadt vom dortigen Graduiertenkolleg ›Technisierung und Gesellschaft‹ organisiert wurde. Für die Hg. sind Technik, Natur und Gesellschaft keine voneinander zu trennenden Gegenstände. "Kritische Theorie kann deshalb [...] heute nicht mehr nur kritische Theorie der Gesellschaft sein, sondern sie muss zugleich kritische Theorie der Technik und Natur sein" (10).

Bei näherem Lesen erweist sich diese Erweiterung dann oft als eine Einschränkung des kritischen Anspruchs. So reformuliert Böhme Horkheimers Interesse an vernünftigen Zuständen als Frage danach, "was vernünftige gesellschaftliche Naturverhältnisse sind" (21) - eine Antwort gibt er indes nicht, denn was das heutige Denken von der älteren Kritischen Theorie trenne, sei gerade "das Fehlen inhaltlicher Vorstellungen von Vernunft" (17). Auch Gerhard Gamm stellt eine "Depotenzierung der Kritik" fest; für ihn ist sie "die Folge davon, dass die fundamentalanthropologischen wie geschichtsphilosophischen Eckpfeiler zusammengebrochen sind" (29). Er plädiert daher für eine "Positivierung des Scheiterns der Kritik", da dies die einzig "zeitgemäße Gestalt der Kritik" sei (30).
Die folgenden Beiträge dienen einer Rekapitulation der Begriffe Technik und Natur in der klassischen Kritischen Theorie. Andrew Feenberg vergleicht dazu Heidegger und Marcuse. Beide treffen sich in der Kritik der scheinbaren Wertfreiheit moderner Technik, "nicht jedoch in Bezug auf ihre Politik" (45). Begreife man mit Marcuse Technik als "kulturelles Projekt und nicht als Ausdruck purer Rationalität" (50), so ließe sie sich sinnvoll als Bestandteil menschlicher Emanzipation denken. Gunzelin Schmid-Noerr wendet sich Horkheimers Technikkritik zu, die sich wesentlich "auf das Konstrukt ›technische Rationalität‹" bezieht, dessen Einfluss auf "alle gesellschaftlichen und persönlichen Lebensbereiche" (61) sie feststellt sowie seinen Umschlag ins Irrationale aufdeckt. Schmid-Noerr entwickelt daraus die Aufgabe, Technik als Lebensform zu begreifen und deren Pathologien zu analysieren, merkt jedoch kritisch an, dass Horkheimers zentrale Kategorie der Zweck-Mittel-Rationalität hierfür keine ausreichende Grundlage biete. Rolf Wiggershaus' recht allgemein gehaltener Beitrag stellt den Natur-Begriff der klassischen Kritischen Theorie in den Kontext des ›westlichen Marxismus‹. Wesentlich sei hier sowohl der Zweifel, "ob die Emanzipation der Menschen ohne Resurrektion der Natur möglich" sei (69), als auch die Rückführung des Scheiterns von Zivilisation (im 20. Jh.) auf "unbeherrschte Naturbeherrschung" (72). Kunst als Moment von Naturgedenken ist das Thema der Überlegungen von Moshe Zuckermann, dessen Ausführungen insbesondere auf die Dialektik der Aufklärung und das Verhältnis von Kulturindustrie und Kunstwerk zielen. Leider finden Adornos Ausführungen zum Naturschönen in diesem Beitrag keine Erörterung.
Egon Becker und Thomas Jahn stellen das Projekt einer "sozial-ökologischen Forschung" (93) vor, welches seit Ende der 1970er aus der "Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse" (94) entstanden ist. Kritischer Bezugsrahmen dieser Forschung, die Natur- und Sozialwissenschaft zusammenbringen will, war und ist die Kritische Theorie, ein Reibepunkt deren Nichterörterung von Natur(wissenschaft). Christoph Görg erläutert plausibel, wie Adornos Begriff der Nichtidentität als normativer Bezugspunkt zur Kritik gesellschaftlicher Naturverhältnisse verwendet werden kann. - William Leiss gibt einen kurzen Abriss der Gefahren, die mit den neuesten Technologieentwicklungen (Genetik, Nanotechnik etc.) verbunden sind, und plädiert für die Schaffung politischer Institutionen, die sich der Dynamik des wissenschaftlich-technischen Fortschritts kritisch annähmen. Dieser Vorschlag ist nun aber weder neu - was z.B. die Existenz verschiedenster Ethikkommisionen belegt -, noch wird er von Leiss inhaltlich konkretisiert. Die Beiträge von Peter-Klaus Bittner und Rudi Schmiede befassen sich mit Computertechnik, näher mit dem Begriff einer "Allgemeinen Informatik" (156) und der "Informationstechnik im gegenwärtigen Kapitalismus" (173). Der inhaltliche Bezug dieser beiden Aufsätze zu den anderen Texten ist allerdings wenig ersichtlich, so dass insbesondere Bittners Beitrag im Kontext der übrigen Beiträge recht unvermittelt wirkt.
Die letzten drei - besonders lesenswerten - Beiträge stammen aus dem Umfeld der feministischen Technik- und Körperkritik. Carmen Gransee geht der Frage nach, wie im Zeitalter technischer Hybridproduktion "Antworten auf die Konstitutionsproblematik von ›Natur‹ jenseits von Naturalismus und Objektivismus" (188) zu geben sind. Ähnlich wie Görg betont sie die Bedeutung des Nichtidentischen im gesellschaftlichen Naturverhältnis. Natur als negativer Grenzbegriff ermögliche eine Kritik an menschlicher Naturbeherrschung und stelle ein "Korrektiv wissenschaftlicher Allmachtsphantasien" dar (196). Manzei zeigt, wie die Biomedizin das "Selbstverständnis" (199) der Menschen transformiert, worauf kritische Theorie zu reagieren habe. Eine adäquate Kritik müsse auf die "Funktionalisierung des Lebendigen" (210) in der Biomedizin reagieren und die Veränderungen im wissenschaftlichen Naturverständnis ernst nehmen. Letzterem gelten die Ausführungen Jutta Webers. Sie weist darauf hin, dass die Naturkonzepte der Technowissenschaften "Ansätze zeitgenössischer Erkenntniskritik" (233) längst eingeholt haben: "Denn während in der postmodernen Erkenntniskritik die klassischen humanistischen Kategorien dekonstruiert werden, [...] operieren die Technowissenschaften schon längst nicht mehr mit dieser humanistisch verstandenen Natur" (236f). Ihr engagierter Beitrag schließt mit der Forderung, "die Definition von Natur nicht dem Diskurs der Technoscience zu überlassen" (242). Was diesem lesenswerten Sammelband zur Abrundung fehlt, ist zum Einen eine Darstellung von Ernst Blochs Natur- und Technikbegriff und zum Anderen, als substanzielles Manko, eine Erörterung von Marx' Ausführungen zu Technik und Wissenschaft unter den Bedingungen der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Besonders bedauerlich sind diese Lücken angesichts der Tatsache, dass einige Beiträge bereits anderen Orts erschienen sind.
Autor: Hendrik Wallat

Quelle: Das Argument, 46. Jahrgang, 2004, S. 748-749

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