Maria do Mar Castro Varela u. Dimitria Clayton (Hg.): Migration, Gender, Arbeitsmarkt. Neue Beiträge zu Frauen und Globalisierung. Königstein/Ts. 238 S.

Mit diesem Buch wollen die zumeist eingewanderten oder schwarzen Politik- und Sozialwissenschaftlerinnen "zur Skandalisierung und Re-Politisierung" (8) der vergeschlechtlichten, rassifizierten, klassendifferenzierten und sexualisierten Diskriminierungs- und Ausbeutungsstrukturen insbesondere auf dem deutschen Arbeitsmarkt beitragen.

Varela verbindet die globalisierten Zusammenhänge gegenwärtiger Migrationsbewegungen mit einem genderorientierten historischen Abriss der deutschen Arbeitsmigrationspolitik und bezieht diese auch auf die inkorporierten post-/kolonialen Macht- und Ungleichheitsverhältnisse. - Sedef Gümen analysiert auf erkenntnistheoretischer Ebene die Marginalisierung von Migrantinnen in der deutschen Frauenforschung. Durch den homogenisierenden Effekt einer postulierten universellen Weiblichkeit wurden wichtige Statusunterschiede ausgeblendet und die bestehende Privilegierung weißer Frauen reproduziert, was die diskursive Unsichtbarkeit von Women of Color noch verstärkte. - Dorothee Frings diskutiert, wie die derzeit durch Hartz IV und Agenda 2010 verrechtlichten Deregulierungsmaßnahmen sich unmittelbar auf die Gruppe der beschäftigten Migrantinnen auswirken und ihre bereits bestehende strukturelle Marginalisierung verstärken. Durch die Ausweitung des Niedriglohnsektors, befristete Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit, Einschränkung des Kündigungsschutzes, die Förderung geringfügiger Beschäftigung und die Auflösung tariflicher Bindungen werden besonders Arbeitskräfte mit Migrationsgeschichte aus den geschützten Bereichen des Arbeitsmarkts in prekäre und entrechtete Arbeitsverhältnisse gedrängt. Von den rechtlichen Instrumenten zum Abbau von Genderdiskriminierung in der Arbeitswelt haben weiße Frauen bisher am meisten profitiert, während die religiösen und kulturellen Interessen der Eingewanderten unberücksichtigt blieben. Da die rot-grüne Bundesregierung trotz verbindlicher EU-Regelungen bisher beharrlich die Fristen zur Implementierung eines Anti-Diskriminierungsgesetzes ignoriert, wird der Abbau rassistischer Diskriminierungen staatlicherseits erschwert. Bedauerlicherweise spart Frings die rechtlichen Grundlagen des nationalstaatlich kontrollierten Arbeitsmarktes aus, so dass die institutionalisierten Diskriminierungen etwa durch das Ausländergesetz oder die gesetzlich verordnete Bevorzugung von Deutschen und EU-Bürger auf dem Arbeitsmarkt nicht thematisiert werden. Diese strukturelle Ausschließung spiegelt sich auch in der staatlichen Einstellungspolitik wieder, so dass im öffentlichen Dienst nur 2 % der Beschäftigten Migrationshintergrund haben. Wie Clayton zeigt, werden diese Menschen vor allem bei Putz- und Reinigungsdiensten beschäftigt. Seit einigen Jahren setzen staatliche Stellen etwa im verbeamteten Strafvollzug oder im Quartiersmanagement die kulturelle Kompetenz von Eingewanderten ein, um latente Krisen einzudämmen, ohne die gesellschaftlichen Konfliktursachen zu bearbeiten (49, 97ff). Angesichts dieser Instrumentalisierung und Kontrollfunktion überzeugt Claytons Argumentation für eine stärkere Integration in den Staatsdienst wegen "höherer Wirtschaftlichkeit, Optimierung von Qualifikationsreserven und Steigerung der Leistungseffizienz" (101) so lange nicht, wie der Staat bewusst diskriminierende Praktiken institutionell verankert. Während Mona Granato und Karin Schittenhelm Ansätze der Forschung zu jungen Migrantinnen diskutieren, zeigt Schahrzad Farrokhzad am Fallbeispiel der deutsch-iranischen Community auf, dass hohe formale Bildung und gute Berufsabschlüsse den Zugang zum Arbeitsmarkt nicht erleichtern. Im Gegenteil, die rassistische Deklassierung und sozio-ökonomische Ausschließung verstärkt sich, je stärker Migrierte - etwa als Akademiker - mit Mitgliedern der Dominanzgesellschaft um reguläre und gut ausgestattete Jobs konkurrieren (141f).
Umut Erel ergänzt Bourdieus Konzepte des sozialen und kulturellen Kapitals um eine transnationale Dimension und um die Perspektive von Frauen mit Migrationserfahrung. Transnationale Räume stellen dynamische Lebenswelten in Form sozio-ökonomischer, medial-kultureller und politischer Migrationsnetzwerke dar, die nationalstaatliche Begrenzungen überschreiten. Dieser so erweiterte Kapitalbegriff ist geeignet, um die Auf- oder Abwertung des kulturellen Habitus und sozialen Status zu untersuchen, die sich aus transnationalen Migrationsprozessen zwischen asymmetrischen Gesellschaften ergeben. Eine andere transnationale Räumlichkeit problematisiert Nivedita Prasad in ihrem Beitrag über die Ausbeutung asiatischer Arbeiterinnen in Diplomatenhaushalten in der BRD. Aufgrund ihrer räumlichen Exterritorialität und der diplomatischen Immunität der Arbeitgeber werden extreme Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse begünstigt, die bisher in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. - Ganz aus dem sonst deutschen Rahmen fällt Jinthana Haritaworns spannende Fallstudie über die kulturellen Überlagerungen und körperlichen Einschreibungen von Machtverhältnissen in einem britischen Thai-Restaurant. Diese Lokalität analysiert sie als umkämpften post-/kolonialen Raum, der sowohl der Dominanzkultur für den Konsum von ethnisiertem Essen und sexualisierten Bildern als auch der subalternen Selbst-Identifikation und Selbst-Ermächtigung dient. - Die Texte in diesem Band erfüllen den Anspruch, "nicht nur informativ, sondern auch inspirierend, skandalisierend und bewegend" (23) zu sein.
Autor: Kien Nghi Ha

Quelle: Das Argument, 46. Jahrgang, 2004, S. 757-758

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