Joachim Becker u. Andrea Komlosy (Hg.): Grenzen weltweit. Zonen, Linien, Mauern im historischen Vergleich. Wien 2004. 234 S.

Die soziale Welt weist eine Fülle von Grenzen auf, die sich nicht ausschließlich in politisch-institutionellen Formen widerspiegeln: System- oder Blockgrenzen, Status-, Wohlstands- und Klassengrenzen, ethnische und Geschlechtergrenzen. Diese werden vor allem im Hinblick auf den geografischen und sozialen Raum deutlich, den sie umgeben. Grenzen stehen damit in einem Wechselverhältnis zum Raum, der wiederum - als politischer, ökonomischer oder kultureller - von sozialem Handeln konstituiert wird.

Als Resultat innerer und äußerer Kräfteverhältnisse sind nicht nur die Grenzen von politischen Einheiten immer wieder verändert worden. Für den Streit um den Verlauf und die Ziehung von Grenzen scheint es aber einen Hauptgrund zu geben: Grenzkonflikte, so die Hg. des vorliegenden Sammelbandes, entzünden sich vornehmlich an der Frage des Ein- und Ausschlusses "bei der Nutzung materieller Ressourcen" (46). In ihrer Typologie und Chronologie von Grenzen weisen sie den Staatsgrenzen eine besondere Rolle zu: Der Staat schuf sowohl die Vorbedingungen für die Verbreitung der Lohnarbeit und die Freisetzung der Arbeiter, als auch eine durch rechtliche und kulturelle Normierung hervorgerufene Vereinheitlichung von Räumen.
Durchstaatlichung und Durchkapitalisierung wurden in den westlichen Industriestaaten um einiges gründlicher vollzogen, als in den Kolonien. Es wurde eine neue Form von Räumlichkeit geschaffen, die bis heute fortwirkt. Das gilt für die postkoloniale nationale Grenzziehung in Afrika - wie Henning Melber am Beispiel Namibias aufzeigt - ebenso wie für ethnische und soziale Grenzen in den Metropolen, die die frühere Unterscheidung zwischen "freien" und "unfreien" Menschen nur etwas subtiler weiterführen. Die Willkür nationaler Grenzen hat eine immer wieder erstaunlich eindeutige Wirkung auf die Selbstdefinition der Individuen.
Grenzverläufe sowie ihre Verschiebung und Auflösung werden in historischer und politischer Perspektive betrachtet und analysiert. Dabei werden vor allem politökonomische Ansätze in Anschlag gebracht. Die umfassenden Studien, die die Auflösung von Osmanischem und Habsburger Reich vergleichen oder die letztere hinsichtlich ihrer Migrationspolitik mit der heutigen Europäischen Union auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin befragen, fahren damit gut. Die wesentlichen Strukturprinzipien kapitalistischer Gesellschaften, Konkurrenz und Klassenkonflikt, werden dabei als grundlegend für den beschriebenen Formwandel von Staatlichkeit ausgemacht. Auch die Analyse des Zerfalls Jugoslawiens auf der Grundlage der politischen Ökonomie von Hannes Hofbauer zeigt noch einmal deutlich, dass hier keineswegs in erster Linie uralte ethnische Konflikte aufbrachen. Unterschiedlich motiviert wiesen alle Balkan-Kriege der 1990er Jahre eine entscheidende "grenzüberschreitende Einmischung von außen" (187) auf, die wiederum auf eine ökonomische Aufsplitterung der Regionen rekurrierte, die weit in die Tito-Ära zurückreicht. Die Neuordnung Jugoslawiens steht gewissermaßen symbolisch für den im Buchtitel angegebenen Fokus: weltweit verschärfen sich regionale und soziale Grenzziehungen, während Globalisierung andererseits als programmatisch grenzenloses Unterfangen gilt.
Der Öffnung der Grenzen für Kapital und Waren steht dabei bekanntermaßen deren Schließung für Menschen gegenüber. Diesen Zusammenhang erläutert Karen Imhof am Beispiel Mexikos seit Inkrafttreten des NAFTA-Abkommens. Aus der Sicht der Nationalstaaten funktionieren die Grenzen dabei allerdings weniger als Barrieren, denn vielmehr als Möglichkeit, den Zuzug von Arbeitskräften zu regulieren. Und auch aus der Perspektive der Migrierenden scheint nationalstaatliche Zugehörigkeit nicht mehr der primäre Abgrenzungsmodus zu sein: Eine "pendelnde Existenzweise" (229) führe zur Entstehung neuer "transnationaler sozialer Räume" (231).
Hier gerät aber auch der politökonomische Ansatz an seine Grenzen. Denn transnationale Grenzverschiebungen beschränken sich weder auf die Migrationsproblematik, noch sind sie allein Folge oder Ausdruck ökonomischer Ungleichheiten. Wenn schon der Versuch unternommen wird, auch die Ebene von Akteuren und ihren Handlungen in die Analyse mit einzubeziehen - was der Band löblicherweise tut -, dann müsste auch ein theoretischer Fokus auf kulturelle Praktiken gelegt werden. Zwar ist Geld mit Aufkommen des Kapitalismus zu einer "zentralen Vergesellschaftungsform" (203) geworden, wie Joachim Becker und Paola Visca in ihrem Text zu Argentinien betonen. Die Veränderung von Räumen, die Etablierung von Zonen und die Verschiebung von Linien aber sind nicht immer Auswirkungen von Wirtschafts- oder Finanzkrisen. Nichtsdestotrotz sind die verschiedensten Auflösungen des nationalen Währungsraums, die Argentinien in den letzten 25 Jahren durchlaufen hat, als Fallstudie ebenso gründlich und plausibel beschrieben, wie alle anderen in dem Band versammelten Grenzfälle auch.
Autor: Jens Kastner

Quelle: Das Argument, 46. Jahrgang, 2004, S. 759-761

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