Achim Nöllenheidt: RuhrKompakt. Der Kulturhauptstadt-Erlebnisführer. Mit dem Programm von Ruhr.2010. Essen 2009. 719 S.

Noch ist das Großereignis "Kulturhauptstadt Europas. Ruhr.2010" nicht eröffnet, wird schon an ihm herumgemäkelt. Andreas Rossmann legt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8. Januar 2010 "eine kleine Mängelliste der Kulturhauptstadt Ruhr" vor. Er zählt nicht nur auf, was (noch) nicht fertig gestellt worden ist, sondern vor allem Projekte, die erst einmal oder endgültig auf Eis gelegt worden sind: etwa ein Konzerthaus für Bochum oder ein Besucherbergwerk in Essen (war das nicht in Gelsenkirchen geplant?), für das sich keine finanzkräftigen Investoren haben finden lassen.


Das von Achim Nöllenheidt vorgelegte Buch geht da einen ganz anderen Weg. Es zeigt nicht die Defizite des Kulturhauptstadtprojekts auf, sondern stellt alles dar, was es im Ruhrgebiet gibt und den Touristen interessieren könnte. Es entsteht ein Abbild einer "einzigartigen Region, die einen faszinierenden Mix aus Ballungsraum und Naturlandschaft, Kultur- und Kunstort, Sportmekka und Industrieerbe bietet" (so der Klappentext). Der kompakten Darstellung des Tourismus- und Erlebnisführers schließt sich auf mehr als 70 Seiten das Programm des Großevents "Ruhr.2010" an. Der Leser kann sich einen Überblick verschaffen, was alles in diesem Jahr an kulturellen Ereignissen unter dem Label "Kulturhauptstadt" firmiert. Deutlich wird - trotz der unzähligen und vielfältigen Formen und Inhalte -, welche Richtung hier eingeschlagen werden soll. Die einzelnen Programmfelder und Abteilungen (etwa: "Mythos Ruhr begreifen", "Metropole gestalten", "Bilder entdecken", "Kreativwirtschaft stärken", "Feste feiern" und "Europa bewegen") bieten zahlreiche Hinweise darauf. Es geht um Selbstvergewisserung und Identitätsarbeit einer Region. "Montanindustrie", "harte Arbeit", "Solidarität" und "Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen" sind hier die Schlagworte einer Geschichtsvergewisserung, die der Region ihre unverwechselbaren Geschichtsmythen liefern und Antworten geben sollen auf die Frage: wo kommen wir her? Dieser Weg war schon sehr erfolgreich von der Internationalen Bauausstellung Emscher Park eingeschlagen worden. Auch bei der Frage: "Wie wollen wir leben?" schöpft Ruhr.2010 aus den Erfahrungen der Internationalen Bauausstellung. Hier wird an das Leitbild der polyzentrischen Metropole angeknüpft. "Bildende Kunst und Stadtplanung, Landschaftsgestaltung und Architektur gehen neue Verbindungen ein. Die Passagen zwischen den Städten werden zu Vermittlern inspirierender Erlebnisse. Es entstehen neue Kulturorte. Künstlerische Interventionen geben dem Wandel Impulse." (S. 654) Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, dass sich viele Veranstaltungen des Kulturhauptstadtjahres vornehmlich an die Bevölkerung in der Region richten, ja, viele Programmpunkte von dieser getragen werden. An Ausstrahlungseffekte über die Region hinaus wird zwar auch gearbeitet, das aber ist nicht das Hauptanliegen. Dass dabei vieles nach Provinzialismus (ein Vorwurf übrigens, dem die Kulturmacher im Ruhrgebiet immer wieder ausgesetzt sind) aussieht, ist kein Unfall, sondern wird in Kauf genommen.

Zurück zum eigentlichen Inhalt des Buches von Achim Nöllenheidt. Im ersten Kapitel werden sämtliche Städte und Gemeinden des Ruhrgebiets, von A wie Alpen bis X wie Xanten, in kurzen Porträts vorgestellt. Aufmerksame Leser können da sicherlich stutzig werden: Die linksrheinischen Städtchen Alpen und Xanten gehören zum Ruhrgebiet? Der Autor lässt sich erst gar nicht auf eine Ein- und Abgrenzungsdiskussion ein. Er löst die Frage wohltuend pragmatisch-politisch. Für ihn gehören alle Städte zum Ruhrgebiet, die dem Regionalverband Ruhr (RVR, dem früheren Kommunalverband Ruhrgebiet, KVR) angehören. Schon hier erkennt der Leser, dass Unterschiede im Ruhrgebiet überwiegen. Was soll auch die Klammer oder die gemeinsame Problemlage sein, die so verschiedene Städte wie Alpen und Duisburg, Xanten und Oberhausen verbindet?

Weitere Kapitel über "Geschichte", "Kunst & Kultur", "Sport", "Natur & Erholung", "Freizeit & Entertainment" und "Citylife" lassen kaum einen Aspekt dieses größten Ballungsraums Deutschlands, der für Touristen interessant sein könnte, unerwähnt. Ein gesonderter Abschnitt über "Industriekultur" beschäftigt sich mit den eigentlichen Besonderheiten des Ruhrgebiets, die mit der IBA Emscher Park ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt sind, heute für einen zunehmenden Ruhrgebietstourismus sorgen und als die wesentlichen Identitätsmarken der Region ins rechte Licht gerückt werden. Ein alphabetisches und ein Register nach Städten erleichtern die Handhabung des Buches und garantieren, das zu finden, was gesucht wird. Insgesamt ist das Buch dem zu empfehlen, der sich kompakt und kurz gefasst über das Ruhrgebiet in all seinen touristisch interessanten Details informieren will. Selbst für den Ruhrgebietskenner erschließen sich Aspekte, die ihm bisher unbekannt waren. Für denjenigen, der das Ruhrgebiet im Kulturhauptstadtjahr besuchen will, gehört es (auch angesichts des günstigen Preises von 9,95 EUR) auf jeden Fall in die Reisetasche.

Autor: Jörg Becker


Zitierweise:
Jörg Becker: Rezension zu: Achim Nöllenheidt: RuhrKompakt. Der Kulturhauptstadt-Erlebnisführer. Mit dem Programm von Ruhr.2010. Essen 2009. 719 S. In: raumnachrichten.de http://www.raumnachrichten.de/ressourcen/buecher/893-kulturhauptstadt

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