Jean-Paul Rodrigue, Claude Comtois and Brian Slack: The Geography of Transport Systems. London, New York. 2006. 285 S.

Die schöne neue Welt des Internets bietet Erstaunliches und sie kann - das lernen schon unsere Erstsemester - viel Arbeit sparen. Epigonen stellen inzwischen ganze Bücher aus Wikipedia zusammen. So war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Internet-Blogs als vermarktungsreif angesehen wurden. Das ist nicht von vorne herein als negativ zu beurteilen. Immerhin kann die Vernetzung und sinnvolle Verknüpfung einer Vielfalt von Meinungen und Fachdetails, von einer aufmerksamen ‚community' zusammengetragen, höchst anregend sein.

So taten sich drei Geographen von nordamerikanischen Universitäten, davon zwei frankophone, zusammen, um Ergebnisse und Inhalte ihrer 1997 begonnenen Initiative "Transport Geography on the Web" zu präsentieren, aufgeteilt in die beiden Arbeitsstränge ‚Konzepte der Geographie' (d.h. vor allem Gliederungen, Definitionen und Inhalte) und ‚Methoden' (qualitative und quantitative Gestaltungs- und Planungsansätze einschließlich der Informationstechnologien). Folgt man dieser im Ansatz überzeugenden Gliederung, so finden sich im Einführungskapitel "Transport and geography" manch nützliche, manch triviale und einige verwirrende Aussagen (Fig. 1.1!), leider - wie auch in den meisten folgenden Kapiteln - ohne irgendwelche Quellenangaben und auch ohne Maß und Zahl. Einige der durchgehend etwas schlichten Karten scheinen der Fantasie entsprungen zu sein (Fig. 1.9: "Römerstraßen rund um den Mediterranean Ocean"), und im Überblick der Verkehrsgeschichte werden die Molukken-Inseln zu "Mollusken" (S. 15). Mancher Begriff von geringem Erkenntniswert präsentiert sich in den üblichen Versatzstücken. Denn ob ‚Post-Fordismus' etwas mit der Ausbreitung der Telekommunikation zu tun hat (S. 23ff.), bleibt doch zweifelhaft. Gerade die von F. Taylor bei Henry Ford eingeführte Wissenschaft der Arbeitsteilung erlebt heute ihre Hochblüte in den neuen Formen von Güterdistribution und Trennung von Verkehrsweg und Verkehrsmittel, sodass wir sozusagen beim ‚Re-Fordismus' landen. Nützlicher sind hier die Blicke auf technische Innovationen (Fahrzeug und Fahrweg) und die beiden Methodenmodule "Zugänglichkeit und Erschließung" sowie "Geographische Informationssysteme" (Raster und Vektoren). Das Kapitel "Transportsysteme und Netze" ist klarer strukturiert. Aufbauend auf den inhaltlichen Teilelementen Transportkosten, Verkehrsnetze und Angebot-Nachfrage-Spannungsfeld stellt es Methoden der Graphentheorie und der Modellierung von Netzen vor. Ähnlich ist das nächste Kapitel "Wirtschaftliche und räumliche Strukturen der Transportsysteme" aufgebaut. Die Abschnitte Wirtschaftsentwicklung, Raumorganisation und Standorte sowie die Methodenmodule "Lineare Optimierung und Analyse der Absatzgebiete", insbesondere dem neo-klassischen Ansatz im Sinne der Lehrbücher von Taafe und Gauthier, Hoyle und Knowles folgend, schließen sich an. Die nächsten Kapitel betrachten die Verkehrsmittelwahl und Verkehrsknoten. Das Kapitel zur "(Organisation der) internationalen und regionalen Verkehre" wirft über das Konzept der Transportketten hinaus einen durchaus nützlichen Blick auf Inhalte und Konzepte der Transportlogistik. Weitere Kapitel behandeln den Stadtverkehr (einschließlich Methoden seiner Erfassung) und den Zusammenhang zwischen Verkehr und Umwelt. Letzteres bringt viele schöne Wörter und verbalisiert Zusammenhänge, jedoch fehlen neben Maß und Zahl die aktuellen Monetarisierungsansätze für die vom Verkehr verursachten Umwelteffekte. Der abschließende Abschnitt zu Verkehrsplanung und Verkehrspolitik blickt auf die finanziellen (Subventionen) und administrativen (Regulierung/Deregulierung) Instrumente zur zielorientierten Steuerung insbesondere des Verkehrsangebotes, aber auch der Nachfrage. In der Zusammenfassung stellen die Autoren recht knapp als besondere Herausforderungen (und Aufgaben für Geographen) vor: Überlastung der Verkehrswege/Stau (ohne Lösungsvorschläge); Umweltprobleme in Bezug auf Energieverbrauch, Luft- und Wasserverschmutzung sowie Flächenverbrauch; Organisationsfragen/Logistik in horizontal und vertikal verbundenen weltweiten Produktions- und Austauschprozessen. Der Text, der sich als "studentenfreundlich" bezeichnet, schließt mit der Hoffnung, beim Leser ein Interesse für weiterführende Studien der Verkehrsgeographie geweckt zu haben. Das ist nicht  immer einfach. Die Wortfülle ist zwar durch Definitionen der Stichworte gegliedert und Diagramme sollen inhaltliche Zusammenhänge erläutern, doch es fehlen Datenreihen, Quellenangaben im Text und einige prägnante Fallstudien. Diese sind die eigentliche Stärke der anglo-amerikanischen Wirtschaftsgeographie und hätten auf den 285 Seiten viel Platz gehabt. Gerade das Urkonzept des Internetblogs hätte hier kreative und aktuelle Fallstudien einbauen können. Trotz aller verbalen Anstrengungen kommen auch die ökonomischen Modelle und Zusammenhänge zu kurz. Dagegen ist das Grundkonzept der einzelnen Kapitel mit einer inhaltlichen Darstellung zum jeweiligen Thema und den anschließenden Methoden der Analyse und planerischen Beeinflussung didaktisch gut aufgebaut. Jenseits des originellen konzeptionellen Ansatzes erhält der Rezensent nicht das Gefühl, etwas Neues gefunden zu haben. Die anglo-amerikanischen Klassiker der 1990er Jahre (und erfreulicherweise einige französische Quellen) sind umfangreich referiert, doch kommt die Wirtschaftsgeographie jenseits Von Thunen (sic!) und A. Weber zu kurz. Vielleicht ist deshalb der Band als ‚Human-Geography'-Textbuch vermarktet. Unser europäischer Markt und unsere Studenten sollten ein wenig mehr verlangen.
Autor: Konrad Schliephake

Quelle: Die Erde, 140. Jahrgang, 2009, Heft 1, S. 88-89

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