Dirk Quadflieg: Differenz und Raum. Zwischen Hegel, Wittgenstein und Derrida. Bielefeld 2007. 364 S.

Innerhalb der Humangeographie hat die Rezeption philosophischer Arbeiten eine junge, aber durchaus "Konjunktur" zu nennende Intensivierung erfahren. Ausgehend von gesellschaftstheoretischen Entwürfen (Weber, Marx, Giddens, Berger/Luckmann, Luhmann etc.) ist aktuell die Handlungs- und Diskurstheorie im Sinne eines fruchtbaren "Imports" mittlerweile durchaus als methodologischer Hintergrund anerkannt. Zu diesem theoretischen Interesse passt auch die Diskussion von Dirk Quadfliegs Aufbereitung der Differenztheorien Hegels, Wittgensteins und Derridas: Differenztheorie ist Bedeutungstheorie und damit eine Instanz, die all jene Gegenstände betrifft, die z.B. in der neuen Kulturgeographie als sozial konstruiert bezeichnet und behandelt werden.

Zeichen, Sprache, Körper, Schrift, Materie - all diese Begriffe und Themen sind einerseits raumrelationiert und raumkonstitutiv, andererseits in den Weisen ihrer Verwirklichung allenfalls ansatzweise untersucht. Außerdem verspricht der Titel von Quadfliegs Arbeit, sich mit der Verbindung von Differenz und Raum stärker als andere philosophische Arbeiten dem geographischen Forschungsinteresse anzunähern.
Quadflieg gliedert sein Buch in zwei Komplexe: Im ersten Teil "Zur Logik der Grammatik" wird der gemeinsame Fluchtpunkt der drei großen Entwürfe dargestellt. Diese lassen sich zunächst unter dem Begriff der "Grammatik" sammeln, weil damit ein Denken in Relationen, Bewegungen und Regeln benannt werden kann. Nicht feststehende Einheiten oder irgendwelche Grundbegriffe bilden die Basis für die Erzeugung von Bedeutung, sondern die Beziehungen, die zwischen diesen Einheiten bestehen. Diese Beziehungen, z.B. in Form der Differenz, sind auch nicht als nachträgliche "Belebung" zunächst isolierter Einheiten zu verstehen, sondern besorgen überhaupt erst deren Konstitution. Der Autor zeigt, wie diese Grundperspektive sowohl bei Hegels Begriffstheorie als auch bei Wittgensteins Sprachphilosophie und auch bei Derridas Theorie der différance den Weg zu einer Erklärung für die Entstehung von Bedeutungen (von Begriffen, Sprechakten oder Schrift) frei macht. Damit wird der Empirismus, der Bedeutungen stets mit einem Außenbezug zum wesenhaft fixiertem Objekt abzugleichen, zu korrigieren und zu entscheiden sucht ("Metaphysik der Präsenz") ebenso verabschiedet wie das bedeutungsschaffende und erkennende Subjekt im Sinne Descartes und Kants. Die empiristischen und subjektphilosophischen Versionen der Weltgenerierung, das Suchen nach äußerem Halt oder innerem Wesenskern, werden aufgegeben zugunsten einer rein begrifflichen bzw. textlichen Erzeugung von Sinn und Bedeutung mit Hilfe der Differenz. Bedeutungen beruhen demnach auf einem dialektischen (Hegel), einem pragmatischen (Wittgenstein) oder dekonstruktiven (Derrida) Unterschied, der als eine Art gedankliche Bewegung zu verstehen ist. Er zeigt, dass diese Neubestimmung keineswegs als "anything goes" im Sinne einer Autoren- oder Interpreten-Willkür verstanden werden kann. Vielmehr bleiben Bedeutungen durchaus modal und formal strukturiert (an einer offenen Hermeneutik oder "Textphänomenologie" haben alle drei Denker wenig Interesse).
Daraus folgt, dass zwar der feste Grund von Begriffen oder Aussagen im Sinne ihrer universalen Gültigkeit oder fixen Essenz schwindet, dass es aber sehr wohl möglich und lohnend ist, allgemeine Aussagen über bestimmte "Sprachspiele" (Wittgenstein) zu treffen. Hegels Theorie des Begriffs behält ohnehin einen Meta-Status bei und Derrida sieht seine Schrift- und Differenztheorie ebenfalls als textübergreifend anwendbar an. Hierzu arbeitet der Autor detailliert und verständlich den gemeinsamen Ursprung der drei Philosophien in der Metaphysik-Kritik, aber auch die Probleme jeder post-essentialistischen und nicht-referentiellen (nicht-externalistischen) Bedeutungstheorie heraus (S. 56 f., 64). Wie will beispielsweise (der späte) Wittgenstein ein Sprachspiel allein aus dessen Regeln erklären? Wie kann man Sprachbedeutung rein aus Sprachgebrauch ableiten? Wenn keine äußere Instanz über den Status von Aussagen entscheidet, dann ist tatsächlich immer dann ein Foul passiert, wenn der Schiedsrichter pfeift - denn ein Foul ist durch das Zeichen, den Pfiff erst definiert. Wittgenstein "löst" das Problem, indem er mit dem Begriff der Lebensform einen zwar sprachlich basierten, aber eben nicht beliebig zu transzendierenden Kontext der Sprache schafft. Derrida geht es genau um eine restance, einen Rest einer Konstante, die sich im Spiel der Differenz zeigt. Diese könnte man vielleicht als "misslungene Gleichheit" verstehen, womit eine fundamentale Kritik am Identitätsbegriff gemeint ist.
Im zweiten Teil "Den Raum denken" (S. 165 ff.) zeigt Quadflieg, dass all diese Gegenentwürfe zu den klassischen objekt- oder subjektbezogenen Modellen eine Raummetaphorik benutzen, um sich das Phänomen der Differenz zu vergegenwärtigen. Denn für die Differenz sind das Zeitliche und Räumliche im Sinne des Bewegungsprinzips, eines zeitlichen Zwischenraums (S. 83), einer Spur, eines Netzes, des Ursprungs, des Fort- oder Rückgangs (S. 236), des Aufschubs, des Intervalls (S. 250 f.) etc. (un)ausgesprochen konstitutiv. Seine These ist, dass Raum sowohl Konstruktionsmittel als auch Verständnishilfe für Theorien der Differenz sei. Der "Raum" ist bei Quadflieg mehr als eine allein kognitive, private, psychische Räumlichkeit, die ohnehin immer am und im Werk des Genius ist. Mit "Denkraum" (S. 23 f., Kap. 4 u. 5) bezeichnet Quadflieg die Möglichkeit der Bedeutungskonstitution aus Zeitlichkeit und Bewegung. Mit "Bewegung" ist die Kopplung von Raum, Zeit und Differenz vielleicht am klarsten ausgedrückt. "Denkraum" meint einen Raum der begrifflichen Beziehungen, die die drei Philosophien unterhalten, es meint aber auch "Darstellungsraum". Der Denkraum ist kein historischer Container, sondern ein Bewegungsprodukt (S. 318 f.). Hier sind durchaus Parallelen zur geographischen "Modernisierung" des Raumbegriffes erkennbar.
Eine überraschende Pointe bietet seine abschließende Diskussion der drei Entwürfe: Derridas Dekonstruktion ist am ehesten als transzendental zu charakterisieren (S. 331). Das Konzept der différance bleibt als ausgreifende Figur über den Realbewegungen des Differenzierens bestehen, während Wittgensteins Sprachspiele vollständig im Situativen und Kontingenten aufgehen - die Möglichkeit einer universalen Satzform kennt Wittgenstein (S. 316) nicht. Speziell zu diesem Punkt hätte sich Quadflieg mit Chomskys Universalgrammatik eine interessante Kontrastfolie geboten.
Nicht ganz klar ist, warum Quadflieg abschließend Foucault bemüht, um den Denkraum zwischen Hegel, Wittgenstein und Derrida aufzuspannen. Die zitierte "Archäologie des Wissens" und "Die Ordnung der Dinge" erscheinen im Vergleich zu Quadfliegs eigenem Stil vergleichsweise konservativ im Sinne einer Einordnung in einen modernen philosophiehistorischen, chronologischen Diskurs.
Quadflieg schließt mit dem einprägsamen Bild des Narziss als Bild der philosophischen Tradition - die Welt als Spiegel des Selbst, dessen Bild sich beim Versuch der Annäherung auflöst. Die Differenzphilosophie gibt hier die Nymphe Echo, die Narziss' Rufe wiederholt, aber nicht als Identisches (S. 347).
Insgesamt wird in Quadfliegs Darstellung deutlich, dass es ihm weniger um eine Problematisierung und Klärung des Raumbegriffes selbst geht, sondern dass umgekehrt die Explikation der untersuchten Philosophien mit dessen Hilfe angeleitet werden soll. "Denkraum" meint eine didaktische, keine primär geographische Figur.
Das heißt für den humangeographisch situierten Leser, der vielleicht an neuen Operationalisierungsvorschlägen für die Raumterminologie interessiert ist, dass er eine umgekehrte Bewegung zu der Quadfliegs vollziehen müsste, um aus der Analyse der Differenztheorien zu einer fruchtbaren Problematisierung und Klärung der Kategorie "Raum" zu gelangen. Eine grundsätzliche Ausblendung des "nur philosophischen" Raumes sei mit dieser vorgeschlagenen Gegen-Bewegung aber nicht gemeint, denn es ist ja gerade eine Pointe der jüngeren sozialgeographischen Forschung zu zeigen, wie eng kognitiv-metaphorisch-symbolischer Raum und der materiale Objektraum aufeinanderbezogen und letzterer durch ersteren strukturiert und bestimmt ist. Aus demselben Grund kann man die geographische Rezeption der Differenz-Philosophie auch nicht als "Missverständnis" abtun, das einen kognitiven mit einem "richtigen" Raum verwechselt hat. Eher geht Quadflieg genau vor diese Unterscheidung zurück und zeigt, warum der Abendländer überhaupt zwischen Raummetaphorik und Objektraum unterscheidet. Zum Beispiel kann die These, dass Bedeutungen innerhalb eines "differentiellen Netz"es (S. 80) generiert werden, mit der Popularität des Netz-Begriffes als aktuellem geographischen Konzept zumindest verglichen werden. Die Adaption an die geographische Diskussion wäre zum Beispiel in dem Sinne zu leisten, dass man Gebrauch/Sprachspiel/Lebensform (Wittgenstein) und Differenz (Derrida) als Bedeutungsgeneratoren jedweder Alltags- und damit Raumsemantik ausbuchstabiert. Denn auch die Sprache von Raum erklärt sich nicht durch das benannte Objekt, sondern durch Gepflogenheiten des Benennens, die auf dem Modus des Differierens beruhen. Wie Raum als Unterscheidungsprinzip eingeführt wird - darüber kann die Philosophie der Differenz mehr sagen als es ein traditioneller Naturalismus oder auch ein pauschalisierender Konstruktivismus vermag.
Quadflieg stellt die Komplexität der untersuchten Theoriegebäude in einer gut verständlichen Art dar, bietet zwar keine methodische Operationalisierungsanleitung für Geographen, aber einen Zugang zur Differenzphilosophie ohne philologische Sakralisierung der großen Denker - keine Vermengung und Grobreduktion, sondern umsichtige Parallelisierung. Überzeugend ist seine Herangehensweise auch deshalb, weil sie die "post-metaphysische" Philosophie nicht einfach als Geschichte der Radikalisierung von Empirismus- und Idealismuskritik versteht, wie es in den Sozialwissenschaften oftmals als neue versteckte Teleologie durchscheint.
Autor: Tilo Felgenhauer

Quelle: Geographische Zeitschrift, 96. Jahrgang, 2008, Heft 1 u. 2, Seite 117-119

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